Glosse

Cohns fabelhafte digitale Welt oder: Digitaler Spaß mit der Deutschen Bahn, Teil 2

(Bild: t3n)

Was haben die Anzeigetafeln des Bahnhofs in München mit Quantenphysik zu tun? Oder: Wenn die digitale die analoge Welt ins Schwitzen bringt.

Es war Freitagmittag und ich musste, Sie wissen es schon, mal wieder in den Süden der Republik. Pünktlich! Auf der Bühne stehen, und so. Laut Website der DB geht ein Zug der BRB um 15:20 Uhr direkt und ohne Umsteigen, Ankunft 17:55 Uhr. So weit, so entspannt. In der U-Bahn wegen Verspätungen und ähnlich Unerfreulichem sicherheitshalber noch mal die DB-Handyapp befragt, auch sie behauptet steif und fest: Der Zug fährt pünktlich um 15:20 Uhr von Gleis 30!

Die große blaue Anzeigetafel

Und dann: Trommelwirbel – „die Schbannung schdeichd ins Unerdrächlische“ – stehe ich vor den Gleisen des Münchner Hauptbahnhofs und die große, blaue Anzeigetafel, jeder kennt sie, grinst mich hämisch an, als wollte sie mir sagen: „Ellebätsch, du hast den Zug verpasst!“, denn der besagte Zug ist nicht angezeigt! Ich im Schweinsgalopp zur Info. Dort: Menschenmassen wie am Oktoberfest! Auch hier, keine Hilfe, der gestresste Mitarbeiter kann diese „App-Realitätsschere“ nicht aufklären. Noch dazu sollte auf der gleichen Strecke, nur eine Minute vorher, was profund unwahrscheinlich ist, ein Alex, noch so eine Bayerische Privatbahn – und nein, wir sagen jetzt nicht „Hobbybahn“ – fahren … Nur, dass der heute ausfällt, so sagt zumindest die blaue Anzeigetafel. (Warum die wohl „blau“ ist?)

Panik, Schweißausbruch, im Kopf rast die Kalkulation: Was kostet mich ein Taxi, rechnet sich das noch, komme ich dann noch rechtzeitig, wird es argen Stau geben und so weiter. Zum Glück, es gibt ja noch einen ICE nach Augsburg. Und von Augsburg einen Zug der BRB nach Süden.
Und in diesem BRB-Zug erfahre ich dann vom Schaffner, dass ich – man höre und staune – im 15:20-Uhr-Zug von München sitze, der allerdings, bauarbeitenbedingt, über Augsburg umgeleitet, schon um 15:07 Uhr in München abgefahren ist …

Konnten Sie, geneigter Leser, folgen? Gut, ich gebe ihnen gerne mildernde Umstände, denn ich habe auch eine Weile gebraucht die Tragweite dieses ganzen digitalen Bahnwahnwitzes zu begreifen.

Der oberste Grundsatz der EDV

Seither jedoch quält mich diese schwere Frage ganz gewaltig: In meinem allerersten EDV-Kurs, zu Zeiten, als der PC noch gar nicht erfunden worden war – ja, ihr Nerds, vor dem PC gab es auch schon EDV und zwar auf einem Mainframe, von IBM oder Digital – wurde uns der oberste EDV-Merk- und Grundsatz nachdrücklichst eingebläut: „Garbage in – Garbage out“ – wenn du Müll eingibst, kommt Müll raus.

Ist dieser oberste Grundsatz der Elektronischen DatenVerarbeitung – oder sollten wir sie heute doch etwas realitätsnäher als experimentelle Datenverarbeitung bezeichnen – inzwischen im Meer des elektronischen Datenmülls ganz unauffällig untergegangen? Und vor allem, wie ist es bei dem modernen digitalen Bahn„sicherungs“systemen möglich, dass ein Zug, der für 15:20 Uhr zur Abfahrt vorgesehen ist, schon um 15:07 Uhr abfahren kann, ohne dass das irgendjemand mitbekommt und vor allem, ohne dass das bei der Informationsstelle am Bahnhof überhaupt wahrgenommen worden ist?

Ist dieser Zug dann ein Geisterzug? Fährt der Lokführer auf Sicht? Ist, Gott behüte, das ganze Sicherungssystem der Deutschen Bahn vielleicht überhaupt und ganz und gar nicht sicher? Oder haben die zuständigen Fahrplanprogrammierer statt ihre Arbeit zu machen, klammheimlich bei der Fortniteweltmeisterschaft mitgespielt?

Und wenn am Abend der Saal halb leer sein sollte, dann wissen wir, unser Publikum ist vom Bahnkosmos verschlungen worden.

Was unsere fabelhafte digitale Welt sonst noch an Überraschungen für William Cohn bereithält, lest ihr hier.

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Ein Kommentar
Robert W.
Robert W.

Was für ein Unfug. Was kann der Programmierer dafür, dass viele Prozesse bei der Bahn noch nicht digitalisiert sind und daher sie oder er nicht die korrekten Daten zur Verfügung haben? Wie wäre es mal mit der Recherche der Gründe?

Das Problem ist, dass bis vor kurzem noch die Fahrpläne van hand gemacht wurden und dass diese Daten noch nicht durch-digitalisiert sind bis in alle Systeme.

Antworten

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