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Feature

24 Stunden im Coliving-Space: Einer für alle – alle für einen!

(Foto: Shutterstock / Jacob Lund)

Coworking und Coliving ziehen digitale Nomaden ebenso an wie Startups. Alle sind auf der Suche nach einer neuen Gemeinschaft. Das fördert Innovation, groteske Partys und Arbeitskonzepte, in denen Freizeit keine Rolle mehr spielt. Ein Tag und eine schlaflose Nacht bei Rent24 in Berlin.

Um 17 Uhr klappt Christian, der Gründer eines E-Bike-Onlinemagazins, den Laptop zu und öffnet den Kühlschrank. Er nimmt zwei Flaschen Bier heraus und bringt eine davon auf dem Weg zurück zum Schreibtisch bei Bertrand vorbei, dem französischen Fotografen, der hier für einen dänischen Kamerahersteller arbeitet und gerade mit seinem Chef in Denver geskypt hat. Dann stehen die beiden Mittvierziger zwischen den Tischen, hier im Coworking-Space von Rent24 hoch über der Potsdamer Straße, und unterhalten sich über die Vorteile ihres neuen Arbeitsplatzes, die da wären: kostenloses Feierabendbier, Kaffee- und Popcorn-Flatrate, Putzfrau. Und die Gemeinschaft. „Du lernst hier einige nette Leute kennen“, sagt Christian – und zeigt auf Bertrand. Der lacht. Ohne dieses große Büro wäre er verloren zwischen Skype-Konferenzen mit seinem Auftraggeber in Dänemark, Chef in USA, Kunden in Tokio: „Aber irgendwann musst du auch mal echte Menschen treffen und ein bisschen reden.“

Rundum-Service zu Kampfpreisen

Christian mag den Rundum-Service, den es hier zu Kampfpreisen gibt: Schreibtisch, WLAN, jeden Freitag Brunch – natürlich ebenfalls kostenlos. „Du musst dich um nichts kümmern, und theoretisch könnte ich hier 24 Stunden rein.“ Rund um die Uhr arbeiten? Sicher nicht. „Wir haben zwei Kinder und überlegen gerade eher, wie ich weniger arbeiten kann.“

Aber es gibt sie bei Rent24, Menschen, die rund um die Uhr arbeiten. Und für die ist dieser spezielle Coworking- und -living-Space auf insgesamt 3.500 Quadratmetern eingerichtet mit Fitness-Studio, Wäscheservice, Schlafzimmern, Konferenzräumen für jeden Geschmack – von der Raumstation bis zum Dschungel – , einem Kino und der „Villa Piccolo“, einem voll eingerichteten Kinderzimmer. Nur die Kinderbetreuung, die müssen die Kunden selbst mitbringen, erklärt PR-Managerin Roksana Witusinski beim Rundgang. „Aber manche Mütter setzen sich hier einfach direkt mit Laptop rein.“

Nachts erwacht der Coliving-Space zum Leben

Wer sich auf die Suche nach den Rund-um-die-Uhr-Arbeitenden macht, muss warten, bis Christian und Bertrand zu Hause bei ihren Familien sind und mit ihnen all jene, denen die Work-Life-Balance wichtig ist. Lange nachdem die Nine-to-Five-Arbeiter weg sind, erwacht der Coliving-Space zum Leben. Mittendrin sitzt an diesem lauen Sommerabend Julia, 27, in der Lounge im zweiten Stock mit ihrem Laptop. 23 Uhr, das Community-Kochen ist gerade vorbei. Putzfrauen beseitigen die Reste in der modernen Küche, die anderen Coworker sitzen mit Weingläsern auf Barhockern. Auf der Dachterrasse hat sich eine intensive Debatte über künstliche Intelligenz entwickelt.

