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Dreistigkeit siegt: Wenn Gäste das Coworking-Prinzip ausnutzen

Das Sankt Oberholz betreibt drei Cafés und zwei Coworking-Spaces in Berlin. Die Kaffeehäuser sollen die erste Schnittstelle zu den Zusammenarbeitsräumen herstellen. (Foto: Hegemann)

Ob Fünf-Minuten-Terrine oder Döner: Gäste in Coworking-Cafés bringen teils selbst Essen mit – und halten das auch noch für gerechtfertigt. Der Gründer des Sankt Oberholz macht seinem Ärger nun Luft.

Das Geschäftsmodell von Coworking-Spaces scheint eigentlich klar: Die Betreiber vermieten Räume mit WLAN und nehmen dafür Geld. Doch weil sich viele Orte der Zusammenarbeit nicht nur darüber finanzieren können, suchen sie sich weitere Einnahmequellen. Dazu gehören Events und Workshops – oder auch Cafés. Die Kaffeehäuser sollen für jeden zugänglich sein und so auch neue Kunden für die Coworking-Spaces erschließen: Wer häufig im Café sitzt, für den ist vielleicht auch eine Coworking-Mitgliedschaft interessant. So zumindest die Idee.

Eines der bekanntesten Coworking-Cafés ist das Sankt Oberholz in Berlin. Hier schrieben schon Holm Friebe und Sascha Lobo an ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“. Das Café entstand 2005. Als eines der ersten Kaffeehäuser in Deutschland setzte es auf WLAN und breite Tische. Die Gäste sollten hier nicht nur Cappuccino trinken, sondern auch arbeiten können. Zu den Werten der Cafés zählen Offenheit und leichte Zugänglichkeit. Während der Kunde im Coworking-Space Mitglied sein muss, dafür aber auch den Drucker verwenden oder eigenes Essen mitbringen kann, darf der Gast im Café umsonst sitzen. Dort lautet der unausgesprochene Deal: Die Kunden kaufen Getränke und Speisen, dafür können sie Internetzugang sowie Strom nutzen und solange bleiben, wie sie wollen.

Wenn der Gast einen Döner mit ins Coworking-Café bringt

Doch dieser Deal scheine nicht mehr aufzugehen, schreibt jetzt der Gründer des Cafés und Coworking-Spaces, Ansgar Oberholz, in einem Beitrag für Coworkinginsights (deutsche Fassung bei den Netzpiloten). „Nach Befragungen uns bekannter ähnlicher Coworking-Cafés lässt sich feststellen, dass die Selbstverständlichkeit, dass man in einem Café auch dessen Produkte konsumiert, wenn man dort verweilt und über einen langen Zeitraum Wifi und Strom nutzt, nicht mehr ausreichend gegeben ist.“ Dieses Phänomen habe in den vergangenen Jahren ein „problematisches Ausmaß“ angenommen.

Denn die Gäste bestellen manchmal nicht mal eine einzige Tasse Kaffee über vier Stunden hinweg. Sie bringen teils sogar eigene Speisen mit in die Cafés. So beschreibt Oberholz, wie ein Kunde einen Döner Kebap in dem Kaffeehaus verzehren wollte. Als der Kellner ihn darauf hinwies, dass er dort keine mitgebrachten Speisen essen dürfe, gab der Gast Widerworte: „Aber ich habe gestern auch schon einen Kaffee bei euch gekauft.“ Für Oberholz steht diese Szene stellvertretend für das Phänomen. „Die Verhaltensweise der Gäste deutet auf ein vermindertes Schuldempfinden und unterdrückte Schamfähigkeit hin“, schreibt er. Denn normalerweise müsse man sich für sein Verhalten entschuldigen, nicht noch diskutieren.

 „Das analoge Café hat keine Chance im Kampf um die Aufmerksamkeit.“

Das ist nicht neu, auch Cafés ohne WLAN kämpfen mit dreisten Gästen. Aber an Orten mit Internetzugang scheint sich dieses Phänomen noch zu steigern. Oberholz führt die Entwicklung in seinem Beitrag auf den „Aufforderungscharakter“ von Situationen zurück. Ein Café hat einen solchen Charakter, aber eben auch ein Macbook. Das Problem: „Der Kampf um Aufmerksamkeit geht klar an die digitalen Endgeräte, das analoge Café hat keine Chance“, schreibt der Sankt-Oberholz-Gründer. „Die ununterbrochen vernetzten Geräte lassen uns leicht und schnell beschäftigt sein. Zu beschäftigt für Essen und Trinken.“

Coworking-Space und Café: Das Sankt Oberholz an der Zehdenicker Straße in Berlin. (Foto: Hegemann)

Lösen will der Café- und Coworking-Space-Betreiber diesen Zwiespalt nun mit Service. Der Kellner soll mit seinem Auftauchen am Tisch nicht nur indirekt daran erinnern, noch etwas zu bestellen. Er soll auch andere Nöte und Bedürfnisse des Gastes erkennen – vom fehlenden Ladekabel bis hin zu Papier und Stift. Die Idee: Ähnlich wie ein Community-Manager in einem Coworking-Space soll eine Bindung zum Café entstehen. „Coworking funktioniert in seiner vollen Blüte nur mit Elementen der Gastronomie“, schreibt Oberholz. Im besten Fall erinnere sich der Gast am Ende an das Erlebnis – und nicht an die Rechnung.

