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Cem Özdemir: „Will man einen E-Golf bestellen, kommt man sich vor wie beim Trabi im Osten“

(Screenshot: Youtube)

Mit dem Video-Format Changerider wollen Philipp Depiereux und t3n den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen. Der aktuelle Interviewgast: Cem Özdemir.

In der neuen Folge des Video- und Podcastformats von Etventure-Gründer Philipp Depiereux sitzt dieses Mal Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen, auf dem Beifahrersitz. Er berichtet über die deutsche Automobilindustrie und was sie mit dem Drama des begabten Kindes gemein hat, Werte in der Gesellschaft und das Scheitern bei der Sondierung der Jamaika-Koalition.

„Wenn ich drohe wehleidig zu werden, sagen meine Mitarbeiter mir immer: Augen auf bei der Berufswahl“, scherzt der Politiker Cem Özdemir auf seiner Fahrt. Doch müde wird der Politiker von seiner Arbeit noch lange nicht. Man hat eher das Gefühl, er blüht in seiner neuen politischen Freiheit auf. Sein Werdegang ist zweifelsohne geprägt von einem starken Wertekanon. Seine Eltern kamen als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland – sein politisches Hauptthema fand der gebürtige Schwabe somit in seiner eigenen Biografie: Migranten in Deutschland. Daneben hat Özdemir aber schon früh sein Interesse für Ökologie und Nachhaltigkeit entdeckt und trat 1981 in die Partei Die Grünen ein. Zehn Jahre, bis 2018, war er deren Bundesvorsitzender, heute ist er Abgeordneter im Deutschen Bundestag und Leiter des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur. „Dass ich als Grüner mal ein flammendes Plädoyer für das deutsche Auto halte, hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen.“ Aber dazu später mehr.

Digitalisierung allgemein – was kann Deutschland richtig gut? „Wir können vieles gut“, meint Cem Özdemir im Changerider. „Wir müssen nicht alles schlechtreden wie die AFD. Wir haben tolle Ingenieure, einen tollen Mittelstand, viele tolle, junge Startups.“ Einen weiteren kleinen Seitenhieb auf die politische Konkurrenz kann er sich dann doch nicht verkneifen: „Wir haben nur das Pech, dass wir seit neun Jahren einen Verkehrs- und Digitalisierungsminister von der CSU haben.“ Das größte Problem sei aber, dass sich viele Leute, insbesondere im ländlichen Raum, abgehängt fühlen. „Sie leben in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt, aber sie merken nichts davon“, so Özdemir.

„Die Umsetzung der Erkenntnis lässt ewig auf sich warten!“

Doch warum gewinnt man zuweilen den Eindruck, die Deutschen verschlafen die neuen Trends? „In Deutschland gibt es nicht das Problem, dass jemand gegen Vernunft ist. Es sagt ja niemand, ich bin für Kupferkabel statt Glasfaser. Oder ich bin für die Diesellok statt der elektrifizierten Eisenbahn. Aber es kommt einfach nicht. Stattdessen wird immer noch Kupferkabel verlegt und man macht Vectoring, wie bei der Telekom. Niemand ist gegen emissionsfreie Mobilität. Aber es kommt nicht vom Fleck. Wir haben ein Anwendungsproblem, kein Erkenntnisproblem! Die Umsetzung der Erkenntnis lässt ewig auf sich warten.“ Die Gründe dafür sieht Özdemir vor allem in der vom Erfolg verwöhnten Industrie. „Es ist das Drama des begabten Kindes, desjenigen, das als erstes auf den Märkten war, dem es gut geht und das dann satt und selbstgefällig wird und denkt: ‚Das bleibt auch so.‘“ Dabei führt er das Beispiel Automobilindustrie an, die aus ihrer 120-jährigen Erfolgsgeschichte abzuleiten scheine, auch in 150 Jahren noch die Beste zu sein und dabei verkennt, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben. „Dass es mittlerweile Klimawandel gibt, dass wir runter müssen von den Emissionen, dass die Chinesen mit Milliardensummen in eine neue Technik investieren, weil sie sagen: ‚Verbrennungsmotor schenken wir den Deutschen, wir steigen ins Morgen ein. Wir machen die Batterien, die die Deutschen nicht bauen können.‘ Das sind viele Veränderungen, die wir komplett verschlafen haben und das kommt von dieser bräsigen Haltung und dieser Arroganz: ‚Wir sind gut! Wir waren gestern erfolgreich, deshalb wird es morgen auch so sein‘.“ Das sei keine gute Haltung, insbesondere wenn man abhängig vom Export ist. 70 Prozent der Autos, die wir hierzulande bauen, gingen in den Export. Jedes dritte Auto gehe nach China.

