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Coworking zu jedem Preis – ein Hoch auf die Gemeinschaft

(Foto: Shutterstock / Rawpixel.com)

Wework ist der größte Coworking-Anbieter – und einer der teuersten. Wieso bezahlen Menschen viel Geld für einen Platz an der Bar?

Die Männer und Frauen, die hier emsig putzen, Mülleimer leeren, den Boden wischen und den Kühlschrank mit verschiedenen Sorten Milch auffüllen, tragen alle das gleiche schwarze T-Shirt mit der Aufschrift: „Do what you love“. Putzmann als Traumjob? An den Fenstern entlang führt eine Art Tresen, an dem Menschen mit Laptops auf Barhockern sitzen, Blick Richtung Fenster. Die meisten mit einem Kaffeebecher, ebenfalls mit der Aufschrift, „Do what you love“. Es läuft Musik, manche tragen Kopfhörer, andere unterhalten sich. Café-Atmosphäre. Doch die Menschen mit ihren Laptops am Fenster bezahlen 350 Euro im Monat dafür, dass sie hier wie im Coffeeshop sitzen, auf den Laptop schauen und Kaffeetrinken können. WLAN, Kaffee und Bier inklusive.

Bei Wework in München

Wir sind bei Wework in München. Wework ist der weltgrößte Coworking-Anbieter mit 268.000 Mitgliedern an 287 Standorten in 77 Städten in 23 Ländern; gegründet 2010 in New York City, wo heute auch der größte Standort ist: der Wework-Tower mit 4.500 Mitgliedern. München ist eines der neuesten Babys des US-Konzerns, am Oskar-Miller-Ring hat am 1. August der achte Wework-Standort in Deutschland eröffnet (neben fünf in Berlin, je einer in Hamburg und Frankfurt und ein weiterer in München) – und schon zwei Wochen später und mitten im Sommerloch ist hier in der sogenannten „Hotdesk-Area“ mit schmalen Tischen in Barhöhe ungefähr jeder zweite Platz belegt.

„Hotdesk“-Member sind meist Freelancer, die hier keinen richtigen Schreibtisch haben, keinen Bildschirm, kein Schließfach, keinen Postservice: Sie können sich frei im Gebäude bewegen und jeden dieser Plätze benutzen, solange er frei ist. Es sind diese Tresen unten neben der Bar, in der ersten Etage schmale Tische auf dem Flur vor den festen Büros hinter Glasscheiben. Es ist auch mal ein Sofa oder ein Sessel in einer Ecke. Doch keiner davon ist abgetrennt, überall Musik und Geräusche, Sitzen in der Öffentlichkeit. 350 Euro für etwas, das mehr oder weniger kostenlos bei Starbucks zu haben ist – bis auf den Kaffee, der hier kostenlos ist und dort bezahlt werden muss. „Stimmt, früher ist man in den Starbucks gegangen“, sagt Community-Managerin Sabine, die durch das Haus führt. „Aber da arbeitet jeder allein vor sich hin.“

Wie anders das hier ist, zeigt sich schnell. Sabine führt in den ersten Stock, ständig unterbrochen von kurzen Gesprächen, „Hey Peter, wie geht es dir?“, „Oh Anja, du bist im Stress, richtig? Kann ich dir was Gutes tun?“, sie verspricht hier einen zusätzlichen Schlüssel für ein gemietetes Büro und dort einen weiteren Tisch – und alles wirkt so, als kenne man sich schon lange. Aber es sind erst zwei Wochen. Sabine selbst arbeitet seit zweieinhalb Monaten für Wework – sie hat vor der Eröffnung in München schon Mitglieder geworben, Gespräche geführt. „Das ist uns wichtig: dass wir jeden hier kennen, dass es nicht anonym ist“, sagt sie. Sie kennt hier fast jeden mit Namen und hat ein Auge darauf, dass alle zufrieden sind, und vernetzt die Mitglieder: „Wir wollen, dass unsere Member voneinander profitieren, dass sie wachsen“, sagt sie.

Auf die Community kommt es an

Die Community-Idee ist eine Idee hinter Wework, die mindestens ebenso wichtig ist wie das Bereitstellen von Büroräumen, für das der US-Konzern auch steht: Große Unternehmen mieten sich hier ein, sie mieten ganze Büros mit vielen Plätzen, kleben ihr Logo an die Scheiben – und zahlen nicht pro Quadratmeter, sondern pro Schreibtisch. Sie haben Zugang zum Drucker, können Konferenzräume mieten, Kaffee und Bier ebenfalls inklusive. Und sie können monatlich kündigen. Etwa 25 Prozent der Mitglieder gehören zu solchen Unternehmen, der Rest sind kleine Startups und Freelancer, die entweder „Hotdesk-Member“ sind oder sich für 450 Euro im Monat einen der Schreibtische in den großen Büros mieten. Relativ schmale Plätze an teils langen Tischen, an denen sie Ellbogen an Ellbogen sitzen mit Blick auf ihr Gegenüber – statt an die Wand.

