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DB-Vorstand Jeschke: „Unsere Systeme sind am Anschlag”

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Sie, Sabina Jeschke, sehe es also als ihre Aufgabe, die „Nerd-Community“ mit der klassischen Technik, den Ingenieurswissenschaften, die in der Bahn wie bei den Autoherstellern eine große Tradition haben, zu verbinden. Der Titel ihres Vorstandsressorts – „Digitalisierung und Technik“ – habe also durchaus seine Berechtigung, und es gehe genau um diese Reihenfolge der beiden Schlüsseldisziplinen, sagt sie.

Künstliche Intelligenz im Blick

Auf die Sensorik, heißt es, müsse „anständige Kommunikatonstechnik“ folgen, die durch Neuerungen wie den 5G-Standard verbessert werde. Und dann, irgendwann, gehe es um KI. Angepeiltes Ziel: eine weitgehend automatisierte Steuerung vieler Systeme, wobei die Züge auf absehbare Zeit noch einen Menschen im Führerstand haben dürften, beruhigt Sabina Jeschke die Gewerkschaften um Claus Weselsky. Der Lokführer habe mit den eigenen Sinnen noch immer die beste Sensorik verbaut, sagt sie.

Im Hinblick auf die Züge an sich gehe es darum, Wartungsintervalle kurz zu halten und vorausschauend zu planen. Hierdurch könnten bekannte Probleme wie die geänderte Wagenreihung künftig erspart bleiben. Auch über eine sinnvolle Streckenüberwachung macht sich die Bahn längst Gedanken. Sie könnte vielleicht schon bald per Drohne erfolgen, oder vielleicht doch anhand von Sensoren an Baum oder Schiene?

Neben der Lösung solcher eher bahninternen Probleme soll auch der Fahrgast von der Entwicklung des Konzerns profitieren. Dieser, sagt Jeschke, wolle normalerweise schnell von A nach B, das genutzte Verkehrsmittel sei ihm inzwischen meist egal. Und weil die Menschen, wie sie es formuliert, in der Regel nicht im Hauptbahnhof wohnen, sondern jeder bei sich zu Hause, müsse es neben dem Kerngeschäft des Konzerns, der Schiene, auch andere Möglichkeiten geben, voranzukommen. Fahrrad, Mietwagen und Busse hat die Bahn schon in ihr Portfolio aufgenommen, das sogenannte intermodale Reisen und die Nutzung sogenannter Sammelverkehre ist gerade bei jungen Leuten mittlerweile angesagt.

Konkrete Lösungen statt „fancy Zeug“

Jetzt gehe es um die bessere Vernetzung der verschiedenen Verkehrsmittel, und zwar „nicht um durchgeknalltes, fancy Zeug, sondern um die Lösung der Probleme von heute“, sagt Jeschke. Und sie benennt auch die Rivalen, in erster Linie bedeutende Plattformanbieter wie etwa Uber, aber grundsätzlich natürlich auch Konzerne wie Amazon, Apple und Google, die mittlerweile Feinde praktisch jedes Unternehmens sind, auch, weil sie gute Ideen bisweilen einfach nur kopieren und natürlich durchaus das Zeug haben, auch der Deutschen Bahn die Stirn zu bieten, irgendwann demnächst. 

Grundsätzlich müsse man sich heute die Frage stellen, ob man sein Ding alleine machen wolle oder ob man sein Geschäftsmodell als eher offen verstehe, sagt Jeschke. Die Bahn hat sich offenbar entschieden: „Wir sehen uns als offenes Ökosystem“, heißt es von der Dame aus dem Vorstand. Und überhaupt, der Trend gehe eindeutig zu dieser Offenheit, das könne man schon an der guten Zusammenarbeit mit Siemens erkennen, die einen Großteil der Züge für die Bahn bauen.

Bewegt man sich raus aus Deutschland, könnte man auf die Idee kommen, dass nicht nur aus den USA, sondern auch aus China weiteres Ungemach droht. Dort gebe es einen hohen Automatisierungsgrad, sagt Jeschke. Aber immerhin: Die Qualität sei noch nicht die gleiche wie hierzulande. Aber das kann sich bekanntlich schnell ändern. Auch darauf will man sich in Berlin vorbereiten.

WLAN im ICE: Luft nach oben

Und dann noch das Lieblingsthema aller Bahnfahrer. Ob sie mit der Qualität des WLAN im ICE denn zufrieden sei, wird Sabina Jeschke gefragt. „Das Ergebnis“, antwortet sie, „ist nicht das, was wir brauchen.“ Die Bandbreite reiche schlicht nicht aus für den heutigen Bedarf in vollbesetzten ICE. Und wenn alle 1.000 Fahrgäste dann auch noch die WM streamen, habe man ein Problem. Natürlich gibt es auch hier einen Lösungsansatz, der irgendwann dabei helfen soll, die vorhandene Bandbreite intelligent zu nutzen. 

Aber das ist dann doch eher Kleinvieh. Ein Traum von Sabina Jeschke, das wird klar im Gespräch, wäre eine Komplettsimulation des eigenen Schienensystems, das die im Unternehmen massenhaft vorhandenen Daten in eine Art Ordnung bringen würde und sicher in vielerlei Hinsicht aufschlussreich wäre. Als Grundlage für grundsätzliche Veränderung quasi. Morgen werde sie nach Zürich reisen, erzählt sie, und sich dort anschauen, wie die Schweizerischen Bundesbahnen das Thema angehen.

Ob die Verheißung künstliche Intelligenz alle Probleme der Bahn lösen wird, ist aber nach wie vor eher zweifelhaft. Schon an einem Beispiel von Sabina Jeschke wird klar, dass die Herausforderungen beachtlich sein können, auch für intelligente, fast unfehlbare Systeme: „Dass alle Reisenden immer nur durch eine Tür einsteigen, kann man keiner vernünftigen künstlichen Intelligenz klarmachen.“

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