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13 Reaktionen
Reiner Knudsen

Mich wundert dieser Beitrag. Ich hätte eine andere Einstellung der Nutzer erwartet. Insbesondere Gründer empfinden - meine eigene Wahrnehmung - sich eine Solidarität mit anderen Selbständigen. Wieder einmal falsch gedacht. Ich hatte auch immer den Traum, ein gutes Café zu betreiben, aber jeder Gastronom rät davon ab, weil es sehr schwierig ist, ein einladendes Ambiente zur Verfügung zu stellen und wirtschaftlich davon zu profitieren. Schade eigentlich.

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BrigitteKönig

Ich erwarte von einem Café-Betreiber, welcher sein Business für eine solch moderne Form des Coworkings öffnet, auch eine Einsichtigkeit hinsichtlich dessen, dass Nutzer solcher Angebote auch andere Interessen verfolgen, als normale reguläre Café-Besucher.

Zielgruppenspezifische Angebote nenne ich das. Sonst wird er damit in Zukunft wenig Erfolg haben. Schließlich ist der Markt nicht gerade klein, mittlerweile gibt es zahlreiche moderne Business Center in allen Großsstädten, in denen man Coworking verfolgen kann. Ich persönlich habe einen eigenen Platz in einem Coworking Büro im COLLECTION Business Center in Frankfurt (http://www.ubc-collection.com/collection-business-center-frankfurt-nextower/coworking-frankfurt.html). Hier ist es keine Frage, ob man sich etwas zu Essen und zu Trinken mitnimmet, klar es ist auch kein Café.

Ich kenne das übrigens auch aus bayrischen Biergärten, dass die Wirte es erlauben, dass man sich eigenes Essen mitbringt. Und soweit ich das beobachten kann nehmen das viele gerne in Anspruch. So kommen dann auch mehr Leute, die einfach nur was trinken und gerne was eigenes essen möchten.

In den Kommentaren las ich die Frage, wer solche Angebote überhaupt in Anspruch nehme. Ich als Start-Up-Gründerin tu dies! Für mich gibt es nichts besseres als in einer professionellen Umgebung mit verschiedenen selbstständigen Gründern zu arbeiten. Erstens bin ich dadurch viel effektiver als vorher und zweitens lass ich mich nicht so leicht ablenken. Man muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis betrachten. Klar ist es etwas teuerer in einem Coworking Space zu arbeiten, aber anders gesehen viel produktiver, was wiederrum zu mehr Verkäufen führt. Wirtschaftlich denken ist angesagt!

LG Brigitte

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Toni der Unwissende

Dass der Cafébetreiber sich aufregt, ist verständlich. Schließlich verdient er damit kein Geld. Aber wir leben in der Marktwirtschaft, da muss man das anbieten, was nachgefragt wird. Und wenn die Leute keine Lust haben, für einen Internetzugang drei Tassen Kaffee zu trinken, dann hat er wahrscheinlich einfach das falsche Angebot.

Vielleicht kann mir jemand erklären, welche Leute überhaupt in so einen Coworking Space gehen. Eine Wohnung oder ein WG-Zimmer hat doch jeder. Und der Internetzugang kostet ca. 25 Euro im Monat. Wenn ich einen Coworking-Space nutze, dann zahle ich das doch schon in zwei Tagen. Und nur, weil man dort einen Drucker hat, kann ich mir nicht vorstellen, so viel Geld zu bezahlen.

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sabine jankowski

Da in Coworking Café hauptsächlich Gründer und Startups sitzen, sollte man hier eigentlich ein Mindestmaß an wirtschaftlichem Verständnis erwarten können. Nämlich soviel, sich ausrechnen zu können, das ein Gastronom nicht von Gästen leben kann, die 4 Stunden an einem Kaffee nippen und dann auch noch ihr Essen selbst mitbringen.

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Peter

"... Gründer und Startups ..."

