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Interview

„Wir suchen Geschichten in Daten“: Wie Datenjournalismus die Zukunft mitbestimmt [Interview]

Das BR-Data-Team. (Foto: BR)

Ulrike Köppen ist Teil einer noch relativ jungen Bewegung im Journalismus: dem Datenjournalismus. Sie leitet BR Data, das Daten- und Interaktiv-Team des Bayerischen Rundfunks/ARD. Das Team ist interdisziplinär zusammengesetzt aus Journalisten, Programmierern und Designern und widmet sich allen Formen des Datenjournalismus und interaktiven Storytellings.

Gemeinsam mit Kollegen gründete Köppen zudem ddjmonaco, ein regelmäßiges Technik-Treffen für Journalisten, Programmierer und Open-Data-Leute aus München. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Semiotik in München und Paris. Bevor Köppen das Web-Innovationsteam beim BR aufbaute, arbeitete sie bei arte, der Süddeutschen Zeitung und der Nachrichtenagentur dapd.

Lisa Hinder vom BR Data Team. (Foto: BR)
Ulrike Köppen leitet das BR-Data-Team. (Foto: Lisa Hinder/BR)

Mit konkreten Prognosen zur Zukunft des Journalismus ist die Daten-Redakteurin vorsichtig, denn solche Voraussagen hätten derzeit das „Haltbarkeitsdatum eines Joghurts“. Schließlich höre man beinahe wöchentlich von neuen Tools, Ideen und Modellen, die teilweise das Potenzial haben, den Markt zu verändern. Im Gespräch mit OSK erklärt Ulrike Köppen, warum Medienhäuser in ihrer Arbeit von Programmierern lernen können und wieso das Alte das Neue nicht verdrängen, sondern umarmen sollte.

Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Prognosen zur Zukunft des Journalismus haben gerade gefühlt das Haltbarkeitsdatum eines Joghurts: im Wochentakt neue Tools, journalistische Startups, Geschäftsmodelle – die auch relativ schnell wieder jenseits der Wahrnehmungsgrenze verschwinden. Das ist gut, weil viel versucht wird. Das ist schlecht für Prognosen.

„Größter Feind ist die Technikferne in Verlagen und Sendern.“

Aus meinem Arbeitsalltag kann ich schließen, was im Moment Qualitätsjournalismus tendenziell fördert und was ihm eher schadet. Einer der größten Feinde ist wohl immer noch die Technikferne in Verlagen und Sendern. Trotz aller Hackathons und Coding-Meetups, die seit einiger Zeit auch in ehrwürdigen Redaktionshallen veranstaltet werden, tun sich Redaktionen oft schwer damit, andere Arbeitsformen ernsthaft zu integrieren: Coder, Designer und Journalisten, die an einem Tisch arbeiten, brauchen auch andere Infrastruktur, Workflows und manchmal auch andere Publikationszyklen. Meistens bedeutet das, sich vom journalistisch gewohnten tages- oder wochenaktuellen Rhythmus zu lösen und für jedes Projekt eine angemessene Dauer zu definieren, die auch während der Arbeit daran fließend angepasst werden sollte. Oft bekommen Projektteams nicht die Zeit zugestanden, die sie für Recherche und Umsetzung benötigen. Positiv formuliert: Wer sich dem, was die neuen Verbreitungswege und Kollaborationsmöglichkeiten bieten, öffnet, hat auch die besten Chancen auf guten Journalismus. Und die allerbesten, wenn das Neue nicht das Alte abschaffen möchte, sondern sich beides umarmt.

Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Das BR Data Team um Lisa Hinder. (Foto: BR)
Das BR-Data-Team um Ulrike Köppen. (Foto: Lisa Hinder/BR)

Datenjournalismus und interaktives Erzählen sind die beiden Felder, die wir bei BR Data aktiv beackern – und natürlich glauben wir daran, dass man damit einen echten Mehrwert für den Journalismus erreicht. Der Datenjournalismus, weil er unser Angebot um meist exklusive und manchmal auch investigative Geschichten bereichert, die wir ohne die Zusammenarbeit mit Codern und Statistikern nicht erzählen könnten. Die User bekommen mit interaktiven Tools die Möglichkeit, unsere Recherche und Thesen transparent nachzuvollziehen.

