Ratgeber

Cyberchondrie – von der Suche zur Sucht

(Foto: Shutterstock)

Mit dem Internet ist auch er bei uns zu Hause eingezogen: Dr. Google. Wenn es zieht und ziept, steht er bereit und geht gern vom Schlimmsten aus.

Der Muskel zuckt. Heute nicht zum ersten Mal. Da springt das Gedankenkarussell im Kopf vieler Menschen schon an: „Das hab ich doch in letzter Zeit öfter gehabt … was kann das sein? Magnesiummangel? Oder habe ich nicht neulich in einem Artikel gelesen, dass das auch was Ernsthaftes sein kann?“ Also schnell Google gefragt. Verständlich, aber leider keine gute Idee. Denn welche Diagnose kommt dabei raus? Klar: mindestens eine Multiple Sklerose. Im besten Fall. Im schlimmsten: ALS.

Statt zum Arzt zu gehen oder erst mal die Selbstheilungskräfte abzuwarten, fragen immer mehr Deutsche Dr. Google nach Krankheitssymptomen im Internet. Geht ja auch viel schneller, als sich nach Feierabend noch zum Arzt zu quälen. Und klar: Fast jeder hat schon einmal Ursachen für Krankheitsbeschwerden gegoogelt. Solange sich das zeitlich im Rahmen hält und als Vor-Recherche dient, ist das auch in Ordnung. Aber es birgt Gefahren, denn: Die Suche wird schnell zur Sucht. Und führt dazu, dass wir uns noch mehr Sorgen machen und uns kränker fühlen, als wir wirklich sind.

Vom Hypochonder zum Cyberchonder

Auch vor den Zeiten des Internets gab es Hypochonder, von vielen belächelt als „eingebildete Kranke“. Dieses Phänomen hat durch die Digitalisierung rasant zugenommen. Denn das Internet ist der perfekte Ort für Hypochonder: Egal, welche Symptome man eingibt, Kopfschmerzen können immer ein Hirntumor sein, Müdigkeit und Nachtschweiß finden sich immer auf der Liste der Krebserkrankungen. Aus dieser Lektüre entwickeln sich dann wunderbar Ängste und Phantasien. Der Name der Hypochondrie der Neuzeit: Cyberchondrie.

Stundenlange Krankheitssuche behindert den Alltag

Betroffene prüfen im Internet ihre oft harmlosen Symptome und stehen dabei Todesängste aus. Das Internet agiert hierbei nicht nur als Verstärker der Hypochondrie, es macht gesunde Menschen auch erst zu Hypochondern. Denn hat man einmal mit der Suche nach Krankheitssymptomen angefangen, kann man sich in den Untiefen des „Internets der Krankheiten“ schnell verlieren.

Nocebo-Effekt statt Placebo-Effekt

Mediziner sprechen dann auch vom sogenannten Nocebo-Effekt. Es ist das Gegenteil des Placebo-Effekts. Während sich nämlich dabei die Wirkung von Medikamenten durch die positive Erwartungshaltung steigern kann, behindern negative Gedanken beim Nocebo-Effekt den Heilungsprozess und können die Erkrankung quasi begünstigen. Aber nicht nur durch Google, sondern auch genaue Studieren des Beipackzettels kann den Nocebo-Effekt begünstigen. So entsteht am Ende dann die Cyberchondrie, von Ärzten auch „Morbus Google“ genannt. Die Betroffenen sitzen dabei meist stundenlang vor dem Computer und suchen nach den Ursachen für vorhandene oder eingebildete Krankheitssymptome. Der Cyberchonder befragt statt dem Arzt lieber das Internet. Deshalb ist Cyberchondrie auch oft gefährlicher als Hypochondrie, denn es wird in der Regel kein Fachmann befragt und im schlimmsten Fall erfolgt noch eine Selbstmedikation. Ein Arzt kann dem Hypochonder erklären, dass er nicht krank ist, während dem Cyberchonder nur das wenig beruhigende Internet zur Seite steht und weiter seine Ängste schürt. Mediziner schlagen mittlerweile Alarm, weil immer mehr Patienten mit daraus entstehenden Angststörungen in ihre Praxis kommen. Grund dafür ist die erhöhte Geschwindigkeit und der zunehmende Stress durch die Digitalisierung. Viele Menschen reagieren darauf mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen wie der Cyberchondrie.

