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Burnout: Die Schattenseite der Digitalisierung

(Foto: Shutterstock-Frankie's)

Moderne Technologien erleichtern uns das Leben jeden Tag – beruflich wie privat. Doch die Digitalisierung hat nicht nur gute Seiten, sie macht auch krank.


Die Zahlen sind erschreckend: Mit 37 Prozent sind psychische Erkranken wie Depressionen und Burnout der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit. „Im Vergleich zu vor zehn Jahren ist das eine Zunahme von 40 Prozent“, alarmiert Amar Banerjee. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung des Versicherungskonzerns Swiss Life, der die Studie in Auftrag gab. Häufig genannte Gründe sind Stress, Leistungsdruck und eine mangelhafte Work-Life-Balance. Es scheint, als seien Burnout und Co. immer populärer werdende Modekrankheiten. Schließlich mussten die Menschen vor hundert Jahren noch viel härter arbeiten als wir heute. Hinzu kommt, dass moderne Technologien uns einen großen Teil der Mühe abnehmen. Aber tun sie das wirklich? Oder sind sie vielleicht sogar ein Grund für die steigenden Krankheitszahlen?

Um die Folgen der Digitalisierung auf uns und unsere Psyche verstehen zu können, ist es wichtig, zunächst einen tieferen Blick in die Evolution der Arbeit selbst zu werfen. Denn während es heute geradezu als schick gilt, bis um 20 Uhr im Büro zu sitzen und auch im Urlaub für seinen Chef und die Kollegen erreichbar zu sein, war das Arbeiten im Mittelalter noch mit einem eindeutig negativen Image behaftet. Wer harte, körperliche Arbeit verrichten musste, der gehörte zur Unterschicht. Muße und Vergnügen waren allein dem Adel vorbehalten. Erst mit der Reformation wandelte sich dieses Bild. Luther spaltete nämlich nicht nur die Kirche, sondern sorgte mit seinen Thesen auch in der Arbeitswelt für einen Umschwung. „Wer faul ist, der lebt in Sünde“, lautete das Urteil des Reformators. Und so erhob sich hartes Arbeiten zu einer Art christlicher Tugend.

Leben, um zu arbeiten

Mit der industriellen Revolution wendete sich das Blatt jedoch erneut: Technischer Fortschritt und die Elektrisierung machten das Leben in den wachsenden Städten zwar komfortabler, doch gleichzeitig schien die Welt immer rastloser zu werden. 16-Stunden-Schichten gehörten in den Fabriken zur Normalität. Und: Immer häufiger klagten Patienten über ein seltsames Unwohlsein, Konzentrationsschwäche, Ermüdung und Reizbarkeit. Der New Yorker Mediziner George Miller Beard machte vor allem die großstädtische Reizüberflutung für die Symptome verantwortlich. Der 1869 von ihm geprägte Begriff der „Neurasthenie“, der im Deutschen häufig mit „reizbare Schwäche“ übersetzt wird, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der häufigsten Diagnosen.

Burnout ist also kein neues Phänomen. Es hat lediglich einen neuen Namen. Und genau genommen ist es nicht einmal eine Krankheit. Beim Burnout handelt es sich um eine ganz natürliche Reaktion des Körpers – beim Menschen genauso wie bei Tieren. Sehen wir uns mit einer vermeintlichen Gefahr konfrontiert, reagiert der Körper, indem er einen Cocktail aus Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol ausschüttet. Herz und Lunge werden stärker durchblutet. Der Geist ist hellwach. Für unsere Vorfahren war das überlebenswichtig, um kritische Situationen blitzschnell abwägen und reagieren zu können.

Durch den Wald jagen und uns gegen wilde Tiere verteidigen müssen wir schon lange nicht mehr. Das hormonelle Stresssystem in unserem Körper ist aber immer noch dasselbe. Hält der Stress an, führt das zu einer Überproduktion an Cortisol – und das macht krank. Umfragen zufolge zählt bis zu ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung zur Risikogruppe der Burnout-Patienten. Die Annahme, wer mehr arbeitet, sei eher gefährdet, ist jedoch ein Trugschluss. Der Vergleich zeigt: In den 50er Jahren war es in der Metall- und Elektroindustrie noch völlig normal, 48 Stunden die Woche zu arbeiten. Und auch der Urlaubsanspruch war noch deutlich geringer. Für die Forderung von 18 Tagen musste die IG Metall zur damaligen Zeit heftige Gegenwehr einstecken. Wie kann es also sein, dass wir trotz angenehmerer Bedingungen den Arbeitsalltag heute als so viel stressiger empfinden?