„Wir gestalten alles so, dass es die Kommunikation und den Austausch stärkt“, sagt Andy Heath, der Regional Design Director für Europa, Israel und Australien von Wework. Deshalb gibt es die Schreibtische, die dazu zwingen, andere anzusehen. Besonders viel Liebe werde jeweils in die Hotdesk-Area gesteckt: „Es sind die Bereiche mit dem meisten Licht und der größten Luft-durchflutung“, sagt Heath. Neben denen, die sich auf die Hotdesk-Mitgliedschaft beschränken, sitzen hier auch Menschen aus den Büros, die mal etwas anderes sehen wollen oder gerade offen sind für Austausch. „Jeder Mensch ist anders, und auch über den Tag hinweg wechseln die Bedürfnisse“, begründet Heath. Er selbst sitze beispielsweise morgens in einem Büro, weil er kein Morgenmensch sei, sondern lieber wortkarg seine Mails bearbeite. Mittags traue er sich dann raus in die Hotdesk-Areas, auf der Suche nach zufälligen Kontakten, Austausch, Inspiration.

Networking inklusive

„Ich lerne das gerade noch, dieses Coworking“, sagt Massimo Marzo, den Sabine schließlich im ersten Stock findet. An einem Schreibtisch, der in einer Ecke eines nach hinten breiter werdenden Flurs steht. Viel Licht, fünf Sitzplätze. Der 34-jährige Übersetzer hat sie gerade für sich allein. Zuvor habe er sich bei einem Büroanbieter eingemietet: „Dessen Büros waren eher Abstellkammern.“  Doch Massimo braucht Menschen um sich herum. Eines Tages stolperte er über ein Youtube-Interview mit Wework-Gründer Adam Neumann, in dem dieser über den Gemeinschaftsgedanken sprach. „Seit ich hier bin, habe ich kein einziges Mal mehr Google benutzt, wenn ich eine Dienstleistung suche“, sagt Massimo. Einer seiner neuen Coworking-Kollegen hat ihm bei seinem Logo geholfen, ein anderer seine Website begutachtet, während er wieder anderen mit kleinen Übersetzungen unter die Arme griff – noch alles kostenlos, Arbeit gegen Arbeit. Doch das ändert sich: „Wir geben einander natürlich Folgeaufträge“, sagt er.

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine trifft er einen jungen Mann mit Basecap. David, Mitte 30, Gründer eines Startups, das kabellose Powerbanks entwickelt. „Wir haben jetzt Meetingräume in jeder Stadt“, schwärmt der – dank Wework kann er auf seinen häufigen Dienstreisen in anderen Städten arbeiten und Treffen organisieren. Kürzlich hat er sich mit Massimo in London getroffen, wo beide gerade zu tun hatten. „Du hast ein riesiges Netzwerk hier“, sagt er. Der kleine Schreibtisch an der fensterabgewandten Seite eines der großen Büros, den er gemietet hat, ist für ihn mehr die Eintrittskarte für alles andere. Der Tisch selbst ist gerade ohnehin kaum zu benutzen, denn unter ihm stapeln sich Kartons mit den neuesten Geräten. Es scheint eher Davids Lager als sein Schreibtisch zu sein. Er arbeitet ohnehin lieber hier auf dem Flur in der Hotdesk-Area, „ich brauche ein gewisses Hintergrundgeräusch“, sagt er – und auch Massimo sagt, die Nebengeräusche und die Musik im Hintergrund störten ihn keineswegs beim Arbeiten.

Coworking ist mehr als nur ein Platz am Schreibtisch

Diese 350 Euro, die günstigste Mitgliedschaft, die München zu bieten hat, scheint also weniger das Geld für den Schreibtisch zu sein: Auf dem Weg kommt Massimo an einer winzigen Zelle vorbei, rundherum Glas, darin genau ein Schreibtisch. Die Steuerberaterin darin zahlt 700 Euro für ihr Einzelbüro. Doch es ist nicht nur dieses Büro. Sie alle bezahlen den Zugang zu einer Community, die allein wegen ihres Preises eher erfolgreiche Startups und Unternehmer anzieht. Dazu gehört eine facebook-artige App, in der sich die knapp 270.000 Mitglieder weltweit austauschen, in der sie sich Aufträge vermitteln, in der ein lebhaftes Recruiting stattfindet. Wozu noch Google oder Linkedin? „Die Zeit spare ich mir jetzt“, sagt Massismo.

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