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Kolumne

Chinas Automobilwirtschaft: Vom Standstreifen auf die Überholspur

(Foto: Shutterstock/ ddisq)

Um in einem beliebigen Tätigkeitsfeld führend zu sein, muss man lange und hart üben und von den Besten lernen. Das gilt für Kunst und Musik, erst recht aber für die Automobilwirtschaft.

China hat seinen Aufstieg in der Autobranche jahrelang vor allem mit Plagiaten begründet und dabei derart viel ausprobiert und Erfahrungen gesammelt, dass sich das Blatt wendet: Westliche Automanager lassen sich heute vom Innovationsgeist aus dem Reich der Mitte inspirieren und blicken mitunter ängstlich gen Osten.

Geht nicht gibt’s nicht

So traditionsreich und qualitativ hochwertig deutsche Automarken auch sein mögen: Um die Herausforderungen der digitalen Business-Transformation zu meistern, fehlt es der Branche hierzulande an Flexibilität. Und auch die etablierten Entscheidungsprozesse sind zu langsam, um agil auf neue Gegebenheiten reagieren zu können. Allzu oft berufen sich die Konzerne heute immer noch auf den Ruf vergangener Tage, anstatt auf die Chancen und Potenziale einer grundlegenden Transformation zu setzen und echte Innovationen auf den Markt zu bringen.

China agiert grundlegend anders: Ohne auf gewachsene Strukturen Rücksicht nehmen zu müssen, interpretierten die Autobauer aus Fernost die Strategien der „Old Economy“ von Anfang an völlig neu und setzten so innerhalb kurzer Zeit neue Maßstäbe. Der Leitspruch des chinesischen Herstellers Byton beschreibt gleichzeitig auch das Mindset der gesamten chinesischen Automobilindustrie: „It is not about refining cars. It is about refining life.“ Es geht nicht darum, Autos zu produzieren und diese unters Volk zu bringen. Es geht vielmehr darum, so sehr in den Alltag der Menschen integriert zu sein, dass der Service rund um das Auto das Leben der Besitzer beeinflusst und besser macht. Das Ökosystem steht im Vordergrund – nicht das Auto selbst. Das funktioniert in einem Land, in dem bereits alle anderen Bereiche des täglichen Lebens digitalisiert sind, natürlich sehr viel reibungsloser als dort, wo Menschen der digitalen Transformation noch immer skeptisch gegenüberstehen. Und so wundert es am Ende des Tages niemanden, dass Menschen in China ihr neues Fahrzeug schon an einem „Auto-Verkaufsautomaten“ erwerben und gleich digital bezahlen können, während sich Deutschland noch vorsichtig an erste Online-Vertriebspiloten herantastet.

Ein Land, das von uns lange als „Weltmeister der Plagiate“ belächelt wurde, hätte jetzt selbst allen Grund zu schmunzeln. Immerhin konzentrieren sich die Innovationen der westlichen Konkurrenz viel zu oft auf Verbesserungen bereits bestehender Produkte. Dass auf diesem Wege keine revolutionären digitalen Geschäftsmodelle entstehen, wissen die Chinesen sehr wohl und fühlen sich bestärkt in ihrer Einstellung des „Geht nicht gibt’s nicht.“ Wie gut die Großmacht mit dieser Denkweise im wahrsten Sinne des Wortes fährt, beweist eine Studie des Centers of Automotive Management (CAM). Während 2015 in der Automobilbranche nicht einmal ein Zehntel der neu eingeführten Produkte und Technologien aus China kamen, waren es 2017 schon fast ein Fünftel – Tendenz steigend.

Von der „Werkbank der Welt“ zur „Innovationsschmiede der Welt“

„China wird eine so große Rolle in der Welt spielen, wie wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.“ Das behauptet zumindest China-Kenner und Journalist Frank Sieren im Interview mit dem ZDF und unterstreicht damit die Ziele des Landes. Bis 2025 strebt China eine globale Vorreiterrolle in nicht weniger als zehn Zukunftstechnologien an – darunter E-Mobilität, regenerative Energien, Robotik und künstliche Intelligenz. Die Regierung in Peking verfolgt diesen Weg mit eisernem Ehrgeiz und Selbstbewusstsein – und mit allen Mitteln. Um die dafür nötigen Kompetenzen aufzubauen und gleichzeitig das Image von der „Werkbank der Welt“ langfristig abzustreifen, investiert der chinesische Staat um Präsident und Parteichef Xi Jinping bereits heute schon drei Mal so viel Geld in Forschung wie Deutschland. Was essenziell erscheint und noch fehlt, wird im Ausland eingekauft – so zum Beispiel der Augsburger Roboterproduzent Kuka. Zusätzlich drängt China auf eine Lokalisierung ausländischer Hersteller und erhöht dadurch die Abhängigkeiten von BMW und Co. vom chinesischen Markt.

Partnerschaften sind die Zukunft

Das Tempo und Durchsetzungsvermögen, mit dem die chinesische Regierung ihr Land an die Weltspitze führen will, bereitet nicht nur Managern der Automobilbranche Kopfzerbrechen. Dennoch sind Ehrfurcht und Schockstarre deutscher Schlüsselindustrien fehl am Platz. Statt den Aufstieg Chinas aus der Ferne zu beobachten, könnten neue strategische Partnerschaften und gegenseitige Synergien eine Lösung sein. Immerhin genießt das Label „Designed and Engineered in Germany“ in China nach wie vor hohes Ansehen. Für deutsche Hersteller gilt es, künftig Kooperationsformen zu entwickeln, die die heimische Ingenieurskompetenz mit dem Software-Know-how und dem aktuellen Innovationsgeist Chinas verbinden. So profitieren beide Partner voneinander und gehen gemeinsam in eine gesicherte Zukunft.

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