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Cronzy Pen, der nächste Wunderstift zum Wundern

Ja, der Crozy Pen kann einen schon erstaunen. (Bild: Pixabay.com)

Letzte Woche wurde auf Indiegogo eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die einen Stift finanzieren soll. Das besondere an dem Stift ist, dass er alle Farben dieser Welt selber mischen kann. Déjà vu.

Der Scribble, äh Cronzy Pen mit den 16 Millionen Farben

Während man den Begriff Scribble noch prima aus dem Englischen übersetzen kann, fällt das beim Begriff Cronzy schon deutlich schwerer. Das Wort gibt es nicht. Am nächsten dran ist das Wort Crony, das etwa mit alter Bekannter übersetzt werden kann. Und das trifft die Sache besser als die Macher es sich vermutlich vorgestellt haben.

Denn der Cronzy Pen ist tatsächlich ein alter Bekannter. Unter dem Namen Scribble Pen wird eine quasi identische Lösung seit Jahren angekündigt und auf verschiedensten Wegen mit immer neuem Geld versorgt. Erst vor einem knappen Monat fasste ich hier auf t3n zusammen, was letztlich von dem Projekt zu halten ist. Es erweist sich nämlich als durchaus dubios.

Beide Stifte sollen mittels Scanner Farben aus der Umgebung aufnehmen und dann intern zusammenmischen können. Im direkten Anschluss an den Scanvorgang steht die aus CMYK-Patronen gemixte Tinte zum Zeichnen bereit. Im eben genannten Beitrag stelle ich die Funktionsweise detaillierter vor. Schau dir auch das Promo-Video der Cronzy-Crew an:

Erstaunlich, nicht wahr? Das Projekt wird über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo finanziert. Das Ziel ist mit 200.000 Dollar angegeben, von denen zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels rund 40.000 Dollar bereits eingespielt sind. Cronzy setzt auf das Indiegogo-Modell des Flexible Funding, was bedeutet, dass sie auf jeden Fall das eingespielte Kapital bekommen werden, auch wenn und soweit das gesetzte Funding-Ziel nicht erreicht werden sollte. An dieser Stelle darf mit Fug und Recht das erste Warnlämpchen angehen.

Nachdem ich mich durch das bereitgestellte Video- und Bildmaterial gearbeitet habe, ist meine Skepsis nicht geringer als jene, mit der ich dem Scribble Pen begegnet bin. Lass mich das mal strukturiert erläutern.

Merkwürdigkeiten rund um Cronzy als Unternehmen

Bevor ich mich mit dem Produkt befasse, schauen wir auf das Unternehmen hinter der Kampagne. Natürlich verfügt Cronzy über eine sehr ansehnliche Website, der man durchaus einigen Erstellungsaufwand ansieht. Es mag ein Zufall sein, dass sie derjenigen des Scribble Pen überaus ähnelt. Wie es sich gehört, sind am Fuß der Seite auch die Social-Media-Accounts verlinkt. Erstaunlicherweise funktioniert von den angegebenen jedoch nur der Facebook-Account, Twitter und Google+ sind nicht hinterlegt. Hat da etwa einer das Template nicht sauber angepasst?

Cronzy behauptet, seinen Sitz in Los Angeles zu haben. Über den Informationsdienstleister Datalog findet man heraus, dass es sich bei Cronzy Inc. um ein im US-Bundesstaat Wyoming am 12. Mai 2016 gegründetes Unternehmen handelt. Als Betriebsanschrift ist 1875 Century Park East Suite 700 angegeben. Dabei handelt es sich um das Business Center Watt Plaza der Kette Premier Business Centers.

Watt Plaza bietet echten Büroplatz an, verfügt jedoch auch über das Angebot des sogenannten Virtual Office. Beim Virtual Office geht es Kunden vornehmlich darum, eine Meldeadresse sowie einen Service für ankommende Post und/oder Telefonate zu haben. Man muss nicht tatsächlich dort residieren. Ich konnte nicht recherchieren, welches Angebot Cronzy Inc. im Watt Plaza nutzt. Auf der Website ist keinerlei Adresse angegeben.

Die Website Cronzy.com wiederum wird erstaunlicherweise nicht in den USA gehostet, sondern liegt auf einem Server des deutschen Providers Hetzner in Nürnberg, wie ich mittels Tracert herausfand. Ruft man die per Tracert ermittelte Adresse im Browser auf, sieht man nur das Logo der Firma Revolife. Revolife ist eine Agentur aus Estland. Auf dem gleichen Server befinden sich weitere sechs Domains, alle mit Bezug zu russisch-sprachigen Angeboten oder Anbietern, teils aus Deutschland, teils aus anderen Ländern. Auch der slowenische, oder zumindest über eine slowenische Telefonnummer zu erreichende Homepagebaukasten Alphaspace findet sich auf dem Server. Von der Optik der damit zu erstellenden Seiten zu urteilen, könnte Cronzy.com durchaus mit Alphaspace gebaut worden sein. Damit gäbe es dann auch gleich eine Erklärung für das nicht vollständig angepasste Template.

