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Chelsea Manning: „Wir müssen den Autoritarismus stoppen – und zwar jetzt!“

Chelsea Manning auf der Republica in Berlin. (Foto: dpa)

Die aus dem Gefängnis entlassende Whistleblowerin Chelsea Manning hat erstmals als freie Bürgerin wieder die USA verlassen – und zwar in Richtung Berlin. Dort warnte sie auf der Republica vor den negativen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz.

Chelsea Manning sieht einen weltweiten Autoritarismus auf dem Vormarsch – auch durch Technologien wie Big Data und die Auswertung der Daten mittels Machine Learning. In Berlin forderte sie auf der Netzkonferenz Republica das Publikum auf, sich dem Trend entgegenzustellen: „Angesichts der Militarisierung der Polizei, angesichts der Nutzung von Algorithmen in der Massenüberwachung können wir nicht mehr über Reformen reden“, sagte Manning. „Der Zeitpunkt für Reformen wäre vor 40 Jahren gewesen, wir erleben eine Beschleunigung in Richtung Autoritarismus weltweit – und wir müssen das stoppen!“

Machine Learning als Gefahr

Insbesondere die Rolle, die Machine Learning – eine Unterform der künstlichen Intelligenz zur Auswertung großer Datenmengen – dabei spielt, sieht Manning kritisch. „Wir können uns nicht länger einen Datensatz anschauen und sagen: ‚Das ist nur eine Browser-History.‘“, sagte Manning. „Mit Machine Learning können wir Dinge aus Daten herauslesen, zu denen kein Mensch in der Lage ist.“ Zudem spiegelten sich in den Ergebnissen dieselben Vorurteile und Verzerrungen wider, denen auch wir als Menschen unterliegen. „Computer und Algorithmen sind nicht neutral, sie haben die Verzerrungen der Daten, mit denen du sie fütterst.“

Auch auf eine Regulierung großer Plattformen wie Facebook und Google setzt Manning keine großen Hoffnungen. „Ich sage denen immer: Die Regulierer werden euch regulieren – aber darauf können wir uns nicht verlassen. Die Regulierung wird sich auch immer verändern, durch Lobbyismus und Einflussnahme.“

Die Wikileaks-Affäre

Chelsea Manning hatte – vor ihrer Geschlechtsumwandlung – als Bradley Manning der Whistleblower-Plattform Wikileaks zum Durchbruch verholfen. 2010 lud sie als US-Soldat mehrere Hunderttausende Dokumente zu Irak- und Afghanistankrieg auf CDs herunter, die einer militärischen Geheimhaltungsstufe unterlagen. Nach erfolglosen Versuchen, die Dokumente unter anderem der Washington Post und der New York Times zuzuspielen, übermittelte Manning die Dokumente der damals noch wenig bekannten Enthüllungsplattform Wikileaks. Insbesondere ein Video, das den Beschuss und Tod irakischer Zivilisten und Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters durch einen amerikanischen Kampfhubschrauber zeigte, sorgte später für Wirbel – es war mit hoher Wahrscheinlichkeit unter den von Manning beschafften Daten. Manning wurde unter anderem wegen Spionage von einem Militärgericht zu 35 Jahren Haft verurteilt. Als eine seiner letzten Amtshandlungen wurde sie im Januar 2017 von dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama nach fast sieben Jahren Haft begnadigt.

Auf der Republica in Berlin sprach Manning auch über ihr Leben in der Haft. „Ich habe damit gerechnet, 35 Jahre im Gefängnis zu sitzen. Ich hatte damit meinen Frieden gemacht“, sagte sie. Als ihr mitgeteilt wurde, dass sie vorzeitig entlassen werde, habe sie es zunächst gar nicht geglaubt. Die Zeit nach dem Gefängnis sei aber viel schwieriger gewesen, als sie es sich zunächst vorgestellt hatte. „Ich hatte den Großteil meines Erwachsenenlebens im Gefängnis verbracht – das meiste, was eine 30-Jährige normalerweise weiß, weil sie am Leben teilnimmt, wusste ich nicht.“ Die kommenden Tage will Manning in Berlin verbringen. „Ich freue mich darauf, Europa ein bisschen erkunden zu können“, sagte sie.

Republica goes POP

Die Republica hat am Mittwoch unter dem Motto „POP“ begonnen. „Wir versuchen, möglichst viele Facetten einer sich entwickelnden digitalen Gesellschaft abzubilden“, sagte Mitgründer Markus Beckedahl zum Auftakt. Bis Freitag gebe es 500 Stunden Programm mit 950 Vortragenden aus aller Welt. Der Frauenanteil betrage dabei – für Netzkonferenzen ungewöhnlich hohe – 48 Prozent.

Eines der zentralen Themen sei der künftige Umgang mit künstlicher Intelligenz und Entscheidungen von Algorithmen. Es sei dringend notwendig, sich mit diesen Technologien auseinanderzusetzen, da sie Chancen, aber auch viele Risiken mit sich brächten, so Beckedahl. Das diesjährige Motto „POP“ kann auf vielfältige Weise gelesen werden. Popkultur – also die Mainstreamisierung des Netzes – steckt ebenso darin wie Populismus. Zudem können die drei Buchstaben auch für „Power of People“ stehen.

Illustre Gäste und ein Bürgerfest

Als Gäste haben sich neben Manning auch US-Sozialforscherin Dana Boyd, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sowie die SPD-Minister Hubertus Heil und Katharina Barley angekündigt. Journalist Richard Gutjahr berichtet über seinen Kampf gegen Verschwörungstheoretiker.

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, sprechen über Journalismus im Netz. Bei der begleitenden Media Convention stellt sich ZDF-Intendant Thomas Bellut der Frage, wie Journalismus in der digitalen Zukunft aussehen kann.

Erstmals soll es in diesem Jahr im Anschluss an die Republica ein kostenloses Bürgerfest geben. „Wir erreichen mit der Republica längst nicht alle Teile der Gesellschaft, während das Netz längst im Mainstream angekommen ist“, sagte Mitgründerin Tanja Haeusler am Mittwoch. „Wir wagen ein Format, von dem wir hoffen, dass es genau so wächst wie die Republica in den letzten zwölf Jahren.“

Die Republica war 2007 von den Machern der Blogs Netzpolitik.org und Spreeblick ins Leben gerufen worden. Zur zwölften Ausgabe werden mehr als 9.000 Besucher erwartet.

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