Kolumne

„Demokratische Algorithmen“: Das Märchen von der bösen Manipulation

Mehr Transparenz und Kontrolle in der Hand der Nutzer bei Facebook und Google wäre der Königsweg. (Foto: Pixinoo/Shutterstock)

Wie gehen wir mit der Macht großer Plattformen um? Politiker fordern Transparenz und „demokratische Algorithmen“, die Angst vor Manipulation ist groß. Doch sie gehen von falschen Prämissen aus. Die Neuland-Kolumne.

Dass weite Teile der CDU/CSU die Mechanismen von Internet und Social Media nicht verstanden haben, zeigte sich nicht zuletzt in der Rezo-Debatte. Doch außerhalb der Christdemokraten sieht es auch nicht viel besser aus.

„Wir brauchen eine europäische Antwort auf soziale Medien“, sagte Grünen-Chef Robert Habeck auf einer Veranstaltung des Magazins Ada. „Demokratische Algorithmen, die, wenn jemand fünf Mal nach Robert Habeck sucht, dann Christian Lindner vorgeschlagen bekommt. Damit man besser informiert ist als in der eigenen Bubble.“

Dieser Vorstoß ist ungewöhnlich – und unsinnig. Umgesetzt würde er bedeuten, den Willen des Nutzers zu ignorieren, ihn per Zwang mit etwas zu konfrontieren, was er gerade gar nicht sehen will. Doch auch in den Medienanstalten der Länder wird das Thema diskutiert – hier unter dem Stichwort „diskriminierungsfreie Algorithmen“.

Warum es unwahrscheinlich ist, dass Facebook und Google absichtlich manipulieren

Es spricht allerdings nichts dafür, dass die Software von Google, Facebook und anderen Plattformen, die heute mehr Bedeutung für unsere Meinungsbildung haben als jedes andere einzelne Medium, in irgendeiner Form bestimmte politische Ansichten absichtlich diskriminieren würden.

Das wirtschaftliche Ziel von Google ist es, den Nutzern die für sie relevantesten Ergebnisse zu liefern, damit sie wiederkommen und möglichst häufig mit Google-Werbung konfrontiert werden. Das wirtschaftliche Ziel von Facebook und seinen Diensten wie Instagram ist es, die Nutzungsdauer nach oben zu treiben, um die Nutzer mit möglichst viel Werbung konfrontieren zu können.

Das Problem ist unser vordigitales genetisches Erbe

Die Mechanismen insbesondere von Social Media können auch ganz ohne bösartige Manipulationsabsicht sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene schädlich sein. Denn wenn die Software immer diejenigen Beitrage nach oben spült, die besonders viele Interaktionen wie Kommentare, Likes und Shares erzeugen, dann profitiert davon alles, was polarisiert und die eigene Meinung entweder bestätigt oder ihr klar widerspricht. Die leisen Töne gehen unter. Das hat Facebook allerdings längst erkannt und steuert seit Jahren gegen.

Das Problem sind keine Tech-Oberbösewichte, die uns absichtlich manipulieren. Das Problem ist vielmehr, wie wir Menschen biologisch funktionieren – unser evolutionäres vordigitales, ja sogar vorzivilisatorisches, genetisches Erbe, mit dem wir uns selbst austricksen. Unser Gehirn ist auf schnelle Belohnungen trainiert.

Die großen Tech-Plattformen stehen aber natürlich trotzdem in der Verantwortung und können sich nicht darauf zurückziehen, doch nur „neutrale“ Vermittler in einer Welt zu sein, in der vermeintlich neutrale Algorithmen herrschen. Um für Vertrauen zu sorgen, sollten sie so viel Transparenz herstellen wie möglich.

Der „Hebel-Effekt“ – was Affen-Experimente uns über Kontrolle lehren

Facebook, Google und Instagram sollten Überlegungen anstellen, wie sie den Nutzerinnen und Nutzern das Gefühl geben, zu wissen, warum ihnen ein bestimmter Inhalt angezeigt wird. Und sie sollten wieder in die Lage versetzt werden, im Fahrersitz zu sitzen. Wird ein bestimmter Inhalt oder eine Werbung angezeigt, weil ich männlich bin, über 35 Jahre alt, in Berlin wohne – oder weil eine bestimmte Seite gelikt habe?

Um zu verdeutlichen, wie wichtig das Gefühl der Kontrolle für das menschliche Wohlbefinden ist, verweist der Buchautor Sebastian Purps-Pardigol im Buch „Digitalisieren mit Hirn: Wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter für den Wandel gewinnen“ auf ein Affen-Experiment der University of Wisconsin aus dem Jahr 1976: Damals wurde anhand von Rhesusaffen das Stress-Level durch Krach gemessen.

Bei den Affen, die selbst über einen Hebel den Krach abstellen konnten, wurde dabei ein Stress-Level mittels Cortisol-Gehalt im Blut gemessen, das fast auf dem Niveau von Affen lag, die gar keinem Krach ausgesetzt waren. Bei den Affen, die dem Krach dagegen genauso lang ausgesetzt waren wie die, die herausfanden, dass sie ihn durch den Hebel abstellen können, war der Cortisol-Gehalt deutlich erhöht. Den extremsten Stress dagegen empfanden Affen, denen der Hebel abermals in den Käfig geschoben wurde – er diesmal jedoch keine Auswirkung hatte.

Es spricht viel dafür, dass sich auch Menschen dann am besten fühlen, wenn sie das Gefühl haben, Kontrolle über die Situation zu haben. Die Tech-Plattformen sollten diese Erkenntnis nutzen und über eine Kombination aus Transparenz über algorithmische Entscheidungen und der Möglichkeit, diese durch einfache Einstellungen sinnvoll zu beeinflussen, den Usern das Gefühl der Kontrolle in die Hand geben. Dazu gehört auch unbedingt die Möglichkeit für Nutzerinnen und Nutzer, sich die Beiträge der eigenen Timeline bei Facebook oder Twitter streng chronologisch anzeigen zur lassen. Eine Suchmaschine, die den Nutzerinnen und Nutzern den Gegensatz von dem anzeigt, wonach gerade gesucht wurde, wäre das Gegenteil davon.

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