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Die Politik ist gefordert – Umfrage zeigt Nachteile für Selbstständige

Selbstständige haben einen anspruchsvollen Job. (Foto: Rawpixel.com/Shutterstock)

Hohe Arbeitsbelastung? Unsicheres Einkommen? Von wegen: Als Hauptnachteil der Selbstständigkeit ermittelte jetzt eine aktuelle Umfrage von Invoiz in Zusammenarbeit mit dem VGSD das Bürokratie-Problem. Hohe Kosten und Rechtsunsicherheit schnüren Selbstständige gefährlich ein.

Nahezu jeder zehnte Erwerbstätige arbeitet hierzulande auf eigene Rechnung, so Invoiz und der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD). Vier Millionen Menschen, die nicht nur mit dem täglichen Geschäftsrisiko, sondern zusätzlich mit formalen Fallstricken klarkommen müssen. Welche das sind und was zu tun ist, zeigt eine aktuelle Umfrage von Invoiz. Das Unternehmen, das Software für Selbstständige entwickelt, hat in Zusammenarbeit mit dem VGSD 3.000 Freiberufler unter anderem nach Hindernissen im Geschäftsalltag befragt.

Hohe Nebenkosten

Wer aus dem Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit wechselt, sollte gewarnt sein. „Denn Selbstständige tragen den Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil an den Sozialabgaben und mehr“, so Moritz Buhl, Gründer von Invoiz. Der Beitrag eines Selbstständigen in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung sei dabei nicht nur erheblich höher als bei Angestellten der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil zusammen, sondern zudem nicht einkommensgerecht. „Hohe Mindestbeiträge für Selbstständige und eine deutlich höhere Berechnungsgrundlage für die Beiträge führen dazu, dass gesetzlich ‚freiwillig‘ versicherte Selbstständige wesentlich höhere Beiträge zahlen als Angestellte mit vergleichbarem Einkommen“, kommentiert Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des VGSD, das Ungleichgleichgewicht. Durch das GKV-Versichertenentlastungsgesetz würden die Mindestbeiträge zwar zum 1. Januar 2019 halbiert, lägen aber trotzdem noch immer weit höher als bei Angestellten, was bei Teilzeit-Selbstständigen zu einer Beitragsbelastung von bis zu 41 Prozent nur für die Kranken- und Pflegeversicherung führe. Zusätzlich zu den Krankenkassenbeiträgen kämen viele weitere – oft unvorhergesehene – Kosten wie beispielsweise für die IHK, für diverse Versicherungen oder die Berufsgenossenschaft auf die Gründer zu.

Sparen am falschen Ende

Um zu sparen, erledigen viele Selbstständige ihre Buchführungs- und Steuerpflichten in Eigenregie. Die Umfrage ergab, dass jeder vierte Selbstständige auf die Unterstützung durch einen Steuerberater verzichtet. Die steuerlich und betriebswirtschaftlich besonders unerfahrenen Kleinunternehmer mit Jahresumsätzen bis zu 17.500 Euro zeigen bei ihren Steuer- und Buchführungspflichten mit 55 Prozent sogar mehrheitlich Mut zur Lücke. Die Studie zeigt dabei verschiedene Verhaltensmuster hinsichtlich Alter und Bildung. Während Hochschul-Absolventen eher die Unterstützung eines Beraters in Anspruch nehmen, verzichten drei von vier Befragten ohne Hochschul- oder Berufsabschluss darauf, einen Steuerberater zu beauftragen. Auch jüngere Befragte haben durchweg mehr Mut zur Berater-Lücke. „Die Entscheidung, Gewinnermittlung und Steuererklärungen ohne fachliche Beratung zu erledigen, ist nicht nur auf falsch verstandene Sparsamkeit zurückzuführen“, kritisiert Buhl. Es fehle gerade den jüngeren Selbstständigen an Wissen und Problembewusstsein.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Respekt

Was Selbstständigen jedoch vor allem zu schaffen macht – noch mehr als der kontinuierliche Kostendruck – sind bürokratische Hürden. Laut Studie sehen 59 Prozent der Befragten zu viel Bürokratie als Haupthindernis in ihrer Geschäftspraxis. Aktuelles Musterbeispiel: DSGVO. „Die Selbstständigen wollen ja zum Datenschutz beitragen und ihre Pflichten erfüllen“, kommentiert Buhl. „Aber dazu müssen diese Pflichten endlich einmal in verständlicher Form kommuniziert werden.“ Die weitreichenden und undurchsichtigen Datenschutz-Auflagen seien selbst mit teuren Beratern kaum noch zu bewältigen. Selbstständige vermissen darüber hinaus Respekt und eine faire Behandlung durch Politiker und staatliche Einrichtungen: Vier von fünf Befragten fühlen sich von der Politik wenig oder gar nicht respektiert. Noch größer (82,4 Prozent) ist der Anteil der Selbstständigen, die mit Blick auf eine faire soziale Absicherung Verbesserungsbedarf oder gar erheblichen Verbesserungsbedarf sehen.