Es sind genau diese Leute, von denen man oft Sätze wie "Wir können dir für das Logo leider nur 30 € bezahlen, aber hey, das macht sich gut in deinem Portfolio." oder "Unser Budget für die Website beträgt leider nur 200 €, aber das wird auch nicht sooo viel Arbeit sein, oder?" zu hören.

Die "Geiz-ist geil-Mentalität" ist leider im Geschäftsleben angekommen und trifft jetzt eben auch die Cowrking-Cafés. Das Problem sind vor allem die fremdfinanzierten Startups, die in den ersten Jahren kein Geld erwirtschaften müssen, weil sie Fremdkapital verbrennen dürfen. Da entsteht nun mal kein Bewusstsein dafür, dass andere Unternehmer gewinnorientiert arbeiten müssen.

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Sebastian

Dabei lässt sich das Prinzip so einfach für beide Seiten auflösen. App coden, welche zeitlich begrenzte Zugänge verwalten kann. Erste Stunde freigeben. Danach muss ich einen Freischaltcode eingeben, welcher nach einer gewissen Zeit abläuft. Den Code gibt es auf Nachfragen oder mit dem Bon zum Cafe.
Wo ist das Problem. Wenn ich mich als innovativ und zukunftsorientiert verkaufe, dann sollte ich auch etwas in die Richtung tun.
WLAN kostenlos anbieten und auf die neue soziale Gerechtigkeit zu hoffen, die überall propagiert wird, reicht nicht aus um Teil einer neuen Gesellschaft 3.0 zu sein.
Der Einzelne wird immer wieder in Versuchung sein, so wenig wie möglich für eine Leistung auszugeben, oder andersherum so wenig wie möglich für eine möglichst hohe Vergütung zu tun.
Den Kompromiss dazwischen muss man schrittweise ermitteln und mittels technischer Möglichkeiten realisieren.

Grüße an die digitale neue Welt in Kinderschuhen, welche sich wie jede Generation davor gegen Bestehendes behaupten muss und sich wie viele davor von ihrer Umwelt unverstanden und ungerecht behandelt fühlt. Für Träume und soziale Innovationen muss man mehr tun als nur träumen ...

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HaraldK

Café und Coworking sind einfach zwei verschiedene Produkte die es zu bepreisen gilt.
Stelle ich im Café Arbeitsplätze kostenlos zur Verfügung dann tue ich das um mir einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Dann bleibt mein Café aber ein Café dessen vorrangiger Sinn darin liegt Speisen und Getränke zu verkaufen.
Biete ich in einem Coworking Space Speisen und Getränke an dann ist das eine Zusatzdienstleistung die man in Anspruch nehmen kann oder auch nicht.
Also macht bitte vor Vertragsabschluss - also vor der Tür - klar was Ihr anbieten wollt!

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David

DAS ist doch wieder bezeichnend für Deutschland. Ich will hier nicht über Deutschland meckern, wir machen auch viel richtig, aber die Leute, ihre Einstellungen und Prinzipien... dann arbeite halt zuhause und ess da deinen Döner. Unfassbar, wie manche denken, so etwas wäre dann auch noch okay. Strom und W-Lan schnorren aber dann nicht einmal was bestellen. Es gibt überall ungeschriebene Regeln und schon klar, dass sich einige nicht dran halten, aber dass das wieder so ein Ausmaß annimmt ist bezeichnend.

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weitergedacht

Der Schnittpunkt zwischen "vermieteter Arbeitsplatz" und "Cafe" muss klar definiert sein. Im Konzept, nicht pro Space.
Auf eine normale Arbeit im festen Büro würde ich mir Essen mitnehmen - Genau das gleiche denken dann vermutlich einige auch von den Arbeitsplätzen im Space. Weil man eben arbeitet bringt man sich Essen mit. Das ist tief drin im Gewohnheitstier Mensch...

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businessunicorns

Oder man macht ein Schild an die Tür, auf dem so was stehen könnte wie:

"Liebe Gäste, bitte haben Sie Verständnis dafür das keine selbstmitgebrachten Speisen und Getränke in diesem Café verzehrt werden dürfen. Im Gegenzug stellen wir Ihnen gern Strom und unser WLAN zur Verfügung."

Oder sind Schilder nicht mehr hip genug?

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Zwiebelfisch

Hoffentlich wird der Betreiber die Fehler korrigieren, bevor er deinen Vorschlag übernimmt. Falls du sie nicht erkennst, siehe http://www.dass-das.de und deutsche Interpunktionsregeln.

Wieso wird heutzutage fast immer "das" statt "dass" geschrieben? Man lernt den Unterschied doch schon in der Grundschule.

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businessunicorns

Danke für den Hinweis, ist mir in der Tat durchgegangen. Hätte mich noch über einen Beitrag zum eigentlichen Thema gefreut, aber man kann nicht alles haben.

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