Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Interview

Dieser deutsche Mittelständler treibt die künstliche Intelligenz voran

(Foto: Rafael Bujotzek)

Nicht nur im Silicon Valley, auch im nördlichen Schwarzwald wird die künstliche Intelligenz vorangetrieben. Der Mittelständler Omikron ringt mit Google um Fachkräfte und verkauft seine Suchtechnologie an die ganz Großen: Renault, Fresenius und Siemens setzen auf das Machine Learning aus Pforzheim.

Rechenmaschinen leistungsfähiger und intelligenter zu machen, hat Omikron-Gründer Carsten Kraus früh verstanden. Als hochbegabtes Wunderkind hat er die Firma zu Schulzeiten gegründet. Die Startup-Mentalität hat er sich bis heute bewahrt.

t3n: Herr Kraus, Sie sind mit Omikron heute auf so vielen Gebieten umtriebig. Wären Sie beleidigt, wenn man Sie als deutschen Elon Musk bezeichnet?

Carsten Kraus: Ich würde mich geehrt fühlen. Egal was Leute an den Tesla-Geschäftszahlen kritisieren, ich halte Elon Musk einfach für einen großartigen „out of the box“-Denker.

Ich glaube aber, man kann das in Deutschland nicht so gut mit Amerika vergleichen. Eigentlich haben wir hier keine totalen Überflieger, die wahnsinnig viel Venture-Capital aufnehmen. Das gibt unsere Kultur nicht her. Im Jahr 2000, als meine Firma noch sieben Mitarbeiter hatte, wurde mir von Investoren zwar massiv Geld angeboten, das habe ich aber abgelehnt. Omikron hat heute dennoch 160 Mitarbeiter. Unter den Preisträgern des Deloitte-Fast-50-Preises [Anm. d. Red.: die 50 wachstumsstärksten Technologie-Unternehmen in Deutschland] ist meine Firma eine der wenigen, die aus eigener Kraft gewachsen ist.

t3n: Bereits als Schüler haben Sie Ihr erstes Geld mit Programmiersprachen für Atari und Commodore gemacht. Wie lief das ab?

Mit Freunden habe ich zum Spaß einen Interpreter geschrieben, der weit besser war als das, was die etablierten Hersteller hatten. Den hat uns Atari abgekauft und mit 700.000 Geräten ausgeliefert. Die Firma musste aber zunächst auf den Vater eines Freundes laufen, weil wir noch zu jung waren. Das Kultusministerium hat mich dafür vom Unterricht freigestellt.

t3n: Sie sind ja hochbegabt und selbst auch Mitglied im Mensa-Verein für hochintelligente Menschen. Wann haben Sie festgestellt, dass Sie hochbegabt sind?

Am Anfang war mir ja nur klar, dass ich Neues meist schneller begreife als andere Leute. Ich lerne für mein Leben gern neue Dinge, Klavierspielen habe ich mir zum Beispiel selbst beigebracht und inzwischen eine CD aufgenommen [unter dem Künstlernamen „Rogan Harrington“]. An der Schule hatte ich sehr gute Noten, obwohl ich beschloss, keine Hausaufgaben mehr zu machen, weil mir das Wiederholen überflüssig schien. Lieber habe ich Magazine wie Spektrum der Wissenschaft gelesen, obwohl ich viele Begriffe wie „Desoxyribonukleinsäure“ dort noch gar nicht kannte. Ich wuchs in einer 35-Quadratmeter-Wohnung bei meiner Urgroßmutter in Mainz auf. Trotz dieser relativ armen Verhältnisse bekam ich erst einen Chemie- und später einen Elektronikbaukasten und spätestens dann wollte ich Computer bauen.

t3n: Ist ein Hochbegabter ein guter Chef?

Ich glaube, generell ist es von Vorteil, wenn man komplexere Situationen durchdenken kann. Von daher würde ich sagen: prinzipiell ja. Nachteilig wird es, wenn sich zur Hochbegabung die Arroganz des „ich hab sowieso immer recht“ gesellt. Man muss immer wieder zulassen, dass Mitarbeiter Dinge infrage stellen dürfen. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, testen wir das Ergebnis.

t3n: Omikron programmiert ja längst keine Interpreter für Atari mehr, sondern die sogenannte künstliche Intelligenz. Wo ist der deutsche Internetnutzer Ihrer Technologie schon einmal begegnet?

Sicher haben die meisten schon im Onlineshop, zum Beispiel bei Mediamarkt, Lidl oder Esprit, mit unserem Fact-Finder gesucht. Wir verarbeiten rund zwei Milliarden E-Commerce-Transaktionen im Monat und sind mit unserer Suchtechnologie Marktführer. 43 der 100 größten Onlineshops in Deutschland nutzen Fact-Finder und europaweit sind es sogar 1.600 Shops. Das merkt man aber nicht auf den ersten Blick.

