Analyse

Ist die Kombination aus Blockchain und KI das nächste große Ding?

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Nach und nach soll so ein immer vollständigeres Netzwerk von künstlichen Intelligenzen entstehen, das immer mehr Aufgaben übernehmen kann – und so in seiner vernetzten Gesamtheit langsam aber sicher an die generelle Intelligenz eines Menschen herankommt. Laut Wired räumt Goertzel ein, dass dies allerdings Jahrzehnte dauern kann. Im Grunde funktioniert das menschliche Gehirn vom Prinzip her ähnlich: Sehr einfache Neuronen sind hochspezialisiert und erst durch die Vernetzung untereinander entsteht das, was wir als die Wunderleistung des Gehirns kennen.

Singularity-Net präsentiert sich dabei als ein demokratisierter Ansatz der künstlichen Intelligenz. Das Netzwerk und seine Fähigkeiten soll potentiell jedem über Smart Contracts und damit gegen Geld zur Verfügung stehen. Die Software soll komplett unter Open-Source-Lizenzen entwickelt werden. Die verteilte Blockchain-Struktur soll dafür sorgen, dass Singularity-Net nicht von einer einzelnen Organisation oder einem Unternehmen kontrolliert wird.

„Ich glaube nicht, dass das was passiert – einige wenige Unternehmen besitzen KI praktisch, stellen jeden AI-Forscher an und kaufen jedes KI-Startup – das Beste für die Menschheit ist“, sagte Goertzel Wired. „Das würde bedeuten, dass am Ende eine KI auf menschlichem Niveau von diesen großen Unternehmen kommt.“ Statt die KI zum Wohle der Menschheit einzusetzen, fürchtet er, dass die Unternehmen sie beispielsweise für noch besseres Werbe-Targeting nutzen würden.

Langfristiges Ziel: technologische Singularität

Goertzel verheimlicht nicht, dass der Masterplan hinter dem Projekt der Bau der ultimativen künstlichen Intelligenz ist – schon der Name Singularity-Net macht das deutlich. Der Begriff technologische Singularität bezeichnet den theoretischen Zeitpunkt, an dem eine universale künstliche Intelligenz die Fähigkeiten des Menschen übersteigt. Diese könnte sich ab dann selbst verbessern, die verbesserte KI wiederum eine noch bessere hervorbringen, die wiederum eine weiter verbesserte KI programmiert und so weiter. Soweit zumindest die Theorie – wann und ob es je soweit ist, bleibt natürlich unklar.

Ebenso unklar ist, welcher Ansatz der KI sich künftig durchsetzt. Das von Goertzel klingt in der Theorie sehr spannend – aber werden die Smart Contracts auch in der Praxis so funktionieren wie gedacht? Der crowdfinanzierte Ansatz über die Blockchain von Singularity-Net tritt gegen KI-Schwergewichte wie Google, Amazon und zunehmend auch Facebook, Apple, Tesla und Microsoft an. Und bisher ist Singularity-Net nicht mehr als eine Idee.

Ein technisches Whitepaper sei fertig und soll bald veröffentlicht werden, sagte ein Sprecher des Projekts. Noch befinde es sich aber in einem „Peer-Review-Prozess.“ Zum geplanten ICO wollte sich der Sprecher nicht weiter äußern. Bislang sei das Projekt privat finanziert durch Unterstützer aus der Krypto-Szene – darunter der Token-Fonds Taas. „Wir arbeiten derzeit an unserem Partnerschafts-Programm“ sagte der Sprecher weiter.

Ziel sei es, mehr Entwickler und KI-Software auf das Netzwerk zu bringen. Dazu spreche das Projekt derzeit Universitäten und Entwickler auf der ganzen Welt an. Im Unternehmens-Blog kündigten die Macher eine Alpha-Version der Software für November an. Bislang stehen 500 Dateien auf dem Github-Repository von Singularity-Net bereit, die Software ist in der Programmiersprache Python geschrieben.

Fraglich ist auch, ob die KI-Horrorvision, die Goertzel angesichts der Dominanz von Firmen wie Google und Amazon vor Augen hat, wirklich zutrifft. Vor allem Google und Microsoft betonen stets die Offenheit ihres Ansatzes in der künstlichen Intelligenz: Sie bieten „AI as a Service“ an – also Rechenkapazitäten für KI-Berechnungen, die jeder aus dem Internet beziehen kann. Wichtige Software und Frameworks, wie das vor allem von Google entwickelte Tensorflow, stehen außerdem ohnehin unter einer Open-Source-Lizenz und stehen jedem offen.

Klar ist derzeit: Auf dem Markt der Möglichkeiten, die Gründer derzeit zum Thema Blockchain-Visionen anbieten, bietet Goertzel auf jeden Fall zumindest eine sehr spannende Geschichte an, die die Phantasie anregt. Je nachdem in welche Richtung man diese Phantasie weiterspinnt, steht am Ende eine große demokratische menschheitsbeglückende Superintelligenz, die jedem zur Verfügung steht oder eine Science-Fiction-Dystopie à la „Skynet“, wie sie in den Terminator-Filmen die Menschheit unterjocht. Am wahrscheinlichsten ist vermutlich, dass keine der beiden Visionen zutrifft und das Projekt an technischen oder anderen Herausforderungen scheitert – aber immerhin zeigt die Idee, in welche Richtung sich die Kombination von Blockchains und KI entwickeln könnten.

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