Wenn 24/7 krank macht

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Arbeitswelt von heute und damals besteht in der Frage nach dem Wie: Während es in den 50ern noch an der Tagesordnung war, mit den Händen anzupacken, arbeitet inzwischen rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer am PC. Diese neue Technologie hat Bereiche wie die Kommunikation und die Datenverarbeitung zwar maßgeblich revolutioniert. Eine Folge davon ist aber auch, dass wir gezwungen sind, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu leisten. Wir stehen geistig in ständiger Alarmbereitschaft – und das meist bei körperlich kompletten Stillstand.

Das setzt sich in unserem Privatleben nahtlos fort: Dank unseres Smartphones sind wir immer erreichbar. Apps wie Instagram zeigen uns außerdem eine Welt der Perfektion, in der Erfolg, Geld und Schönheit mit Glück aufgewogen werden. Wir stecken also sowohl beruflich als auch privat oft in einer Spirale der Selbstoptimierung. Fälle wie der des schwedischen DJs Avicii zeigen jedoch: Es kann jeden treffen – völlig unabhängig davon, wie perfekt sein Leben nach außen hin auch scheint. Die Dokumentation „True Stories“ zeigte, wie der enorme Druck den jungen Musiker allmählich krank machte. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Magenschmerzen. Der toxische Cocktail aus Stresshormonen legt nach und nach Organe und Psyche lahm. Bis man schließlich nicht mehr kann.

Der Feind in uns

Schuld ist etwas, das Wissenschaftler als „Burnout-Gen“ bezeichnen. Es verdeutlicht, dass das Empfinden von Stress nicht nur eine Frage äußerer Faktoren ist. Der Grund für die individuelle Wahrnehmung von Stress ist die in Gefahrensituationen ausgeschüttete Menge an Cortisol, die bei jedem unterschiedlich ist und von außen nicht beeinflusst werden kann. Sie ist angeboren. Während manche also in Anbetracht von Deadlines, Meetings und Präsentationen einen kühlen Kopf bewahren, können andere dieses Tempo nur eine gewisse Zeit lang mithalten. Die Stresshormone in ihrem Blut machen sie kurzfristig extrem leistungsfähig. Hält dieser hormonell betrachtete Ausnahmezustand jedoch an, sind Konzentrationsschwäche, Schlaf- und Verdauungsstörungen oft die Folge.

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3 Kommentare
Titus von Unhold
Titus von Unhold

„Und genau genommen ist es nicht einmal eine Krankheit“

Medizinische Laien sollten sich nicht einen solchen Blödsinn zusammenspinnen. In der Arbeitsmedizin wird das seit Jahrzehnten, durch Studien gestützt, anders gesehen. Und auch die ICD hat ein entsprechendes Update erhalten.

Antworten
Noëlle Bölling

Sehr geehrter Herr von Unhold,

es tut mir leid, wenn die von Ihnen zitierte Passage missverständlich ist. Sie können in jedem Fall sichergehen, dass in jedem unserer Artikel sehr viel Recherchearbeit steckt. Gemeint ist: Burnout ist keine heilbare Erkrankung wie ein Schnupfen. Die hormonollen Prozesse, die zu Burnout führen, sind normale Vorgänge im Körper, die evolutionär wichtig waren und teilweise vielleicht auch immer noch sind. Das bedeutet aber auch: Wer an Burnout „erkrankt“, kann nicht allein durch die Einnahme von Medikamenten etc. genesen. Viel zielführender wäre es, unser Leben (vor allem im beruflichen Sinne) so auszulegen, dass derartige dauerhafte Stresszustände nicht entstehen können.

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Dem letzten kann ich uneingeschränkt zustimmen, dennoch ist eine Krankheit eben mehr als etwas was man mit Medikamenten behandeln kann.

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