Der Geschäftsführer von Cronzy, ein Herr namens Alex Leonets, gibt auf seiner Facebook-Seite an, aus Magdeburg zu stammen, dann in Kiew studiert zu haben und nun in Los Angeles zu leben. Vielleicht sogar um letztere Behauptung zu untermauern, postete er im Mai 2016 zwei Runkeeper-Aktivitäten auf Facebook. Bei einer davon findet sich eine Aufzeichnung des gelaufenen Weges. Dieser Lauf fand danach in Los Angeles statt. Insgesamt verzeichnet das Runkeeper-Profil von Alex Leonets nur vier Aktivitäten, alle von Anfang Mai. Zwei davon sind mit der Map von Los Angeles hinterlegt, bei zweien ist der Kartenausschnitt als privat markiert. Frühere oder spätere Aktivitäten gibt es nicht.

Die im Promo-Video zu sehende Stadt ist mit großer Wahrscheinlichkeit Kiew in der Ukraine und nicht etwa Los Angeles in Kalifornien.

Alex Leonets ist ansonsten ein unbeschriebenes Blatt. Im Internet ist so gut wie nichts über ihn zu erfahren. Sein Facebook-, wie sein LinkedIn-Profil wirken wie gerade rechtzeitig eröffnet und bestückt, um Cronzy glaubhaft vertreten zu können. Auf der Seite der Kampagne stellt Leonets auch sein Team vor, allerdings beschränkt er sich auf Bilder mit Vornamen. Nachnamen oder weitere Hintergrundinfos zum Team werden nicht geboten. Was die Beteiligten warum und wie qualifiziert, an diesem Projekt zu arbeiten, bleibt völlig im Dunklen.

Fazit: Für ein Projekt, das dein Geld will und es aufgrund der gewählten Funding-Methode auf jeden Fall behalten wird, gibt es deutlich zu wenige Informationen zu Unternehmen und Team. Keine deutsche Bank würde auf der Basis dieser Infos auch nur einen Kredit vergeben. Auffällig ist zudem die breite Vielfalt verschiedener Länder, die in dieser Kampagne auf die eine oder andere Weise eine Rolle spielen.

Es scheint, als habe man versucht, auf die Kritik am Scribble-Projekt zu reagieren und den Eindruck von mehr Transparenz zu erschaffen, ohne sie tatsächlich zu bieten.

Merkwürdigkeiten rund um Cronzy als Produkt

Ebenso wirken die Informationen, die man zum Produkt bereitstellt. Es werden konsequent die Punkte bearbeitet, die man bei Scribble zu Recht kritisiert hat. Es gibt klare technische Daten, es gibt animierte Explosionszeichnungen. Prototypen werden im Video gezeigt, einer davon sogar sehr ausführlich:

Erstaunlicherweise werden in dem langen Video nur drei von vier sichtbaren Farben erzeugt. Zudem hält der Tester den Stift überaus seltsam. Dennoch muss man sagen, dass hier zumindest eine funktionierende Einheit gezeigt wird. Warum sie funktioniert und wie ist allerdings fraglich.

Schaut man sich die Konstruktion in Kombination mit dem Promo-Video an und achtet auf die Details, ergeben sich weitere Fragezeichen. Nehmen wir mal diese Illustration:

Explosionszeichnung des Cronzy Pen. (Quelle: Cronzy Inc.)
Explosionszeichnung des Cronzy Pen. (Quelle: Cronzy Inc.)

Das sieht auf den ersten Blick doch recht durchdacht aus. Die vier CMYK-Patronen liegen in einer Art Tampon-Form nebeneinander und werden unten von einer Düseneinheit angeschlossen. Die Patrone für die Farbe Weiß wird oberhalb der eben genannten Patronen eingesteckt und dort von einer Nadel angepiekt, die sich nach unten durch die CMYK-Patronen verlängert.

Unten am Stift kommen also fünf Nadeln für die fünf unterschiedlichen Farben an. Aber, wo werden die denn nun gemischt? Eine Mischeinheit ist offenbar nicht vorgesehen.

Sollte das Innenleben des Stiftes so aussehen wie dargestellt, gibt es eine weitere Seltsamkeit. Schau dir nochmal das Promovideo an und scrolle zur Position 2:10. An dieser Stelle dreht die nette Dame aus dem Video nämlich die Spitze des Stiftes ab, wählt eine andere und dreht diese wieder auf. Dabei fällt auf, dass sowohl der Stift, wie auch der Spitzenaufsatz an den Kontaktstellen hohl sind. Nadeln oder ähnliches sind nicht zu sehen. Wie kommt die Tinte aufs Papier?

Der Stift ist zumindest am oberen Ende hohl. (Quelle: Promovideo von Cronzy Inc.)
Der Stift ist zumindest am oberen Ende hohl. (Quelle: Promo-Video von Cronzy Inc.)
Die Wechselspitze ist allerdings erstaunlicherweise ebenfalls hohl. (Quelle: Promovideo von Cronzy Inc.)
Die Wechselspitze ist allerdings erstaunlicherweise ebenfalls hohl. (Quelle: Promo-Video von Cronzy Inc.)