Unsere Psyche macht einen Denkfehler

Im Internet finden Menschen mit hypochondrischer Veranlagung schnell die Bestätigung für ihre eingebildeten beziehungsweise befürchteten Krankheiten. Manchmal sind es aber auch Symptome, die tatsächlich wahrgenommen werden. Diese haben dann einen sogenannten psychosomatischen Hintergrund und müssen so auch behandelt werden. Laut Schätzungen von Experten leiden in Deutschland über zehn Prozent der Bevölkerung an Krankheitsängsten, der berühmteste unter ihnen ist Harald Schmidt, der darüber häufig on air im TV scherzte. Lustig ist diese Krankheit allerdings nicht: Die Betroffenen befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft und haben Angst vor einer schwerwiegenden Erkrankung, das Nervensystem läuft auf Hochtouren. Dadurch verschlimmern sich die Symptome, weshalb die Hypo- und Cyberchondrie mittlerweile als ernstzunehmende Krankheit anerkannt ist. Hypochonder sind in ihrem Alltag häufig sehr eingeschränkt, können sich nicht mehr auf Beruf und Familie konzentrieren, weil die Angst vor Krankheiten ihr gesamtes Leben dominiert.

Nicht jede Symptomsuche ist krankhaft

Allerdings: Nicht jeder, der ein Symptom im Internet sucht, leidet an Cyberchondrie. Denn sich um die eigene Gesundheit zu sorgen und Symptome zu googeln, ist ein natürlicher Vorgang. Erst wenn die Suche nach möglichen Krankheiten einen festen Platz im Leben einnimmt und krankhaft wird, kann man von Hypochondrie beziehungsweise Cyberchondrie sprechen. Als Faustregel gilt, dass man sich an einen Psychologen wenden sollte, wenn die Angst vor Krankheiten und die Suche nach Symptomen länger als ein halbes Jahr anhält.

Behandlung der Cyberchondrie

Da die Erkrankung an Cyberchondrie mittlerweile immer häufiger auftritt, gibt es für dieses Krankheitsbild bereits Therapieformen, die von einigen Therapeuten für Betroffene angeboten werden. In den meisten Fällen greift eine Verhaltens- oder Hypnotherapie sehr gut, mentale Methoden wie Meditation und andere Achtsamkeitstrainings ergänzen die Behandlung. Generelles Ziel: Betroffene sollen wieder ein normales Verhältnis zum Internet und zu ihrem Körper bekommen. Dabei wird die Online-Benutzungsdauer auf eine bestimmte Zeit beschränkt. Das gleiche gilt für den Arztbesuch: Der Arzt darf zwar in regelmäßigen Abständen aufgesucht werden, jedoch nicht aufgrund eines bestimmten Symptoms. Statt zu googeln oder den Arzt aufzusuchen, ist der Psychologe Ansprechpartner. Denn meist hat die Angst vor Krankheiten tiefsitzende psychologische Ursachen. Oft sind Erfahrungen aus der Kindheit wie überfürsorgliche Eltern oder Belastungen im Alltag Auslöser für das Krankheitsbild. Wichtig: So wenig wie möglich mit Freunden, Bekannten und Kollegen darüber sprechen, da es für Nicht-Betroffene sehr schwer nachvollziehbar ist.

Wer dennoch unbedingt googeln will, bitte beachten:

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Ein Kommentar
Valeria Lima
Valeria Lima

der Artikel ist gut… der vergisst aber zu erwähnen der eigentliche Grund dazu: miese, faule, und unfähige Ärzte… keiner wurde sich lieber im Google quellen wen er das Gefühl hätte ernst genommen und kompetent ärztlich behandelt zu werden…
traurig aber wahr. Ich sehne mich um den Tag in dem die K.I. und die Telemedizin diese Götter in Weis endlich ersetzten werden.

Antworten

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