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Diese Blockchain-Projekte wollen die Welt verändern

(Grafik: Anton Barbarov)

Die Blockchain wird fast nur im Zusammenhang mit Kryptowährungen und Smart Contracts diskutiert. Dabei gibt es eine Reihe von ganz anderen Ideen und Startups, die sie umsetzen.

Auch unabhängig von Bitcoin und anderen Kryptowährungen gab es einen enormen Hype um die zugrunde liegende Idee der Blockchain. Zeitweise wurde Startups das Geld geradezu hinterhergeworfen, wenn sie nur „irgendwas mit Blockchain“ machen und manch Aktienkurs stieg einfach nur, weil eine betroffene Firma das Wort „Blockchainin den Namen aufgenommen hat. Zugleich gibt es jede Menge Kritik etwa am Aufwand, der im Vergleich zu anderen Speichermethoden nötig ist oder an der Tatsache, dass die gespeicherten Daten vor nachträglicher Veränderung kryptographisch geschützt sind, nicht zwangsläufig heißt, dass sie von vornherein korrekt waren.

Neben Absurditäten wie der Idee, die Zustimmung zum Geschlechtsverkehr in Form von Smart Contracts in einer Blockchain festzuhalten, gibt es aber durchaus Anwendungsfälle, in denen die Eigenschaften von Blockchains positiv zum Tragen kommen. Viele zielen dabei auf die grundlegende Struktur des Internet, schließlich ist selbst Web-Erfinder Tim Berners-Lee unzufrieden mit der zunehmenden Zentralisierung im Netz. Während er jedoch verteilte Datenspeicher auf Basis von Linked Data vorschlägt, wollen andere Dezentralität per Blockchain herstellen. Ein Beispiel ist das Interplanetary-File-System (IPFS), das eines Tages das alte Protokoll HTTP zumindest teilweise ersetzen soll. Dateien, die heute auf den Webservern liegen, sollen in einer verteilten Blockchain gespeichert und ähnlich wie bei Bittorrent peer-to-peer ausgeliefert werden. Die benötigte Bandbreite etwa beim Videostreaming ließe sich dadurch drastisch vermindern. Die Blockchain soll dabei sicherstellen, dass Webseiten nicht mehr aus dem Netz verschwinden und bei Änderungen die alten Versionen eingesehen werden können. Was die einen freuen dürfte, weil tote Links dann der Vergangenheit angehören, wird denjenigen Kopfzerbrechen bereiten, die finden, dass es möglich sein muss, illegale Inhalte aus dem Internet auch wieder zu entfernen.

Das Internet wieder dezentralisieren

In eine ähnliche Richtung geht das Projekt Namecoin. Ein blockchain-basierter Domain-Name-Service für die Top-Level-Domain .bit soll „Zensur“ im Internet verhindern. Bisher basieren viele Netzsperren darauf, DNS-Einträge zu verändern. Zwar können solche Netzsperren relativ leicht umgangen werden, wenn man die IP-Adresse einer Webseite kennt, aber das Speichern von Name-Einträgen in einer verteilten Blockchain soll solche Manipulationen gänzlich unmöglich machen. Namecoins können allerdings auch für andere Zwecke als DNS-Einträge verwendet werden. In Verbindung mit OpenID ist es bereits experimentell möglich, sich auf Webseiten und Apps anzumelden, ohne jedesmal Namen und Passwort einzugeben. Statt die Single-sign-on-Lösungen von Datensilos wie Facebook & Co. zu verwenden, wird die eigene Identität hier ebenfalls in der Blockchain hinterlegt. In die gleiche Richtung geht auch Blockstack. Dort sind Identitätsmanagement und DNS allerdings nur Mittel zum Zweck, ein Ökosystem für dezentralisierte Apps aller Art zu schaffen, etwa für Payments, Gesundheitsdaten oder Instant Messaging. Und ein Startup namens Nebulas will gar Google direkt angreifen mit einer dezentralen Suchmaschine, die auf einem offenen Ranking-Algorithmus basiert.

Direkte Demokratie

Ein anderes Parade-Beispiel für den Einsatz verteilter Blockchains sind Online-Voting-Systeme. Wer über das Internet Abstimmungen durchführen möchte, hat Schwierigkeiten, sicherzustellen, dass niemand unrechtmäßig abstimmt oder die Abstimmungsergebnisse nachträglich manipuliert. Dafür eignet sich eine Blockchain recht gut, denn wie die Transaktionen einer Kryptowährung können die Abstimmungen jederzeit nachvollzogen und kaum nachträglich verändert werden. Es gibt zahlreiche Projekte in verschiedenen Stadien wie etwa Netvote oder Votebook, dessen Name nicht zufällig an Facebook erinnert, denn Votebook will rund um die Abstimmungsfunktion ein soziales Netzwerk stricken.