Würde der Stift denn auch tatsächlich so konstruiert sein, wie die Konstruktionsskizze suggeriert, würdest du die Spitze gar nicht schrauben können. Denn auf diese Weise verbögest du unweigerlich sämtliche Tintennadeln. Seltsam, oder?

In diesem Zusammenhang wirf mal einen Blick auf dieses Bild aus dem Hause Cronzy. Hier wird der schwarze Stift mit den mitgelieferten Wechselspitzen gezeigt:

Wechselspitzen: Hohl und mit Innengewinde. (Quelle: Cronzy Inc.)
Wechselspitzen: Hohl und mit Innengewinde. (Quelle: Cronzy Inc.)

Im Gegensatz zum Stift im Video, der ein Außengewinde hat und in den Stiftkörper eingedreht wird, zeigt das Bild Spitzen mit Innengewinde, die auf den Stift aufgedreht würden. Ja, was denn nun?

Fazit: Speziell das Fehlen einer Mischeinheit lässt mich stutzen. Denn das ist der wichtigste Part, der zugleich auch das größte Problem darstellt. Zu den grundsätzlichen Problemen im Umgang mit Tinte, sowie deren Verarbeitungsweise habe ich bereits im Artikel zu Scribble einige weitere Aspekte genannt.

Wenn wir schon dabei sind, lass uns gleich noch darüber nachdenken, wozu man einen Cronzy Pen denn überhaupt brauchen sollte. Wo ist der Markt dafür? Ich meine klar, momentan wird die Kampagne gut unterstützt. Auf den ersten Blick scheint der Nutzen auf der Hand zu liegen. Aber mal im Ernst. Ich habe keine Verwendung für ein solches Produkt. Das liegt nicht nur an der zu erwartenden Anfälligkeit für Störungen aller Art. Ich pflege schlicht nicht durch die Landschaft zu tanzen, wie die junge Dame im Promo-Video, um mich spontan farblich in einer Weise inspirieren zu lassen, dass ich es direkt zu Papier bringen müsste. Spontane Skizzen fertige ich natürlich dennoch an. Aber Tinte habe ich dazu noch nie verwendet. Denk mal nach, warum nicht?

Kleiner Exkurs: Cronzy Spray

In Kürze ebenfalls erhältlich soll das nicht von der Kampagne betroffene Produkt Cronzy Spray sein. Abgesehen davon, dass es vom Formfaktor und dem so vorhandenen größeren Nutzraum her eine weit kleinere technische Herausforderung darstellen würde, stellt sich ziemlich direkt nach dem Anschauen der Produktbilder die Frage, ob die das denn nun wirklich ernst meinen.

Das Cronzy Spray wirkt auf mich, als hätte es Extra3 oder die Heute-Show entworfen. (Quelle: Cronzy Inc.)
Das Cronzy Spray wirkt auf mich, als hätten es die Spaßvögel  von Extra3 oder der Heute-Show entworfen. (Quelle: Cronzy Inc.)

Besonders die Düse hat es mir angetan. Es handelt sich offenbar um eine handelsübliche Düse, wie sie bei jeder Lack- oder auch Deospraydose verwendet werden würde. Soll das eine Einwegdüse sein, die man vor jedem Farbwechsel tauschen muss oder war es nicht vielleicht doch schlicht die Fantasie, die da mit dem Grafiker durchgegangen ist?

Generell wäre auch interessant zu erfahren, was den erforderlichen Sprühdruck erzeugen soll und wie. Du merkst schon. Dieses Produkt halte ich für absolut unwahrscheinlich. Generell könnte man ein solches großvolumigeres Projekt technisch sicherlich leichter an den Start bringen, aber man würde mit Sicherheit eine ganz andere Sprühtechnik und einen ganz anderen Formfaktor wählen.

Cronzys Stellungnahme

Natürlich habe ich mich auch in diesem Falle an den angeblichen Hersteller gewendet, um die offenen Fragen und Seltsamkeiten zu klären. Nachdem ich auf meine Mails an den Pressekontakt keine Antwort bekam, beschickte ich alle der angegebenen E-Mail-Adressen mit meinem Anliegen. Wenig erstaunlich für mich, dass ich auch nach zwei Tagen keinerlei Antwort erhielt.

Was das zu bedeuten hat, kann jeder für sich selbst bewerten.

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2 Reaktionen
PJ

Danke für solche Beiträge. Hoffe wir lesen hier auch von der Auflösung des ganzen und was indiegogo unternimmt.

Antworten
Benjamin

Gut recherchiert, bitte mehr davon!

"als hätten es die Spaßvögel von Extra3 oder der Heute-Show entworfen"
So ein Aufwand wäre auch Jan Böhmermann zuzutrauen (siehe #Varoufake & #Verafake), um zu zeigen, wie einfach man Leute dazu bringen kann, Geld rauszuhauen. Die Spraydose mit Bluetooth-Button kann doch nicht ernst gemeint sein.

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