Mit dieser Methode kämpfen Google-Mitarbeiter gegen Burnout an

(Foto: Shutterstock-KieferPix)

Erschöpfungsgefühle? Angstattacken? Dunkle Gedanken? Daran kann der Job schuld sein: Es kann an die Substanz gehen für Unternehmen zu arbeiten, die ständig Höchstleistungen abverlangen – egal ob im Startup oder im Konzern. Selbst wenn dem Beruf mit Leidenschaft und Motivation begegnet wird, heißt das nicht, dass er sich nicht auch gleichzeitig negativ auf die eigene Befindlichkeit auswirken kann. Tech-Giganten wie Facebook, Apple oder Google geben viel Geld aus, um ihren Mitarbeitern alltägliche Aufgaben abzunehmen und so die To-Do-Liste klein zu halten. Benefits neben der üppigen Bezahlung sorgen für Entlastung. Doch Kindergärten und Wäsche-Services im Büro sind nur das eine. Eine ganz andere Sache ist es, den psychischen Druck zu nehmen.

Kaum ein Begriff hat in den vergangenen Jahren häufiger die Runde gemacht als er Burnout. Darunter fassen Mediziner unter anderem Symptome zusammen, die mit emotionaler Erschöpfung und dem Gefühl von Überforderung einhergehen. Die Gefahren des Ausgebranntseins sind real und gehen auf verschiedene Gründe zurück: Herrschsüchtige Vorgesetzte, intrigante Kollegen, oder ein Mangel an Ruhe können der Auslöser sein. Auch indogene Faktoren wie Perfektionismus oder die Unfähigkeit zur Abgrenzung werden diskutiert. Der Burnout gilt als Volkskrankheit Nummer eins. Die FAZ sprach unlängst von der „ausgebrannten Republik“. Laut Schätzungen der Krankenkassen sind bis zu 13 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland vom Burnout betroffen.

Burnout: Gas geben ist kein Problem, Runterkommen ist schwer

Google bietet Achtsamkeitskurse für Mitarbeiter gegen Burnout an. (Foto: Shutterstock-Uladzik Kryhin)

In einem Wired-Artikel haben Brad Stulberg und Steve Magness kürzlich die Geschichte eines Google-Mitarbeiters der ersten Stunde erzählt. Dem Entwickler Chade-Meng Tan fiel es keinesfalls schwer Leistung zu bringen, sondern er war schlicht nicht mehr in der Lage, nach der Arbeit wieder runterzukommen. Tan wurde die Tragweite dessen bewusst und fürchtete, dass der Umstand mittelfristig zur gesundheitlichen Gefahr werden kann und ihn ausbrennen würde. Er überlegte, wie er das Problem des Burnouts am besten anpacken könne. Eine unkonventionelle Lösung fand er in Achtsamkeit. Gemeint ist damit die Fähigkeit, sich im hier und jetzt im Klaren darüber zu sein, an was für einem Punkt er sich befindet und was er gerade tut.

Was sich jetzt für viele Menschen subtil anhören mag, ist vielmehr der Kern einer ganzen Bewegung, die seit einigen Jahren an Zulauf gewinnt. Die Anhänger der Methode konstatieren, dass Menschen auch im Alltag in Form einer Meditation in sich hinein horchen sollen. Das helfe, um in anstrengenden Phasen ruhig zu bleiben und nicht überwältigt zu sein von dem, was gerade um einen herum passiert. Tan, der sich dieser Methode hingezogen fühlte, begann damit, für Google ein internes Programm zu entwickeln, von dem nicht nur er, sondern das gesamte Team profitieren könne. Dafür suchte der Google-Techniker die Nähe zu verschiedenen Achtsamkeitsexperten sowie Neurowissenschaftlern, die dazu forschten.

„Was soll eine auf buddhistische Lehren zurückgehende, esoterisch anmutende Methode im Job bringen?“

Zusammen entwickelten sie mit der Unterstützung des Tech-Konzerns einen siebenwöchigen Kurs, der seinen Teil dazu beitragen sollte, dass die Belegschaft auch auf Dauer nicht nur glücklicher und produktiver, sondern auch gesünder bleiben würde. Einige Kollegen verhielten sich zunächst ablehnend. Sie fragten sich, was eine, auf buddhistische Lehren zurückgehende, esoterisch anmutende Methode ihnen denn im Job bringen könne. Aus der anfänglichen Aversion entwickelte sich jedoch schnell Zustimmung. Diejenigen Kollegen, die dem Kurs eine Chance gaben, schwärmten schlussendlich in höchsten Tönen von der Veranstaltung. Nicht wenige Team-Mitglieder praktizierten das Gelernte über den Kurs hinaus.

