Ratgeber

Was bedeutet digitale Transformation eigentlich konkret?

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Die Dynamik von exponentiellem Fortschritt und Tipping Points verstehen

Veränderungen sind häufig noch ganz weit weg – bis es plötzlich ganz schnell geht. Wer als Unternehmer die exponentielle Dynamik von technischem Fortschritt in der Ära der Digitalisierung nicht versteht oder beachtet, kann den Anschluss verlieren. Beispiel Digitalfotografie: Ein Industriegigant der Fotografie des 20. Jahrhunderts – Kodak – hat bereits in den 1970er Jahren mit der neuen Technik experimentiert. Die Ergebnisse waren damals der Technik geschuldet natürlich dürftig – und das Management wähnte sich in Sicherheit.

Das Potenzial der digitalen Technologie und die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts wurden vom Kodak-Vorstand aufgrund der enttäuschenden ersten Laborversuche unterschätzt. Statt exponentiellen Fortschritt zu erwarten, gingen die Manager von einem linearen Fortschritt aus. Das Ergebnis: Heute stellt Kodak fast ausschließlich professionelle Druckmaschinen her und spielt für die Konsumenten-Fotografie keine Rolle mehr.

Auch heute noch unterschätzen viele Manager die dynamische Entwicklung technischen Fortschritts, der sich meist sehr langsam vollzieht bis es zu einem sogenannten Tipping Point kommt und alles sehr schnell geht. Noch 2015 beispielsweise bezeichnete der heutige Volkswagen-Chef Matthias Müller, damals noch Chef von Porsche, selbstfahrende Autos als „Hype.“

Hintergrund der dynamischen Entwicklung des Fortschritts ist die digitale Basis, auf der sich heute fast alle technologischen Entwicklungen vollziehen. Die Leistung digitaler Chips, die Treiber des technischen Fortschritts, steigt seit der Erfindung des Mikrochips Ende der 1950er exponentiell – das bekannte Mooresche Gesetz.

Was diese Dynamik bedeutet, macht eine alte Legende aus Indien deutlich, die angeblich die Geschichte des Erfinders des Schachspiels erzählt: Demnach sollte der Mann vom König belohnt werden. Sein Wunsch klang in den Ohren des Herrschers zunächst bescheiden: Er wolle mit Weizenkörnern belohnt werden – auf dem ersten Feld des Schachbretts ein Korn, auf dem zweiten zwei Körner, auf dem dritten vier und so weiter.

Der Wunsch ist keineswegs bescheiden, sondern unmöglich zu erfüllen: Rechnet man die exponentielle Funktion für ein Schachbrett mit 64 Feldern durch, ergibt sich eine Summe von etwa 18,45 Trillionen Weizenkörnern. Das liegt daran, dass die Summe mit jedem weiteren Feld nicht linear, sondern exponentiell wächst – ebenso wie die Anzahl der Transistoren auf einem Chip seit 1965 etwa alle zwei Jahre. Diese Art des Denkens ist Menschen wesensfremd, weil wir exponentielles Wachstum aus Natur und Alltag nicht gewohnt sind. Deshalb wird der exponentielle technische Fortschritt in der Digitalisierung nach enttäuschenden Fortschritten zu Beginn so häufig unterschätzt. Auch wenn das Mooresche Gesetz in seiner Reinform seit einiger Zeit nicht mehr gilt.

Die Dynamik von Netzwerkeffekten und Plattformen verstehen

Auch bei allen Geschäftsmodellen, in denen der sogenannte Netzwerkeffekt eine Rolle spielt, gibt es einen Tipping Point – den Moment, in dem sich ein Netzwerk wie Facebook oder Linkedin plötzlich gegen alle anderen durchsetzt und sein Vorsprung kaum noch aufzuholen ist.

Der Netzwerkeffekt kommt immer dann zum Tragen, wenn jedes Mitglied eines Netzwerks automatisch durch jedes weitere Mitglied des Netzwerks profitiert. Leicht erklären lässt sich das am Beispiel Facebook: Das soziale Netzwerk mit den meisten Freunden ist für alle das mit dem meisten Nutzen, womit es weiterwächst – und das gilt auch für Messenger wie Whatsapp. Dasselbe Prinzip gilt auch für Uber oder Marktplätze wie Amazon: Für Kunden ist der Marktplatz mit den meisten Anbietern am attraktivsten – und für Anbieter die Plattform mit den meisten Nachfragern.

