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Interview

Digitaler Nomade: „Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten“

Digitaler Nomade und Unternehmensgründer: Christian Häfner will seinen Lebensstil nicht erst im Rentenalter ausleben. (Foto: Privat)

Wie sieht der Alltag eines Digitalen Nomaden eigentlich aus? Ist jeder Job dafür geeignet? Im Interview mit t3n.de spricht Fastbill-Mitgründer Christian Häfner über die wichtigsten Voraussetzungen.

Christian Häfner ist Mitgründer eines Unternehmens mit über 50 Mitarbeitern. In der Position trägt man in der Regel einiges an Verantwortung, und doch hat er es geschafft, sich weitestgehend aus den Aufgaben eines Geschäftsführers herauszunehmen. Als digitaler Nomade bereist er die Welt, hält allein mit seinem Macbook den Kontakt nach Deutschland aufrecht und lenkt die Geschäfte von so manch einem Strandhaus. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er seinen Karriereweg und den Lebensstil vereint bekommt, welche Voraussetzungen er dafür schaffen musste, um so zu leben, wie er es gerade tut und was Unternehmertum für ihn konkret bedeutet.

Christian Häfner: „Nicht jeder Gründer muss auch CEO werden!“

Für Christian Häfner bedeutet Unternehmertum gleichzeitig Freiheit. (Foto: Markus Warth)

t3n.de: Christian, kann man in der Welt zu Hause sein?

Christian Häfner: Ja, wenn man sich Zeit lässt und nicht den Druck hat, Checklisten mit Touristenattraktionen abzuhaken, dann geht das. Dank Airbnb und guter mobiler Internetabdeckung ist das heutzutage ja auch einfacher denn je.

t3n.de: Was ist mit Familie, Freunden, Kollegen? Braucht man die nicht, um sich zu Hause zu fühlen?

In meinem Fall habe ich meine Familie, also meine Frau, ja mit dabei. Wir reisen gemeinsam und arbeiten beide unterwegs. Sie dabei zu haben, war wichtig für mich. Freunde findet man überall auf der Welt. Und da ich schon vorher nicht mehr in meinem Heimatort gewohnt habe, habe ich auch meine Familie damals schon nicht mehr jedes Wochenende gesehen. Die Besuchsfrequenz hat sich durch das Reisen nicht deutlich geändert. Bloß reisen wir jetzt mit dem Flugzeug an, nicht mehr mit dem Auto.

t3n.de: Ihr seid jetzt etwas mehr als 18 Monate unterwegs. Was war der Antrieb, das Projekt „Digital Nomade“ zu starten? War es Frust, Neugier oder hat es sich einfach ergeben?

Nein, ich war nicht frustriert. Ich sehe das auch nicht als Projekt, sondern mehr als Lebenseinstellung. Ich reise und entdecke einfach schon immer gerne und wollte mir Wege offen halten, meinen Lebensstil selbst zu gestalten. Als ich beispielsweise vor sechs Jahren das Surfen für mich entdeckte, plante ich fortan jeden Urlaub in Wellennähe. Als ich nach Jahren immer noch nicht über das Niveau eines Urlaubssurfers hinaus kam, war mir klar, dass es nur eine Lösung gibt: Ich muss das Surfen in meinen Alltag integrieren und dafür am Meer wohnen.

t3n.de: Wie ließ sich der Job mit diesen Lebensstil vereinbaren?

„Ob ich langfristig irgendwann wieder nach Deutschland kommen will, kann ich jetzt noch nicht sagen.“

Ich habe schon immer gegründet, um selbst entscheiden zu können, wann ich woran mit wem und wie arbeite. Mit meinem Fastbill-Mitgründer René Maudrich habe ich beispielsweise noch nie in derselben Stadt gewohnt. Und trotzdem haben wir gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen mit mittlerweile über 70.000 Kunden und mehr als 50 Mitarbeitern aufgebaut. Auch meine Frau hat sich mehr räumliche Unabhängigkeit ermöglicht, indem sie ihr eigenes unternehmerisches Projekt aufzog. Mittlerweile ist sie auch verantwortlich für den Online-Kaffeehandel, der aus einem früheren Kaffee-Blog von mir erwachsen ist. In diesem Jahr konnten wir bereits 15 Tonnen absetzen, was ausschließlich online passierte.

t3n.de: Ihr habt also als Unternehmer die Möglichkeiten dafür selbst geschaffen?

