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Feature

Coliving: Menschen mit Laptop am Dorfteich

(Foto: Shutterstock / Tivanova)

Viele Kreative schwören auf die Natur, um in den Flow zu kommen – und gerade in Berlin wächst die Sehnsucht nach einer Flucht aufs Land. Doch viele trauen sich nicht. Ein neuer Coliving-Space senkt die Hürden und bietet Leben und Arbeiten auf Zeit.

Ein Traktor fährt vor dem Fenster vorbei, die Katze auf der Dorfstraße von Klein-Glien ergreift die Flucht. Der kleine Patrick springt von Weronikas Schoß und klebt die Stirn ans Fenster. Seine Mutter nutzt die Zeit, um schnell eine Mail zu schreiben. Nur Serena und Austin lässt der Traktor kalt. Sie planen bei Frühstückseiern, Smoothie und Tee ihren Tag: Austin wird ein paar letzte kniffelige Probleme ihres Projektes lösen, einer Wett-Plattform im Internet, die über eine Blockchain umgesetzt wird. Und Serena wird das restliche Unternehmen organisieren, damit der Launch in fünf Tagen tatsächlich wahr wird. „Wir sind komplett remote“, sagt Serena: Es gibt kein Büro, die 15 Mitarbeiter sind verteilt in der Welt, großteils in den USA. Konferenzen finden nur im Internet statt. „Da haben wir beschlossen, digitale Nomaden zu werden“, sagt Serena und lacht. Von Kalifornien aus ging es zunächst nach Zagreb, dann nach Korea, und jetzt sitzen sie an diesem Ort mit Traktoren, Katzen und viel Grün vor dem Fenster im Coworking- und Coliving-Space Coconat bei Bad Belzig.

Coliving: Zwischen Kommune und WG

Coliving klingt gewöhnungsbedürftig. Ein modernes Wort für WG auf dem Land? Oder eine Hippie-Kommune? Doch wer Janosch fragt, einen der Gründer des Projektes, versteht schnell die eigene Logik dahinter: Erstens gibt es viele Kreative, die auf die Natur schwören, um in den so genannten Flow zu kommen, in dem die Ideen und Innovationen fließen oder um mal in Ruhe und abgeschottet von Ablenkungen ein Projekt zu bearbeiten. So ging es einem befreundeten Filmemacher, der schließlich mit Janosch und seiner Lebensgefährtin Julienne Coconat ins Leben rief. Und zweitens gibt es eine Bewegung von Menschen bereits, die reisen und dabei arbeiten: digitale Nomaden. Nur sind diese bisher vorallem in Thailand, Indonesien oder auf Bali zu finden, wo sie in Cafés hinter Laptops sitzen und in Airbnbs „coliven“, also zusammen leben auf Zeit.

Als Janosch und Julienne 2015 überlegten, eine solche Coworking und -living-Bewegung auch in Deutschland zu gründen, reisten sie zunächst an jene Orte, die dafür berühmt sind. In Asien hat sich inzwischen ein eigener Markt gegründet an Unternehmen, die beispielsweise die Kombination aus Surf-Urlaub, Schlafplatz und Schreibtisch anbieten für die vielen digitalen Arbeiter, die im europäischen Winter hier Sonne suchen.

„Wir wollten gemeinsam etwas gründen, das möglichst viel vereint von dem, was uns Spaß macht“, sagt Janosch, der schon immer selbstständig ist und zuvor in der Kultur- und Jugendarbeit aktiv war. Spaß hieß: Es sollte mit Natur und Menschen zu tun haben und es sollte ein „Produkt“ sein, nicht nur eine App. „Ich baue einfach gerne“, sagt Janosch, während er durch den großen Garten führt, vorbei an den luxuriösen Tipi-Zelten mit richtigen Betten darin, in denen Gäste ebenfalls schlafen können, vorbei am Teich, auf dem sein frisch gebautes Floß schwimmt mit Liegestühlen darauf, vorbei an der Lagerfeuerstelle und der Sauna, die aussieht wie ein Weinfass. In einem Nebengebäude gibt es einen Yoga-Raum und einen für Massagen – beide werden von Frauen aus der Region betrieben. Diese Zusammenarbeit mit den neuen Nachbarn ist den Gründern wichtig. „Sie sollen auch davon profitieren, dass hier etwas Neues entsteht.“

Ein Plätzchen für jeden

Nach dem Frühstück verteilen sich alle im großzügigen Gutshof: Drinnen und draußen – jeder hat sein Plätzchen, wo er am besten arbeiten kann. Wer jetzt ankommt, hat den Eindruck, dass hier nichts los ist. Serena setzt sich mit ihrem Laptop ins „Laboratorium“, ein schlichter Raum mit Holztischen und samtbezogenen Stühlen, wo nachmittags die Sonne ins Fenster lacht. Amrai, 35, Kommunikationsdesignerin aus Berlin, schaukelt in der zur Hollywood-Schaukel umfunktionierten Badewanne und plant neue Konzepte für ihr Coaching für Menschen, die ihr Potenzial finden wollen. „Wie kann man anders arbeiten?“, fragt sie. Sie spürt eine neue Sehnsucht nach Arbeit auf dem Land, in der Natur. „Aber viele trauen sich nicht.“

Das erlebt auch Franka, die mit ihrem Hund unter einem der schattigen Bäume im Garten Platz genommen hat. „Alle wollen aufs Land. Sie wollen naturnah leben und trotzdem ein urbanes Mindset um sich herum haben.“ Die 32-Jährige arbeitet als Coach und Berufsorientierungstrainerin und will künftig diesen Suchenden helfen, zusammenzufinden, und gleichzeitig die Kommunen auf dem Land dabei unterstützen, von dieser Entwicklung zu profitieren. Um ihr Konzept genauer zu entwickeln, arbeitet sie gerade neun Monate als Freiwillige bei Coconat mit und entwickelt parallel ihr eigenes Angebot.