Julia organisiert den nächsten Ausflug ihrer neuen Familie. „Uns hat die Gemeinschaft gefehlt“, sagt sie. Deshalb sei sie hier. Die 27-jährige Expertin für Online-Marketing ist digitale Nomadin, sie sucht nichts Festes, sondern Wohnen und Arbeiten auf Zeit. Dieses ganze Herumreisen sei schön und gut, „aber man hat eben nur immer Urlauber um sich herum.“ Und die haben nicht nur herzlich wenig Verständnis für Menschen mit Laptop an den schönsten Orten der Welt, sie führen auch ein gänzlich anderes Leben. Das macht einsam. „Uns fehlt nicht das Büro, sondern es fehlen die Leute aus dem Büro“, beschreibt Julia den Gefühlszustand der digitalen Nomaden. Als ihr das klar geworden ist, hat sie kurzerhand den „Wifi-Tribe“ gegründet, einen Club von Menschen aus aller Welt auf der Suche nach WLAN in schöner Umgebung und Gemeinschaft. Vier Wochen bleibt der Club jetzt in Berlin, die 15 „Kollegen“ schlafen im Coliving-Space, arbeiten tagsüber im hippen Großraumbüro, eine ganze Etage mit Schreibtischen, Bürostühlen, Palmen, Sitzkugeln, Kaffee-, Bier- und Popcorn-Flatrate. Danach geht’s weiter nach Budapest. Im Winter nach Südamerika, alles in der Gruppe, immer mit Gemeinschaftsbüros. Am Wochenende gibt es Ausflüge zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Internationales Publikum

Auf der Dachterrasse hoch über einem türkischen Supermarkt mit Blick auf den Sozialpalast kreist derweil eine Shisha. Ein bosnischer Startup-Gründer sitzt hier im Kreis seiner Mitarbeiter und Projektpartner. Er hat die jungen Männer aus verschiedenen Ländern hier zusammengeführt. Sie sind gerade eingezogen, auf unbestimmte Dauer, und machen ein großes Geheimnis daraus, woran sie arbeiten: „Es wird alles revolutionieren“, sagt einer verschwörerisch. Es geht um künstliche Intelligenz, um Coworking und darum, dass alles immer besser miteinander vernetzt werden wird, „eine Revolution“ murmeln sie verschwörerisch, während auf dem Laptop eines Enthusiasten Kreise auf einer Weltkarte aufblinken. „Berlin, Kroatien, Amsterdam, London“ – glaubt man ihm, arbeiten überall dort um diese Zeit Menschen mit ihm an dieser geheimnisvollen Revolution. Eines aber, das sagen sie gerne: „Das ist der Hit, wir arbeiten, essen und feiern zusammen.“

Diese neue Gemeinschaft haben auch die etablierten Unternehmen entdeckt – und kürzlich einer nach dem anderen von Yahoo über IBM bis hin zu Microsoft und Apple ihre Mitarbeiter nach einer Phase des „jeder kann arbeiten wo er will“ wieder zurück in die Großraumbüros geholt. Große moderne Büros, oft ähnlich wie jene von Rent24. Schließlich sagt die neueste Forschung, dass echte Innovationen eher in der Gemeinschaft entstehen und eben nicht, wenn jeder sein Süppchen vor sich hinkocht. Doch bei beinahe all diesen großen Unternehmen sind auch Gerüchte über schimpfende und motzende Mitarbeiter nach draußen gedrungen: Großraumbüro, das sei doch Legehennenhaltung. Wo bleibe da Privatsphäre?

Großraumbüros als kreative Chance

Wie kommt es, dass die Freelancer und Startups mit dem Konzept Großraumbüro kein Problem haben? Es dauert ein bisschen, bis Rent24-Gründer Robert Bukvic, 37, einfällt, woher er den Begriff kennt: aus amerikanischen Serien. „Da sitzen die Menschen dicht an dicht zwischen grauen Raumteilern. Ich kann mir vorstellen, dass man sich da vorkommt wie auf einer Hühnerfarm.“ Bei Rent24 gibt es diese riesigen Räume auch und zwar ohne Raumteiler: Man kann von einem Raumende zum anderen schauen. Und wenn es voll ist, sitzen die Coworker nahezu Schulter an Schulter. Dennoch gibt es keine Beschwerden, weder über schlechte Luft noch über Gespräche oder die fehlende Privatsphäre. Irgendetwas scheint dazu zu führen, dass die gleichen Arbeitsbedingungen, die manche als hoch problematisch empfinden, für andere der perfekte Arbeitsplatz sind.

