Kommentar

Datenangriff auf Prominente: Welche Schlüsse wir daraus ziehen sollten – und welche nicht

Die deutsche Öffentlichkeit ist aufgrund des Datendiebstahls bei zahlreichen Prominenten aufgebracht. (Grafik: t3n)

Die deutsche Öffentlichkeit ist aufgrund des Datendiebstahls bei zahlreichen Prominenten aufgebracht. Die fast schon hysterische Stimmung verdeckt allerdings den Kern des Geschehens.

Der Datenklau bei zahlreichen deutschen Prominenten scheucht die deutsche Öffentlichkeit auf. Enno Park weist in seinem Artikel zurecht darauf hin, dass gegen solche Hacks keine Cyberabwehrzentren und auch keine Überwachsungsfantasien helfen. Vielmehr sollten die Bürger in der digitalen Welt langsam damit beginnen, bewusster mit ihren Daten umzugehen und das Thema Datensicherheit ernster zu nehmen: Es gibt einige relativ einfache Regeln, um sich besser zu schützen.

Datendiebstahl gleich Terror?!

Wenn jetzt aber das große Horrorszenario an die Wand gemalt wird, dann ist das alles andere als hilfreich. Die Süddeutsche Zeitung schreibt etwa am Wochenende in Person von sz.de-Chefredakteurin Julia Bönisch:

„Das Erschreckende daran: Es kann jede und jeden treffen, weil in ihrer Privatsphäre alle verletzlich sind.“

Und weiter:

„Hier zeigen sich die Parallelen zum Terror – auch wenn in diesem Fall niemand verletzt oder gar getötet worden ist. Im Auslösen einer diffusen Angst, weil es jederzeit jeden, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist, treffen kann, ähnelt die digitale Attacke in ihrer verletzenden Skrupellosigkeit Anschlägen in der analogen Welt.“

Das ist dann doch etwas vermessen, Parallelen zum Terror zu bemühen. Wir sprechen hier von einer einzelnen Person, offenbar einem 20-jährigen Schüler aus Mittelhessen, der über längere Zeit Daten prominenter Menschen gesammelt, entwendet und sie dann – vermutlich bewusst provokativ – als Adventskalender veröffentlicht hat. Keine Frage, ein Vergehen. Aber es sind hier nicht nur keine Menschen gestorben.

Auch zielt der Angriff nicht auf jeden von uns, sondern auf Personen der Öffentlichkeit. Die Hacks lassen sich aus einer gesellschaftlichen Perspektive als Angriff auf die Eliten des Landes deuten. Es sind eben nicht Nachbarinnen oder Arbeitskollegen gehackt worden, sondern solche Personen, an die die allermeisten Menschen nicht herankommen – auch in den sozialen Medien nicht. Denn selbst wenn diese Personen öffentlichen Interesses auf Twitter oder Facebook mit wütenden Kommentaren und Hassrede fast täglich gedemütigt werden, strafen die Betroffenen ihre verbalen Angreifer in den allermeisten Fällen verständlicherweise mit Stille. Anders dürfte der Auftritt in den sozialen Medien für Prominente kaum auszuhalten sein.

Datenklau: Angriff auf die Eliten des Landes

Wer gezielt die Eliten des Landes an einer Stelle angreift, an der sie machtlos sind, bringt seinen Unmut gegen „die da oben“ zum Ausdruck – nicht verwunderlich, dass der verantwortliche Hacker offenbar im rechtsradikalen Spektrum verortet wird. Verschwörungstheorien sind ein beliebtes Narrativ in dortigen Gefilden. Vor diesem Hintergrund wäre es überhaupt nicht interessant für einen solchen Doxxer, wahllos Menschen aus der Bevölkerung anzugreifen. Was mit Angriffen in der Youtube-Szene begann, setzt sich in dieser Logik mit Datendiebstählen prominenter Personen fort.

Diese Angriffe zielen auf die verhassten Eliten und „ihre“ Institutionen: Angst und Wut auf die Eliten sind Ausdruck von Ängsten in einer Welt, in der immer mehr Selbstverständlichkeiten nicht mehr existieren. Misstrauen gegenüber Institutionen wie Unternehmen, politischen Parteien und Medienhäusern nimmt zu. Ein Teil der Bevölkerung, der die Bindung ans Gemeinweisen verliert, fühlt sich zunehmend ausgeschlossen. Ein solcher Angriff auf Prominente, der das Land fast aufscheucht wie einen Terroranschlag, befriedigt das Geltungsbedürfnis einer solchen Person vielleicht mehr als „echte“ Prominenz.

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3 Kommentare
davidgoehler
davidgoehler

Wohl war – an den Reaktionen zeigt sich wieder einmal, wie wenig Politiker und Prominente von Technik und Sicherheit verstehen. Sobald sie betroffen sind, ist der Aufschrei immens, dabei sind sie wahrscheinlich selbst in der Pflicht, sichere Passwörter zu verwenden und dafür zu sorgen, dass Ihre Geräte up-to-date sind und über einen vernünftigen Schutz verfügen. Dann kann man auch keine Chat-Verläufe auslesen …

Aber es ist natürlich die willkommene Gelegenheit, nochmals an der Überwachungsschraube zu drehen, damit die Bürger in keinem Winkel ihres Daseins mehr unbeobachtet sind.

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karl
karl

imho hat nicht der angriff auf die eliten (ha!) das land aufgescheucht sondern die vielen click-bait-artikel die da den hacker-super-gau herbeiphantasiert haben. ansonsten kann ich david nur zustimmen.

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Thomas Schittli
Thomas Schittli

Immerhin hat die Polizei die (den…) Übeltäter ja offenbar bemerkenswert schnell gefasst. Dumm, wars halt nur ein Junge, der nichtmal viel Ahnung von Informatik hat.

Warum ist eigentlich der höchst fahrlässige Umgang mit anvertrautem Gut nicht strafbar, sobald es Daten sind?
Die Sorgfaltspflicht enfällt bei Daten?

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