Auch Pierre, der 26-jährige Unternehmensberater aus Paris, hat sich auf diesen Deal eingelassen. Er steht nach dem Frühstück am Empfangstresen, empfängt neue Gäste, zeigt ihnen alles und hilft bei Fragen. Im Restaurant wischt er die Flächen, kocht unzählige Kannen Kaffee und diskutiert mit Coconat-Gründerin Julienne über die anstehende Smart-Village-Konferenz, die im Coconat zusammenkommt.

„Na was macht die Deadline?“, fragt Pierre hinter dem Tresen hervor, als Serena kurz vorbei huscht. „Bleibt spannend“, antwortet die digitale Nomadin grinsend. Gestresst wirkt sie dabei nicht. „Glaub ich“, antwortet der Franzose, der heute Vormittag „Dienst“ hat. Er hat seinen festen Job nach zwei Jahren gekündigt, weil er etwas Sinnvolles machen wollte: Ein Startup, das es jungen Leuten ermöglicht, sich sozial zu engagieren. „In Paris hatte ich keine Ruhe dafür“, sagt er. Hier dafür umso mehr: 20 Stunden in der Woche arbeitet er für Coconat gegen Kost und Logis, die restliche Zeit plant er sein Unternehmen. „Der Austausch mit den anderen gibt mir neue Inspirationen“, sagt er.

Durch Mitarbeit zur Community

Beim Mittagessen erklärt Janosch, wie wichtig die Freiwilligen für das Konzept sind. „Nur so entsteht eine Community.“ Viele der jungen Startup-Gründer investieren ihr Geld lieber in ihr Projekt und nutzen die freiwillige Arbeit zum Austauschen und Networken. Zahlende Gäste kommen teilweise genau wegen dieser Atmosphäre, die durch die Community entsteht: Arbeitsgruppen aus großen Unternehmen treffen sich hier für Workshops, sie nutzen die Atmosphäre, die nach Kreativität und Innovation riecht und hoffen darauf, dass etwas davon abfärbt.

Nachmittags sitzt Antonia, eine Journalistin aus Berlin, im hellen Essraum und arbeitet mit Blick ins Grüne an einem Artikel, während Weronika mit ihrem dreijährigen Sohn Patrick auf dem Schoß per Skype mit einem Produzenten über ein neues Produkt verhandelt. Bis vor kurzem habe sie einen eigenen Laden gehabt, erklärt sie, aber nun, mit Kind, will sie etwas flexibler arbeiten und Zeit für Patrick haben. Ihr Geschäftsmodell: Sie findet über Amazon Produkte, die Schwächen haben und kreiert neue, verbesserte Produkte, sucht dafür Produzenten über die Internetplattform Alibaba, die diese schließlich direkt an Amazon schicken. „Fullfillment bei Amazon“ (FBA) heißt dieses Konzept.

„Relax and get some work done“, damit wirbt Coconat auf der Website, und das scheint aufzugehen. All die Gründer hier wirken entspannt – es ist dieser Zustand, in dem neue Ideen fließen. Für Weronika ist es auch ein Stück Urlaub mit ihrem Sohn, der sonst im Kindergarten ist, während sie in Aachen in einem Coworking-Büro in einer alten Kirche arbeitet.

Gegen Ansichten von gestern

Beim Abendessen diskutieren Pierre und Victor auf der Terrasse bei Linsensuppe und Salat über die Gesellschaft und das Unverständnis, das jungen Menschen wie ihnen häufig entgegen schlägt, wenn sie ihre sicheren Jobs kündigen und scheinbar so verrückte Dinge machen wie hier: auf dem Land sitzen, wandern, im Dorfteich baden, eine alte Badewanne als Hollywood-Schaukel nutzen und die Zukunft planen. Aber nur so verändert man die Welt, findet Pierre. „Mein Vater meinte, ich sei dumm, die Lücke in meinem Lebenslauf lasse mich unentschlossen wirken.“ Victor lacht. Auch der Spanier hat seinen Job gekündigt und bastelt hier an Prototypen für die Batterien von morgen – effizienter und ohne giftige Stoffe. „Das sind doch Ansichten von gestern.“

Auch an diesem hellen Juni-Abend geht irgendwann die Sonne unter. Franka, Antonia und Amrai diskutieren auf der Terrasse über Work-Life-Balance. Serena und Austin sitzen in der Badewannen-Hollywood-Schaukel und blinzeln wehmütig in die Abendsonne. Noch zwei Tage, dann müssen sie raus aus Bad Belzig, aus Deutschland, aus Schengen. „Zum Glück nur für einen Monat.“ Drin führt Weronika ein letztes Gespräch via Skype mit einem Auftragnehmer. Dann wird es dunkel und still in Klein-Glien. Die Gäste sammeln in den Zimmern, Zelten und Tipis Energie für neue Projekte.

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