Wer in einem Onlineshop unserer Kunden ein Produkt sucht, hat vielleicht eine vage Vorstellung von dem, was er will, kann das aber gar nicht so konkretisieren oder vertippt sich. Lange bevor Google mit „meintest du vielleicht...“ startete, haben wir schon fehlertolerant gesucht. Unsere Suchmaschine lernt außerdem, dass jemand, der „blaue Hose“ sucht, selten eine Jeans kauft. Das System versteht die semantischen Unterschiede zwischen den Produkten und stellt Zusammenhänge her. Mit Fuzzylogic, selbstlernenden Systemen und speicherresidenten Datenbanken haben wir bereits gearbeitet – und Neues erfunden –, bevor SAP das getan hat. Und auch ein paar eigene Patente für unsere Erfindungen haben wir angemeldet.

Diese Erfahrung wenden wir auch in einem zweiten Geschäftsbereich an, der die Qualität von gespeicherten Daten, beispielsweise in Kunden- oder Produktdatenbanken, analysiert. Wir überarbeiten Inhalte und finden zum Beispiel Dubletten, also doppelte Datensätze. Mit unserem patentierten Worldmatch-Verfahren können wir sogar die optischen Ähnlichkeiten bei chinesischen Zeichensätzen berücksichtigen und alle chinesischen Dialekte gleichzeitig verarbeiten – Weltneuheit! Wichtig ist das, weil die deutsche Industrie oft weltweit tätig ist.

t3n: Jetzt sind die großen Shop-Betreiber wie Amazon, Otto oder Zalando allerdings nicht unter Ihren Kunden. Ärgert Sie das?

Amazon-Chef Jeff Bezos hat fantastische Dinge gebaut, aber er glaubt zu sehr an seine A9-Suchtechnik. Die Ergebnisse, die Amazon heute liefert, sind nicht schlecht. Das liegt aber vermutlich an der riesigen Datenbasis sowie einer Unmenge manueller Optimierung und nicht am Algorithmus. Ich denke, Bezos könnte noch viel mehr aus seiner Suche herausholen.

Amazon hat für solche Sachen den „Mechanical Turk“ – das ist der offizielle Produktname. Dabei werden Menschen eingebunden, um die fehlerhaften technischen Ergebnisse zu verbessern. Und damit lässt Amazon viele Dinge, die intelligent erscheinen, hart und teuer erarbeiten.

Was Amazon aber ganz fantastisch macht – und davon können die meisten Onliner lernen –, ist testen, testen, testen. Das machen die Shops in Deutschland nicht oder nicht gut und auch nicht systematisch. Amazon lernt kontinuierlich, probiert einfach Dinge aus und versucht herauszukriegen, ob eine neue Variante tatsächlich besser oder schlechter ist. Statt einfach von vornherein eine Idee abzubügeln, testet man sie einfach mal mit 100.000 Kunden, denen man zum Beispiel eine Variante der Produktsortierung präsentiert. Wenn die neue Variante mehr Umsatz bringt, ersetzt sie die alte.

t3n: Für solche Hartnäckigkeit und Experimentierfreude sind Amerikaner bekannt. Klingt so, als könnte man diese Einstellung des erlaubten Scheiterns in einem deutschen Unternehmen kaum toppen.

Selbst in Amerika ist das nicht alltäglich und die deutsche Startup-Szene macht es ja auch. Wir haben bei uns im Unternehmen ebenfalls eine sehr starke Innovationskultur. Mitarbeiter dürfen Fehler machen – und jetzt Achtung: Es gibt verschiedene Arten von Fehlern. Fehler aus Nachlässigkeit, da bin ich ganz schön böse, aber wenn eine bewusste Überlegung nicht zum gewünschten Ergebnis führt, lobe ich das sogar, denn danach sind wir wieder etwas schlauer. Mitarbeiter sollen testen – auch wenn’s uns nachher einige Tausend Euro gekostet hat.

Innovative Köpfe brauchen aber auch Anregungen außerhalb der Arbeit. Als die 3D-Brille HTC Vive heraus kam, haben wir sie sofort gekauft und in der Cafeteria ein großes Feld zum Spielen abgesperrt. Über Monate waren da jeden Abend Mitarbeiter und haben geübt. Das hat erst einmal keinen Geschäftszweck, aber die Leute beschäftigen sich mit der Idee dahinter und dadurch wird ihr Gehirn angeregt, über die Schranken hinaus zu denken. Schon nach zwei Wochen kam beispielsweise unsere Event-Abteilung und konnte mir in 3D zeigen, wie unser höherer Messestand aussieht. Das war keine angewiesene Innovation. Solche Sachen passieren dann einfach.

Wir haben Roboterarme eingekauft, die man selbst anlernen kann, hatten schon früh einen 3D-Drucker. Diese übersetzenden Ohrstöpsel, die meine Sprache ins Polnische übersetzen können. Die Leute sollen einfach damit spielen. Interne Hackathons und unser jährlicher Innovations-Retreat „Omikron Future Days“ bringen dann dazu auch das Umfeld zusammen. Dabei dürfen übrigens nicht nur Entwickler, sondern auch die Empfangskräfte und die Buchhaltung mitkommen – und tun das mit großer Begeisterung.

t3n: Braucht man solche Gadgets, um die Leute nach Pforzheim in Baden-Württemberg zu locken und funktioniert all das nicht nur, weil Ihr Kerngeschäft läuft und Sie sich das leisten können?

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.