Ganz genau. Für mich ist übrigens genau das auch der Kern von Unternehmertum: Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten und nicht um passives Einkommen oder so etwas, sondern darum, die Rahmenbedingungen selbst zu gestalten, in denen man sich im Job und auch im restlichen Alltag bewegen möchte.

t3n.de: Spielt dir die derzeitige Unternehmensgröße von Fastbill bei der Remote-Arbeit in die Karten?

Ja, denn je größer ein Unternehmen wird, desto besser und klarer kann auch ein Aufgabenbereich definiert werden. In einem noch jungen Startup macht jeder alles. Es gibt keine Mitarbeiter, also muss auch nicht geführt werden. Heute sind viele neue Aufgaben hinzugekommen, die es vorher nicht gab, wie Recruiting, Office-Management und so weiter. Mittlerweile haben wir jedoch auch die Möglichkeit, die Aufgaben an Team-Leader zu verteilen und sie dadurch strukturierter anzugehen und umzusetzen.

t3n.de: Ist es wichtig, dass Gründer mit dem Erfolg des Unternehmens auch lernen, Aufgaben abzugeben, sie zu delegieren und sich somit vielleicht sogar aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen?

Ich denke es ist extrem wichtig, dass Gründer lernen, mit dem Unternehmen zu wachsen. Dazu gehört es, Aufgaben abgeben zu können, aber auch neue Aufgaben anzunehmen. Der Weg ist dabei nicht vorgeschrieben. Nicht jeder Gründer muss auch CEO werden. Das zeigen auch bekannte Beispiele aus dem Silicon Valley, in denen irgendwann erfahrene Manager in das Unternehmen geholt werden, um Strukturen für eine Skalierung zu schaffen.

Digitale Nomaden bei der Arbeit: Christian Häfner und Freundin Heidi. (Foto: Privat)

t3n.de: Wie fühlen sich die Zeitverschiebungen an? Lassen sich die Aufgaben immer in Einklang mit Deutschland bringen?

Es gibt Aufgaben, die sind aufgrund der Zeitverschiebung oder der räumlichen Distanz schwierig. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Zeitverschiebung von +/- sechs Stunden noch gut machbar ist. Alles darüber hinaus erfordert extreme Arbeitszeiten, wenn man denn überhaupt noch ein wenig Überschneidung mit dem Team in Deutschland haben möchte. In Australien habe ich regelmäßig auch nach Mitternacht noch gearbeitet. In West-Kanada ging mein Arbeitstag teilweise um 6 Uhr morgens schon los. Bei sechs Stunden kann man sich auch noch mit Kunden oder Partnern problemlos vormittags oder nachmittags verabreden.

t3n.de: Bei welchen Aufgaben bist du inzwischen konkret raus?

Eigentlich bei allem, was mit räumlicher Anwesenheit zu tun hat. Die Betreuung großer Partner ist beispielsweise nicht mehr möglich, weil dort regelmäßige Treffen erwartet werden. Außerdem ist es extrem schwer, ein Team zu führen, ohne selbst da zu sein. Deshalb haben wir inzwischen auch einen Head of Marketing bei Fastbill, der die fachliche und auch disziplinarische Führungsaufgabe für mein Team übernommen hat.

t3n.de: Spielst du manchmal mit den Gedanken, wieder vor Ort ein Team zu leiten?