Das interaktive Erzählen, weil wir die richtige Form für jede Geschichte finden und User unsere journalistischen Stücke im besten Fall intensiver erleben können. Sehr inspirierend finde ich auch Bewegungen wie den Structured Journalism, der vereinfacht gesagt Ideen aus der digitalen Archivarbeit in den Journalismus übertragen möchte. Mit Augmented und Virtual Reality wird gerade viel experimentiert, massentauglich sind beide Bewegungen allerdings noch lange nicht.

Wie und wo recherchierst du nach guten und spannenden Inhalten?

Tatsächlich: überall. Wenn ich auf etwas stoße, das mich trifft oder das ich nicht verstehe, ist meine Neugier geweckt. Bei BR Data haben wir einen speziellen Ansatz: Wir suchen Geschichten in Daten. Wenn wir eine Themenidee haben, machen wir uns auf die Suche nach Datensätzen – oder andersherum: Wir stoßen auf einen interessanten Datensatz und suchen darin nach einer guten Geschichte.

Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Zuerst: Gute Geschichten produzieren. Denn der eine Satz einer Story, den man im Netz oder in der Kneipe weitererzählt, ist immer noch das beste Erfolgskriterium. Außerdem wird die Vermarktung der eigenen Geschichte natürlich immer wichtiger. Auch über die eigene Marke: Journalisten, die sich nicht hinter ihrem Medium verstecken, sondern als Person authentisch für ihre Arbeit einstehen, haben eine größere Glaubwürdigkeit – und werden letztendlich besser wahrgenommen.

Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie muss sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

„Von Codern lernen und mit Beta-Versionen arbeiten.“

Von Codern lernen und mit Beta-Versionen arbeiten. In Redaktionen und Verlagen wird oft unglaublich viel Zeit und Geld in die Neuentwicklung von Tools und Erzählformen gesteckt. Viel entspannter sind da Entwickler, die ihre neuen Ideen bis zu einer gewissen Reife bringen, mit Hinweis auf den Beta-Status veröffentlichen und dann mit Hilfe der Reaktionen am Produkt weiterarbeiten. Das hat den Vorteil, dass man die User direkt in den Prozess einbeziehen kann – schließlich sind diese Produkte für sie. Und man nimmt viel Erfolgsdruck von Projekten, die auch manchmal besser früh als spät in die Tonne getreten werden können.

Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Wahrscheinlich wie bisher: mit einem Bauchladen aus Produkten und Abo-Modellen, versehen mit einer Prise Crowdfunding. Zumindest sehe ich noch kein Bezahlmodell, das durchschlagend andere Bezahlmodelle ablösen kann.

Wie sehen deiner Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Das kann ich nach Antwort 1 nicht wirklich seriös beantworten. Salomonische Antwort: Digital ist die Zukunft, Print aber auch. Es kommt wie immer auf die kreativen Weiterentwicklungen an – und ich sehe keinen Grund, weshalb die nicht auch in der Print-Landschaft stattfinden können.

Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

„Aus dem Spirit entstehen immer wieder feine Dinge.“

Es wird gerade so viel cooles Zeug entwickelt, dass ich immer wieder den Überblick verliere. Wahrscheinlich gibt es für jeden Ausspielweg und jedes Randthema gleich mehrere Produkte. Aus dem Spirit entstehen immer wieder feine Dinge – und es muss nicht immer die Riesen-Idee sein, die alles umwirft. Vor Kurzem habe ich Journalisten aus Schweden getroffen, die ein investigatives Jugendmagazin planen. Seriöser Journalismus mit neuen Mitteln recherchiert und erzählt – Alt umarmt Neu.

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