„Die Automobilhersteller haben den Schuss gehört!“

„Wenn du weißt, dass automatisiertes, vernetztes und emissionsfreies Fahren kommt, dann bist du einfach gut beraten, wenn du deine eigenen Produkte hast, ansonsten bauen wir eben zukünftig Komponenten für chinesische Autos!“

Die aktuellen Bemühungen und der Start vieler E-Modelle seien sehr spät und überfällig. Hinzu kommt: „Willst du den E-Golf, bekommst du ihn nicht. Du hast eine Hammer-Wartezeit. Du kommst dir vor wie beim Trabi im Osten“, stellt Özdemir fest. „Aber die Automobilhersteller haben den Schuss gehört.“ Die gute und die schlechte Nachricht sei: Das neue Auto wird auch in Deutschland erfunden. „Aber es kommt halt nicht vom Daimler, es kommt nicht von BMW und auch nicht von VW, sondern es kommt beispielsweise mit dem Streetscooter aus Aachen.“

Um wirtschaftliche Prozesse besser zu verstehen, macht der Grünen-Politiker einmal im Jahr ein Praktikum. Vergangenes Jahr war er bei der Deutschen Post, schwärmt beeindruckt von der Arbeitsleistung der Mitarbeiter aber auch vom technologischen Fortschritt. Denn zum Einsatz kommen elektromobilisierte Lastenräder oder eben auch der Elektro-Transporter Streetscooter. „Die gesamte Logistik in der Stadt muss emissionsfrei sein. Das ist die Zukunft, sonst machst du die Lebensqualität in der Stadt kaputt!“

„Mit Putin oder Erdogan geht kuscheln nicht“

Neben der Wirtschaftspolitik sieht der zweifache Familienvater auch die Veränderungen in unserer Republik kritisch und hält die demokratische Fahne höher denn je: „Du musst für deine Freiheit kämpfen. Wir sind jetzt wieder in einer Phase, in der sie umstritten ist und eine Partei wie die AFD im Bundestag sitzt. Dann kommt Erdogan nach Deutschland und lässt vorher eine App freischalten, in der Erdogan-Kritiker ans Messer geliefert werden können. Warum sagen wir nicht, diese App wird abgeschaltet?“ Cem Özdemir plädiert für klare Worte, denn er merke, wie sich Angst breit macht. Oft spreche er mit Menschen, die nicht mehr in die Türkei reisen, weil sie irgendwann mal etwas auf Facebook gepostet haben. „Manchmal musst du Hard Talk reden mit Leuten, die Hard Talk hören müssen. Ich habe die Sorge, dass die, die gerade in der Verantwortung sind, in der Kuschelpädagogik-Phase aufgewachsen sind. Aber mit einem Putin oder Erdogan geht kuscheln nicht“, so der ehemalige Parteichef.

Und wie steht es mit Scheitermomenten in seinem Leben? Die sieht der Abgeordnete gelassen: „Ich könnte Bücher mit Scheitergeschichten füllen. Ich wollte immer ein toller Fußballer werden und flog in der E-Jugend nach der ersten Stunde raus. Ich wollte immer ein Instrument spielen und war ein fauler Sack.“ Was jedoch erst kürzlich wirklich an ihm kratzte, war das politische Scheitern der Jamaika-Koalition: „Ich habe das aber nicht verbockt. Ich sag nicht, wer es war, das hat einer ‚verlindnert‘. Wenn ich sehe, wie die große Koalition da rumstolpert, hätte ich mir natürlich gewünscht, dass es eine bessere Alternative für dieses Land gibt. Ich verstehe nicht, dass man vor der Verantwortung wegläuft.“ Doch was hilft bei all den Herausforderungen, die noch anstehen? „Mit Mut die Sachen anpacken! Es nützt ja nichts, wenn man verzagt ist und Pessimismus verbreitet. Das Schlechtreden überlassen wir den Fanatikern. Ich habe zwei Kinder und wenn man Kinder in die Welt setzt, macht man das ja, weil man glaubt, dass Dinge veränderbar sind. Und das sind sie!“

Weitere spannende Themen im Changerider sind auch Bildung und die Vorbereitung der Kinder und Lehrer auf die Digitalisierung, der digitale Staat, Baden-Württemberg als Zukunftslabor, Ökologie und Digitalisierung oder Fanatiker im Netz und vieles mehr – es lohnt sich, den Podcast zu hören.

Für eine weitere Fahrt im Changerider nominiert der Politiker seinen Parteikollegen Danyal Bayaz der neben seinem Einsatz für die Digitalisierung vor allem einen guten Blick auf Wirtschaft und Politik mitbringt.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen, sind als Video oder ausführliche Gespräche im Podcast bei iTunes, Soundcloud und Spotify verfügbar.

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2 Kommentare
Perchel
Perchel

Was weiß dieser Mensch vom Trabant und vom Osten?

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Als intelligenter Politiker wird er sich ein Bild davon gemacht haben. Dass dem Kleingeist vom Stammtisch solcher eine kognitive Leistung nicht zu gelingen vermag, ergibt sich alleine aus der Frage.

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