Also, die Leitung eines lokalen Teams reizt mich aktuell gar nicht. Ich habe mich sogar bewusst dagegen entschieden. Mein Herz schlägt auch eher fachlich. Führen ist nicht meine Passion und auch nicht meine Stärke. Ich sehe außerdem an mir selbst, wie wichtig es ist, die persönliche Vorstellung eines Lebensstils nicht erst mit dem Eintritt des Rentenalters zu leben. Ich bin ausgeglichener, produktiver und motivierter denn je, wenn es um den Job geht. Ich arbeite nicht auf den nächsten Urlaub hin und ich freue mich auch auf Montage.

t3n.de: Unter welchen Umständen würdest du wieder nach Deutschland kommen wollen?

Ob ich langfristig irgendwann wieder nach Deutschland kommen will, kann ich jetzt noch nicht sagen. Meine privaten Planungen gingen noch nie länger als ein Jahr in die Zukunft. Und um genau diese Freiheit geht es mir letztlich auch. Wenn ich das Gefühl habe, nach Deutschland kommen zu wollen, dann darf das nicht von einem Job abhängig sein. Ich muss es selbst entscheiden und dann auch unkompliziert umsetzen können.

t3n.de: Das Leben aus dem Koffer wird also erst einmal Standard bleiben?

Nicht ganz, erst kürzlich habe ich mit meiner Frau die Entscheidung getroffen, den Vollzeit-Nomaden-Modus ein wenig herunterzufahren. Ab Januar nächsten Jahres mieten wir ein Haus in Portugal in Laufreichweite zum Surfspot an. Hier können wir dann entscheiden, wann wir weiterreisen wollen und müssen nicht gehen, wenn die Airbnb-Buchung abgelaufen ist. Auch das ist Freiheit.

Übrigens, auch dieser Beitrag könnte dich interessieren: Ortsunabhängiges Arbeiten ist für viele Menschen ein Traum. Wir verraten euch, in welchen Berufen digitale Nomaden am ehesten ein passendes Stellenangebot finden. Lies auch: Digitale Nomaden – Die 5 Top-Berufe für ortsunabhängiges Arbeiten

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2 Reaktionen
ChristianHaefner

Danke für dein Beitrag, Betty. Er zeigt, wo so häufig das Problem in der Wahrnehmung liegt. Es geht nicht darum weniger zu arbeiten, sondern nur woanders. Ich bin genau so Teil des Teams, wie alle anderen Mitarbeiter (von denen andere übrigens auch Remote arbeiten). Ich arbeite genau so von morgens bis Abends, wie alle anderen. Ich wünsche meinen Kollegen einen guten Morgen, nehme an Meetings teil, mache Telefonate, schreibe EMails, usw. Ein ganz normaler Arbeitsalltag.

Was nur anders ist: statt Abends nach der Arbeit im Stau zu stehen oder auf der Couch irgendwas im TV zu gucken, gehe ich halt lieber surfen oder genieße die Zeit am Meer. Mein Wochenend-Alltag beinhaltet viel Sonne, kühle Getränke und jede Menge Aktivitäten, weil es immer wieder neues zu entdecken gibt. Und das alles, ohne erst in Urlaub fliegen und dafür bezahlen zu müssen. Grandios, oder?

Ich finde es erstaunlich, welches Bild sich so häufig im Kopf bildet, wenn "die Arbeit" nicht in einem Raum mit 4 Wänden stattfindet, während es draussen grau und ungemütlich ist. Genau diesen Anstoß hoffe ich mit dem Interview ein wenig geben zu können. Wie die ideale Arbeitswelt aussehen soll, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Ich finde Deutschland auch toll, aber ich könnte nie so viel Urlaub nehmen, um all das zu entdecken, was ich möchte.

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BettyB

Zusammengefasst: Wenn man 50 Mitarbeiter hat, kann man als "digitaler Nomade" im Ausland leben und dort Golf spielen.

Für mich beschreibt der Artikel eher den Lebensstil eines Investors. Man hat Anteile an einem Unternehmen und vertritt seine Interessen aus dem Ausland. Die Arbeit machen andere.

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