Das alles passierte vor zehn Jahren. Das Engagement zementierte schlussendlich sogar die Gründung des Search Inside Yourself Leadership Institutes, kurz SIYLI. Das Programm lehrt Führungskräften wichtige Übungen, um die eigenen Gedanken zu fokussieren. Ziel sei es unter anderem bei den Teilnehmern eine erhöhte psychische Widerstandsfähigkeit für Krisenzeiten aufzubauen. Seit einigen Jahren wird die Methode der Achtsamkeit aber auch in Deutschland gelehrt. Die Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde in Berlin-Mitte bietet beispielsweise seit 2011 eigene MBSR-Kurse an, die genau darauf aufbauen. Dabei steht „MBSR“ für Mindfulness-Based Stress Reduction, sprich achstamkeitsbasierte Stressreduktion.

Das Interesse am Aufmerksamkeitstraining ist groß

Eine der Trainerinnen ist Karin Hensel. Auch sie spricht von vielfältigen positiven Auswirkungen auf die Gesundheit, die sogar über Burnout-Erscheinungen hinausgehen. Achtsamkeitstraining stärkt das Immunsystem, vermindert chronische Schmerzen, hilft bei Ängsten und wird sogar zur Therapie von Essstörungen und Depressionen angewandt. Sie selbst ist durch eine Erkrankung, die mit vielen Schmerzen einherging auf MBSR aufmerksam geworden. Durch die Kurse lernte sie neu damit umzugehen. In ihrer Arbeit als Psychotherapeutin spielt die Fähigkeit der Achtsamkeit insofern nicht nur für ihre Klienten, sondern auch für sie selbst eine heilsame Rolle.

„Für mich erschien es damals absolut folgerichtig diese Möglichkeit der Erfahrung der Selbstwirksamkeit auch an andere Menschen weiter zu geben“, sagt die Berlinerin. Der achtwöchige Charité-Kurs bietet eine profunde Einführung, die mit neuesten Erkenntnissen aus der Psychologie-, Hirn- und Stressforschung verbunden ist. Teil des Ganzen sind sowohl wöchentliche Gruppentreffen sowie intensive Übungspraktiken für Zuhause, die über mehrere Stunden gehen können. „Die Teilnehmer lernen eigene Verhaltens- und Gedankenmuster zu erkennen, um sich dadurch aus Automatismen, die Stress entstehen lassen, befreien zu können“, erklärt Hensel die Therapie und ihre Zielsetzung.

„Das Interesse an MBSR-Kursen ist groß und nimmt immer weiter zu!“

In den letzten zehn Jahren wurden zahlreiche Forschungen zu den Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn und den Körper gemacht. Hier spielt die Neuroplastizität eine große Rolle. Das heißt, dass Menschen durch Achtsamkeitsmeditation stärkeren Einfluss auf deren Gehirnaktivität sowie wie auf deren Hormonhaushalt bekommen. Studien mit MBSR-Teilnehmern, mit einem täglichen Training von 45 Minuten, ergaben eine Zunahme von Stressresilienz und Stressresistenz durch die neuronale Aktivität, sowie eine Verbesserung der Aufmerksamkeit, der Empathiefähigkeit, einer Aufhellung der Stimmung und einem besseren Umgang mit Ängsten und anderen schwierigen Gefühlen.

„Das Interesse an MBSR-Kursen ist groß und nimmt immer weiter zu“, erklärt Karin Hensel. Achtsamkeit ist unter Medizinern und Psychologen in aller Munde und das zu recht, wie es scheint. Sie kann ein ganzheitlicher Weg zur Schulung des Geistes, der sich positiv auf die körperliche, geistige und emotionale Gesundheit auswirkt, betrachtet werden. Immer mehr Ärzte, Psychologen, Berater und Karriere-Coaches empfehlen MBSR-Achtsamkeitstraining. Und auch Krankenkassen bezuschussen die Kurse als Präventionskurs. Einzig und allein die privaten Krankenkassen verhielten sich eher zurückhaltend, verrät die Psychotherapeutin. Noch scheint es somit – trotz nachgewiesener Erfolge – Aufklärungsarbeit zu benötigen.

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