Bereits genutzt werden kann das Open-Source-Projekt Sovereign. Das Liquid-Democracy-System erlaubt seinen Teilnehmern, über politische Fragen selbst abzustimmen oder die eigene Stimme an eine andere Person zu delegieren. Derzeit ist das System nach Angaben der Entwickler noch „blockchain agnostic“, aber die weitere Roadmap sieht den vielfältigen Einsatz von Blockchains vor: verteilte Speicherung mit IPFS und ein Identitätsmanagement mit Blockstack. Sogar Funding-per-Bitcoin und das automatische Triggern von Konsequenzen nach Abstimmungen per Smart Contracts soll irgendwann eingebaut werden. Allerdings teilen alle Voting-Systeme ein grundsätzliches Problem: Wirklich geheime Wahlen sind mit ihnen nicht möglich, da pseudonym festgehalten werden muss, wer wie abgestimmt hat, um nachvollziehbar zu bleiben. Die gute alte Papierurne wird uns also für geheime Wahlen weiterhin erhalten bleiben, aber offene Abstimmungen könnten Systeme wie Sovereign stark vereinfachen.

Auf dem Weg in die Singularität

Wenn Blockchain, ICO und künstliche Intelligenz kombiniert werden, klingt das auf den ersten Blick wie eine Buzzword-Schleuder. SingularityNET tut genau das und ist trotzdem einen zweiten Blick wert, schließlich steckt dahinter unter anderem Ben Goertzel, Chef-Entwickler bei Hanson Robotics, der als Marketing-Gag gleich auch die bekannte Roboterfrau Sophia mit einspannt. Bisher können selbstlernende Systeme nur sehr spezielle Aufgaben lösen wie beispielsweise Go spielen, Muster in Bildern erkennen oder als Chatbot fungieren. SingularityNET möchte solche künstlichen Intelligenzen kleineren Unternehmern und Anwendern zugänglich machen, die sonst keine Ressourcen haben, selber welche zu entwickeln. Zugleich sollen diese spezialisierten KI per Blockchain untereinander vernetzt werden. Kann eine KI eine Teilaufgabe nicht selbst lösen, gibt sie sie automatisch an eine andere weiter, was über Smart Contracts organisiert werden soll. Im Namen des Startups schwingt offenbar die Hoffnung mit, dass ein Netzwerk vieler zusammengeschalteter KI am Ende intelligenter sein könnte als die Summe seiner Teile: Die technologische Singularität ist ein mutmaßlicher Zeitpunkt in der Zukunft, ab dem selbstverbessernde Maschinen die Menschheit überholen sollen.

Während SingularityNET eine Blockchain benutzt, um KI miteinander zu vernetzen, geht das chinesische Startup Matrix den umgekehrten Weg. Hier sollen selbstlernende Algorithmen helfen, den Umgang mit Blockchains zu vereinfachen. Die Anwender sollen Smart Contracts in natürlicher Sprache verfassen können. Eine KI übersetzt und prüft den Contract, bevor er in die Blockchain eingetragen wird. Zugleich soll das ganze System ebenfalls per KI soweit optimiert werden, dass  Transaktionen angeblich schneller als bei Kreditkartenfirmen abgewickelt werden. Noch einen Schritt weiter geht Numerai und kombiniert die Blockchain, künstliche Intelligenz und menschliche Schwarmintelligenz, um einen Hedgefonds zu verwalten. Dessen Trading-Daten werden in einer abstrakten Form veröffentlicht, die keine Rückschlüsse auf einzelne Transaktionen und Anlagen zulassen. Tausende von Entwicklern können diese Daten mit selbstlernenden Algorithmen oder anderen Methoden analysieren und Vorhersagen über die Performance abgeben. Das Ganze funktioniert anonym: Die Analysten wissen nicht, welche Anlagen sie analysieren und Numerai kennt die Analysten nicht. So soll menschlicher Bias ausgeschlossen werden. Teilnehmen können alle, die wollen, und erfolgreiche Vorhersagen werden mit Bitcoin belohnt. Der Fonds macht nach eigenen Angaben Gewinn.

All diese Projekte haben eines gemeinsam: Dezentralisierung. Fast alle Aspekte könnten einfacher ohne Blockchain realisiert werden, aber die Blockchain soll sicher stellen, dass weder staatliche Stellen noch Konzerne oder einzelne Individuen die Kontrolle übernehmen können. Wie bei Bitcoin gilt: Sobald ein Player mehr als 50% der Blockchain kontrolliert, kann er sie auch manipulieren. Ihr Erfolg steht und fällt also mit der öffentlichen Verteilung der zugrunde liegenden Blockchain. Ob diese Unkontrollierbarkeit wirklich immer wünschenswert ist, etwa wenn betrügerische Transaktionen sich nicht rückgängig machen lassen oder Leaks, personenbezogene Daten, Deep Fakes und schlimmeres unveränderbar per Blockchain publiziert wird, sei dahin gestellt.

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