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Coworking in Stuttgart: Arbeiten als Exotin

(Foto: Shutterstock / 4 PM Production)

Während es in Berlin Hunderte Coworking-Spaces gibt, sind sie in Stuttgart Mangelware. Coworker sind hier Exoten, die von der Forschung interessiert beäugt und von den großen Unternehmen missverstanden werden.

Ich grübel gerade über den Einstieg für diesen Text: Fange ich mit dem Exotendasein als Coworkerin in Stuttgart an sich an oder mit dem Exotendasein als Journalistin im Stuttgarter Coworking oder als Kreative in Ingenieursland? Da taucht ein Mann hinter mir aus dem Nichts auf. Er schiebt sich von links zwischen mich und den Bauingenieur, der neben mir Platz genommen hat und gerade am Telefon komplizierte Statikprobleme verhandelt, ein angenehmes Hintergrundrauschen von Zahlen und Paragraphen, das regelmäßig meine Kreativität beflügelt. Als die Nase des Fremden auf Höhe meines Bildschirms angelangt ist, stupst er mich vorsichtig an und fragt: „Entschuldigung, bist du ein Startup? Dürfte ich dich mal interviewen? Ich forsche gerade über Startups in Coworking-Spaces.“

Coworking ist mehr als nur Startups

Also, äh nein, ich bin kein Startup, sondern Freelancerin, oder Solo-Selbstständige, wie es weniger sexy auf Deutsch heißt. Ich kann wirklich nichts dazu sagen, wie sich Startups hier fühlen, ob Coworking gut ist für Gründer mit riskanten, disruptiven oder mutigen Geschäftsideen. Ich kenne hier nicht einmal Startups oder Gründer. Um mich herum sitzen lauter Selbstständige mit äußerst soliden Berufen: Bauingenieure, Übersetzerinnen, Unternehmensberater und vor allem viele ITler, App-Entwickler, eine Ernährungsberaterin, ein Architekt. Gerüchteweise eine Fotografin, der ich aber noch nicht über den Weg gelaufen bin. Und ansonsten: Mitarbeiter von Unternehmen, die ihren Sitz in einer anderen Stadt haben, und die hier arbeiten statt im Homeoffice.

Doch es scheint enormen Forschungsbedarf zu geben: Zeitweise kommen mehrere Mails pro Woche über den Coworking0711-Verteiler von Master- und Bachelor-Studenten, von Doktoranden, von Forschungsgruppen – und sie alle wollten uns paar Coworker interviewen. Entweder aus der ökonomischen Perspektive oder sie interessieren sich für die Arbeitswelt der Zukunft oder für Startups an sich. Als Kreative in Stuttgart bin ich diese kulturellen Missverständnisse in einer ingenieursgeprägten Umgebung inzwischen gewöhnt, doch wer obendrein Coworker ist, der spürt einmal mehr, wie weit Stuttgart von Berlin weg ist, wo Coworking schon beinah normaler Alltag ist.

Das ging auch Harald Amelung so, als er Coworking0711 im März 2010 gegründet hat: Er arbeitete als Web-Entwickler im Homeoffice und war nach Stuttgart gekommen, weil seine Frau einen Job „beim Daimler“ bekommen hatte. So kommen diese Exoten nämlich hierher: Sie ziehen mit den Ingenieurinnen mit, die diese Region angesichts entsprechend großer Arbeitgeber anzieht, doch sie bleiben Exoten. Amelung fiel zu Hause schnell die Decke auf den Kopf, gleichzeitig sah er die wachsende Coworking-Bewegung in Berlin und die Lücke in Stuttgart. Also gründete er den ersten Coworking-Space Stuttgarts in der Annahme, dass bald weitere folgen würden. Heute gilt er als Platzhirsch, doch tatsächlich folgte kaum etwas hinterher. Inzwischen gibt es zwei Konkurrenten in Stuttgart und jede Menge, das sich Coworking nennt, aber irgendwie etwas anderes ist.

Nicht überall wo Coworking draufsteht, ist auch Coworking drin

Bei meiner Suche nach einem Coworking-Space bin ich beispielsweise beim ersten Googeln auf Regus gestoßen, ein Business-Center, das wortreich wirbt mit Coworking und einer „weltweiten Gemeinschaft“. Beim Besuch vor Ort hat sich der Coworking-Bereich allerdings als tristes weißes Büro mit lieblos darin verteilten Schreibtischen entpuppt. Und das ohne einen einzigen Menschen darin. Die weltweite Gemeinschaft scheint eher virtuell zu sein. Aber das hilft einer Freelancerin auf der Suche nach kreativer Gesellschaft herzlich wenig.

So bin ich bei Harald Amelungs 0711 gelandet, einer großen hellen Fabriketage. 350 Quadratmeter mit großzügigen Tischen, Regale mit IT-Büchern und Pflanzen als Raumtrenner, im Hof ein Bioladen, in der Küche eine Kaffeemaschine. Die Flatrate ist im Preis inbegriffen. Was will man mehr? Und Kollegen, die sich um meine Work-Life-Balance sorgen, was kein Fehler ist. „Eva, du hast doch jetzt Kollegen“, hat eine von ihnen neulich gerufen, als ich gerade aus alter Gewohnheit mein Mittagessen vor dem Laptop einnehmen wollte. „Das ist nicht gesund, komm zu uns an den Tisch!“

Ohne Gemeinschaftsgefühl geht’s nicht

Wir kommen gut miteinander klar, vielleicht auch gerade, weil wir eben keine Startups sind, sondern letztlich mit unseren etablierten Geschäftsmodellen zwar inhaltlich verschieden, aber eben doch irgendwie ähnlich. Und für Stuttgart ist es verwegen genug, sich überhaupt selbstständig zu machen. „Hier gibt es eben die großen Arbeitgeber mit ihren attraktiven Angeboten“, sagt Amelung, und das sei vermutlich der Grund, weshalb die jungen Leute hier nicht gründen, sondern sich lieber ins gemachte Nest setzen. Dazu kommt die Uni mit ihrem Ingenieurs-Schwerpunkt: Die Unternehmen müssen nur ihre Hand ausstrecken.