Rechtsunsicherheit hemmt Auftraggeber

Insbesondere das Damoklesschwert der Scheinselbstständigkeit belastet viele Selbstständige. Aus gutem Grund. „Die negativen Folgen einer möglichen Scheinselbstständigkeit sorgen angesichts unklarer Kriterien seit Jahren für Rechtsunsicherheit unter unseren Auftraggebern“, kommentiert Andreas Lutz vom VGSD die Situation. Viele Geschäftskunden trauten sich nicht mehr, lukrative Aufträge an Selbstständige zu vergeben. „Anstatt zu helfen, schnürt der Staat mit immer mehr Bürokratie und unklaren Rechtsvorschriften den Selbstständigen die Luft zum Atmen ab“, so Lutz. Dies belaste gerade Solo- und Teilzeit-Selbstständige zeitlich überproportional. Die Umfrage zeige deutlich, dass die Politiker genauer und unvoreingenommener zuhören sollten. Gewünscht werde vor allem mehr Rechtssicherheit. „Aktuell werden viele IT-Projekte ins Ausland verlagert, weil man innovative Projekte in Deutschland nicht rechtssicher durchführen kann“, ärgert sich Lutz.

Zuhören und fördern

Die Bitte der Macher der Umfrage an die Politik lautet daher vor allem, miteinander ins Gespräch zu kommen. „Wir brauchen pragmatische statt ideologiegetriebene Lösungen“, so Lutz. Der Vorstand des VGSD sieht aktuell vor allem drei Aufgaben für die Politik:

  1. Die Beiträge zur freiwilligen Kranken-/Pflegeversicherung sollten einkommensgerecht gestaltet werden, sodass Selbstständige nicht mehr bezahlen als Arbeitgeber und -nehmer zusammen.
  2. Die Politik sollte Rechtssicherheit in Bezug auf Scheinselbstständigkeit schaffen, etwa durch Verzicht auf langjährige Rückwirkung, nachvollziehbare, gegebenenfalls branchenspezifische Kriterien.
  3. Man brauche eine Begrenzung finanzieller Anreize von Abmahnern, gegebenenfalls auch eine Meldepflicht für Abmahnungen, um Abmahnmissbrauch drastisch zu reduzieren.

Im jüngsten Koalitionsvertrag sei immerhin schon mal eine Absichtserklärung unter anderem zur Vereinfachung des Statusfeststellungsverfahrens enthalten, so Lutz. Auch wolle die Bundesregierung die Leistungen von Selbstständigen, Familienunternehmen, freien Berufen und Handwerkern künftig stärker öffentlich anerkennen und fördern und die Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen so gestalten, dass ihre Entwicklungs- und Wettbewerbsfähigkeit gestärkt und Unternehmensgründungen ermöglicht werden. „Mit der Halbierung der Mindest-Krankenversicherungsbeiträge ab 2019 ist hier ein erster Schritt getan“, so Lutz. „Nun gilt es, den vollmundigen Ankündigungen auch in anderen Bereichen Taten folgen zu lassen.“

Mehr zum Thema: Warum sollten sich Freiberufler zwingend selbst und intensiv mit ihren Finanzen beschäftigen?

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2 Reaktionen
Bruno Wilhelm

Ein Problem dieser (und ähnlicher) Umfragen ist ihre sehr begrenzte Aussagekraft durch fehlende Repräsentativität. Es gibt eben nicht "die Selbstständigen" ebensowenig wie es "die Angestellten" gibt. Da verbergen sich jeweils sehr unterschiedliche Lebenslagen hinter dem formalen Erwerbsstatus. Die zentrale Behauptung der Umfrage ist ja, es ergäbe sich ein Bild "der Selbstständigen" und es ließen sich gesamtgesellschaftliche Schlüsse aus der Umfrage ableiten. - Klar zeigen sich einige Probleme insbesondere im Bereich der Niedrigeinkommen, daraus generelle Rückschlüsse zu ziehen und zu verallgemeinern ist aber schlicht nicht zulässig. Anders als breite Untersuchungen des Statistischen Bundesamtes auf Grundlage des Mikrozensus werden hier Behauptungen aus einer offensichtlich nicht repräsentativen Umfrage generiert. Um genau zu sein haben sich rund 0,075% aller Selbstständigen (bzw. 0,0066% aller Erwerbstätigen) daran beteiligt. - Auch das könnte repräsentativ sein, allerdings spricht dagegen die Zusammensetzung der Befragten (siehe insbesondere Seite 57 der Umfrageauswertung) und die fehlende statistische Validierung der Daten. Es ist beispielsweise wenig aussagekräftig, Selbstständige mit einem Jahresumsatz unter 17.500 und über 1 Mio. € zusammenzuwürfeln und daraus durchschnittliche Stundensätze abzuleiten (von 63 € bei Frauen und 78 Euro bei Männern.

Die Umfrage fand also in einem engen Ausschnitt aller Selbstständigen statt und wertet den gleichzeitig sehr undifferenziert aus. Kein Wunder, dass eine solch methodisch fragwürdige Auswertung nach Angaben der Herausgeber "zum Teil überraschenden Ergebnisse" bringt. Überraschend sind die vor allem, weil sie von den vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen abweichen. Dass so eine Umfrage "bedenkenswerte Ansatzpunkte für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft" (Seite 5) bringt, darf bezweifelt werden.

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Titus von Unhold

Wer nicht in der Lage ist mit seinem Umsatz ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften aus dem er die paar Euro bezahlt, sollte nicht selbständig sein. Wer im Dreijahresmittel nicht den doppelten Medianbruttolohn eines Vollzeitbeschäftigten erwirtschaftet, gilt ab dem vierten Jahr als Scheinselbständig, fertig,

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