Digitale Plattformen wie Googles Suche und das Android-Betriebssystem, Facebooks soziales Netzwerk und Whatsapp, Amazons Markplatz oder Apples App-Store auf iOS kommen in der Digitalwirtschaft daher in eine mächtige Gatekeeper-Funktion, in der sie jeweils die Regeln des gesamten Marktes bestimmen.

Auch in anderer Hinsicht kommt es immer wieder zu selbstverstärkenden Effekten: Weil Google die beste Ranking-Software und die meisten Daten über die Relevanz von Suchergebnissen besitzt, kann es die besten Suchergebnisse liefern – das führt zu noch mehr Nutzern und infolgedessen mehr Geld für die besten Entwickler und mehr Daten für die Verbesserung des Rankings. Hinzu kommen starke Skalierungseffekte im Digitalen: Die Verbreitungskosten einer einmal geschriebenen Software sind nahe null.

Mit der wachsenden Bedeutung von künstlicher Intelligenz (KI) verstärkt sich dieser Effekt noch. Das liegt vor allem daran, dass beim aktuellen vielversprechendsten Ansatz der KI – dem maschinellen Lernen mittels Deep Learning, einem vielschichtigem Netzwerk aus in Software abgebildeter Neuronen – Daten der Rohstoff sind, um die künstlichen neuronalen Netze zu trainieren und damit zu verbessern.

„KI ist eine Branche in der Stärke Stärke erzeugt“, schrieb kürzlich die New York Times. „Je mehr Daten man hat, desto besser das Produkt; je besser das Produkt, desto mehr Daten kann man sammeln; je mehr Daten man hat, desto mehr Talente kann man anziehen und je mehr Talente man anzieht, desto besser das Produkt!“. Ähnlich wie beim Netzwerkeffekt handelt es sich also um einen sich selbst verstärkenden Effekt – nur diesmal auf Speed.

Als Unternehmen in einer zunehmend von der Digitalwirtschaft dominierten Welt ist es wichtig, die Dynamik und Macht von Plattformen zu verstehen und sich die daraus erwachsenden Fragen zu stellen: Wie beeinflusst mich die Macht von Plattformen wie Google, Facebook und Amazon – und wie kann ich darauf reagieren? Wie abhängig bin ich in meinem Geschäftserfolg von einzelnen Plattformen und wie könnte ich diese Abhängigkeit reduzieren? Lohnt es sich für eine Nische eine eigene B2B-Plattform aufzubauen oder mich daran zu beteiligen?

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5 Kommentare
StefanM
StefanM

Sehr guter Artikel. Danke

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e6836b3448d6ad5b

Ja stimmt. Nur leider nicht als PDF zum runterladen – also nicht zum Weitergeben an die, die es wirklich brauchen – also ab ins Nrvana damit. Schön aber unbrauchbar, wie schade.

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Wilfried Russ - AKAD University
Wilfried Russ - AKAD University

Sehr guter Übersichtsartikel zu den diversen Hot Spots der Digitalen Transformation. Danke!

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Mülli
Mülli

Der Anfang ist leider ziemlich schwach, aber zum Glück kann man sich ja hintenraus noch steigern ;-). Wenn man sich schon aufschwingt so ein komplexes Thema wie die Digitale Transformation zu erläutern sollte man wenigstens die die „einfachen“ Begrifflichkeiten wie „On-Premise“ oder „Software-as-a-Service“ recherchiert haben, dann wüsste man auch, dass diese Begriffe Alternativen füreinander sind. Und ein „Instant Messenger“ wie Slack, wenn auch mit der mittlerweile hoch integrierbar, ersetzt im Geschäftlichen nicht einfach die E-Mail, so schön es auch wäre. Big Data als aufgemotzte Reichweitenmessung zu beschreiben zeugt leider auch nicht gerade von einem großen Verständnis für die Materie. Ansonsten ganz netter Artikel, aber wenn digitale Transformation so einfach wäre, wenn dann wären sicher schon weiter und ich müsste wahrscheinlich nicht mehr arbeiten. Aktuell lässt sich allerdings ganz gut Geld mit der digitalen Transformation verdienen ,-).

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Mülli
Mülli

und wie man sieht muss die Spracherkennung auch noch perfektioniert werden :-) :-)

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