Immer mal wieder fragen die großen Unternehmen bei Amelung an, ob sie zeitweise eine Abteilung in das Coworking-Büro setzen dürfen – oder wenigstens eine Arbeitsgruppe? Diese neue Art des Arbeitens gilt schließlich als besonders innovativ und kreativitätsfördernd. Vielleicht färbt ja was ab? „Aber das ist natürlich Unsinn. Die Veränderung muss im Kopf beginnen, nicht beim Raum“, sagt Amelung. Abgesehen davon, dass er nicht den Platz hat für ganze Daimler-Abteilungen, weiß er aus Erfahrungen anderer, dass diese Mischung auch selten gut geht: Wenn ein ganzes Team als Fremdkörper im Coworking-Office sitzt, bleibt es meist unter sich. Dann färbt schon gar nichts ab, eher noch ist die Community der Freelancer irritiert – und die ist Amelung wichtig: Regelmäßig gibt es gemeinsame Aktionen: Vom Mittagessen übers Angrillen und die gemeinsame Teilnahme am Stadtlauf bis zum Feierabendbier auf dem Balkon.

Der Exotenstatus bleibt ...

Dennoch bleiben wir Exoten, die vielen Forscher stehen regelmäßig auf der Matte, um uns wenige „Gründer“ zu interviewen. Und auch der Begriff Coworking ist alles andere als etabliert. „Immer wieder denken Menschen, sie mieten sich hier ein abgeschlossenes Büro“, sagt Amelung. Stuttgart ist und bleibt in Bezug auf Coworking Provinz. Doch für Harald Amelung hat das auch seine Vorteile. Wann immer jemand etwas mit dieser neuen Art des Arbeitens ausprobieren will, landet er bei ihm. Als ich ihn darauf anspreche, wie es so ist, in der Provinz ein neues Konzept zu etablieren, lacht er. „Provinz? Stuttgart ist immerhin die sechstgrößte Stadt Deutschlands.“ Und die Region Stuttgart bildet mit ihren 2,7 Millionen Einwohnern (die Metropolregion hat gar 5,3 Millionen Einwohner) einen der größten Ballungsräume.

Aber Amelung kommt an diesem Tag gerade aus Magstadt zurück, einer kleinen Gemeinde in der Region, deren Bürgermeister ihn persönlich eingeladen hat. „Die wollen was für Gründer tun.“ Und da fällt den Menschen in der Region eben immer gleich der Platzhirsch ein, der hier den ersten Coworking-Space gegründet hat. So etwas will man nun auch in Magstadt, denn das Land hat die Initiative „Gründerfreundliche Kommune“ ausgeschrieben, da kann man sich einen Namen machen. Der Bürgermeister hat Amelung verschiedene mögliche Räume gezeigt, in denen er gerne Gründer hätte.

... oder wird langsam weniger

Auch in Herrenberg hat Amelung einen Space eröffnet. Und schließlich hat ihn eine alteingesessene Immobilienfirma aus Esslingen gebeten, auch ihr altes Hauptgebäude in einen Coworking-Space zu verwandeln, kürzlich ist dort der erste Mieter eingezogen. Amelung reibt sich manchmal verdutzt die Augen, was das alles nun doch noch nach sich zieht, trotz der ausgebliebenen Coworking-Welle.

Die Startups, die sucht man dennoch vergeblich bei Coworking0711. „Wenn ich ehrlich bin, haben wir genau ein echtes Startup bei uns“, sagt Amelung. Dann räumt er die vielen Magazine für Startup-Gründer beiseite, die hier täglich mit der Post ankommen. „Irgendwie glauben die alle, wir hätten hier das Publikum dafür“, sagt er und grinst. „Dabei interessiert das hier niemanden.“

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Eine Reaktion
Tobias Wolter

Gefühlt ist dies der erste Artikel, der die Unterschiede zwischen Stuttgart und Berlin offenbart.

Mein persönliches Bild von Berlin war lange - „Das sind die Hipser, die Geld für irrelevante Apps, Shops verbrennen“. Diese Position ist in vielen Köpfen verankert. Es wird auffällig oft auf Podiumsdiskussionen abfällig über das „hippe“ Berlin diskutiert. Nach dem Motto, so wie in Berlin wollen wir das auf keinen Fall. Und wer viele negative Position hört, der glaubt sie am Ende selbst. Ministerpräsident Kretschmann spricht von einer viralen Startup-Szene, streut kräftig Stand in die Augen der Gründer.

Die Wahrheit ist: In Berlin gibt es Bäckereien (z. B Books and Bagels), die haben mehr Co-Worker als die gesamte Region Stuttgart. Das Angebot an Spaces, Events ist nicht ansatzweise vergleichbar.

Ich kann nur jedem Stuttgarter empfehlen, sich ein eigenes Bild zu machen. Miete dich für 2 Wochen ein und besuche jeden Tag einen anderen Co-Working Space. Wer gründen will, muss nach Berlin.

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