Es ist die Gemeinschaft, die ihnen lange genug abgegangen ist – und die Freiwilligkeit In der Tat scheint das Leben der digitalen Nomaden und Startup-Gründer hier ein einziges süßes Vergnügen zu sein. Zwischen den Unermüdlichen mit ihren Laptops wuselt auf der Dachterrasse unter abendrotem Himmel Albina herum, eine gesprächige junge Frau Anfang 20, die Community-Managerin von Rent24. Sie streichelt hier eine Schulter, dort ein Knie, füllt allen Wein nach und fragt, ob alle satt geworden seien oder ob sie noch eine Pizza bestellen solle – alles auf Kosten von Rent24. Und auch Albina selbst, die freiwillig in den neuen Coliving-Space eingezogen ist und nun Arbeit und Freizeit überhaupt nicht mehr trennen kann, sondern irgendwie immer im Dienst ist, ist euphorisch. „Das ist so eine tolle Gemeinschaft hier“, jubelt sie, leicht angetüdelt und Arm in Arm mit einem der Gründer.

Hoch über der Potsdamer Straße schwärmen die Vertreter des neuen Arbeitens davon, wie Ideen und gemeinsame Projekte zwischen Fremden entstehen, allein dadurch, dass man den Schreibtisch teilt. „Wir pushen die Community“, sagt auch Bukvic – durchaus aus Eigeninteresse: Wenn das Geschäft der ansässigen Startups gut läuft, expandieren sie – und das bringt immer neue Kunden für Rent24 mit sich.

Bukvics Plan geht auf: Die ersten Spaces waren schnell ausgebucht. Inzwischen betreibt der Jungunternehmer 24 Coworking-Spaces, unter anderem in Berlin, München, Tel Aviv, Amsterdam und New York. Dazu kommen sechs Coliving-Standorte in Berlin, Chemnitz und Hamburg. „Ich brauche keine Forschung“, sagt er, „ich bin seit 17 Jahren Gründer und Freelancer. Ich weiß, was man braucht, um kreativ zu arbeiten.“

Die Gemeinschaft ist das Herz von Bukvics Konzept. Ähnlich wie der Wifi-Tribe der digitalen Nomadin Julia wähle auch Rent24 sehr wohl aus, wer gut zur Gemeinschaft passt. „Einer für alle, alle für einen“, sagt er und klingt begeistert von seiner eigenen Idee. Künftig sollen sich die Mitglieder über eine Blockchain-Plattform austauschen und sich gegenseitig Aufträge vermitteln können. Wer im Sinne der Community besonders aktiv ist, erhält nicht nur digitale Währung, sondern auch Statuspunkte, die seinen Einfluss innerhalb der Gemeinschaft stärken.

Und die Work-Life-Balance?

Diese neue Gemeinschaft führt zu Innovationen, aber auch zu einer recht unausgeglichenen Work-Life-Balance, wie man bei Rent24 sehen kann. Bukvic stöhnt: „Das ist echt die Standardfrage. Das ist natürlich nichts für Familien!“ Es entspricht aus seiner Sicht eher einem Konzept für eine bestimmte Lebensphase – und Gründer arbeiten ohnehin durch. „Du bist hier nie allein. Auch nicht, wenn du dir nachts um zwei einen Kaffee machst, weil du nicht schlafen kannst, weil du gerade erfahren hast, dass du für dein Projekt den Zuschlag bekommen hast.“

Diese Schlaflosigkeit, ja, die ist zu spüren. Die Laptops werden erst an der Bettkante zugeklappt – und die wird spät aufgesucht. Der Gesprächsbedarf der jungen Gründer ist groß, die ganze Nacht hindurch. Ruhig wird es hier nie – auch nicht für die, die gerne schlafen würden.

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