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Digitale Transformation: Lessons from Outer Space

Ground Control to Major Tom – was wir auf der Erde von der Kommunikation im Weltraum lernen können. (Grafik: Shutterstock)

Gerhard Thiele ist einer der bedeutendsten Raumfahrtexperten aus Deutschland. Bei seinem Flug ins All konnte er feststellen, wie wichtig effiziente Kommunikation ist. In seinem Alltag auf der Erde ist er fasziniert, mit welcher Effektivität Jeff Bezos und Elon Musk das Thema Raumfahrt vorantreiben.

Auf den ersten Blick wirkt es weit hergeholt – sehr weit, wenn man einen ehemaligen Astronauten befragt, welche Lektionen er in seinem Berufsweg gelernt hat, die auch für Unternehmen, die dem digitalen Wandel begegnen müssen, eine Rolle spielen könnten. Beim genaueren Hinsehen stellt man fest, dass gerade der Außenblick bestens dazu geeignet ist, die eigenen Positionen zu hinterfragen. Und viel weiter außen als in der Erdumlaufbahn geht es nicht. Das buchstäbliche „Schmoren im eigenen Saft“, das heute so vielen größeren deutschen Unternehmen Probleme bereitet, lässt sich leicht auflösen, wenn man Externe auf die eigenen Ideen, Abläufe und Prozesse schauen lässt.

Unter Webdesignern nannte man das früher den „Hausfrauentest“. Erst, wenn ein Mensch der nicht an der Entwicklung der Site beteiligt war und über durchschnittliches digitales Know-how verfügt, die Inhalte einer Seite versteht und erkennt, was er damit machen kann, handelt es sich um gutes Webdesign.

Die Daten, die Gerhard Thiele und sein Team im Jahr 2000 erhoben haben, werden heute noch in Kollisionswarnern in der Luftfahrt verwendet. (Bild: Esa)

Gerhard Thiele startete im Jahr 2000 in die Erdumlaufbahn. Seine Mission (STS-99) dauerte elf Tage und das Ziel war es, die Erde zu vermessen. Im gleichen Jahr wurde er von der Nasa zum Chief Capsule Communicator berufen, also demjenigen, der verantwortlich für die Kommunikation zwischen Shuttle und Bodenstation ist. „Dinge laufen nie so, wie man es geplant hat. Und wie schafft man es, dass man mit einem großen Team – dazu zählen ja auch die vielen Mitarbeiter am Boden – so effizient miteinander kommuniziert, dass man die Fragen löst, auf die es ankommt?“. So formuliert Thiele eine der Kernherausforderungen, die zweifellos auch für jedes Business-Team Anwendung findet.

Die Antwort gibt er selbst: Priorisierung und Präzisierung in der Kommunikation. „Wenn etwas schief geht, lautet ganz oft die erste Frage: Wer ist schuld? Die richtige Frage muss doch lauten: Wie lösen wir das Problem?“. Natürlich müssen im Nachgang die Ursachen des Fehlers analysiert und aufbereitet werden, aber eben nicht unmittelbar.

Thiele beschreibt, dass man in der potenziell lebensbedrohlichen Situation im Raumschiff dazu gezwungen wird, enorm effizient zu kommunizieren. „Ich hatte das Glück, einmal mit Anatoli Solowjow, einem russischen Vorzeigekosmonauten, in einer Sojus-Kapsel zu sitzen. Seine erste Frage, als ihm ein Problem gemeldet wurde, war: ‚Bordingenieur, bringt uns das um?‘. Und wenn die Antwort Ja lautete, wollte er hören, wie viel Zeit noch bleibt.“

Thiele erläutert, dass die permanente Ausrichtung auf das höchste Ziel (den wichtigsten KPI!), nämlich das Überleben, dazu führt, dass eine klare Prioritätenliste entsteht, was in welcher Reihenfolge abzuarbeiten ist. Wer kennt in seinem Unternehmen nicht die Situation, dass man wertvolle Zeit mit wenig bedeutsamen Details verbringt, und sich hinterher darüber ärgert. „Die Frage nach der Schuld kommt einem gar nicht in den Sinn.“

Die Kommunikationsebene

Thiele ist inzwischen 65 Jahre alt und hält zahlreiche Vorträge auf Firmenveranstaltungen und Kongressen. Er ist ein inspirierender Redner und sein Thema tut ein Übriges dazu, dass er die Aufmerksamkeit des Publikums bindet. Doch könnte man vermuten, dass seine Vorträge „abgehoben“ erscheinen, und es Teilnehmern schwer fällt, daran anzudocken, weil sie ja nichts direkt mit Marketing oder E-Commerce zu tun haben.

Auch dafür hat der geborene Heidenheimer eine Lösung: „Ich erzähle ausschließlich, was bei uns schiefgegangen ist. Das reicht. Die Ableitung auf ihren eigenen Arbeitsbereich können die Leute selbst viel besser“. Eines der größten Komplimente, dass ihm in seiner Laufbahn begegnete, kam von einem Zuhörer: „Haben Sie eigentlich über uns als Unternehmen gesprochen oder über Raumfahrt?“.

In der Raumfahrt stehen zumeist technische Probleme im Mittelpunkt. Und man sollte meinen, dass die Ingenieure – und das sind die meisten Astronauten – an solche Probleme analytisch herangehen. Thiele hat das Gegenteil kennen gelernt: „Sehr oft ist es so, dass ein ursprüngliches technisches Versagen noch komplizierter wird, wenn die Kommunikation nicht stimmt“. Übertragen auf ein Business-Umfeld bedeutet das, dass man sich zunächst auf Definitionen und Spielregeln einigt, bevor man diskutiert. Eine der wichtigsten Lektionen aus Design-Thinking-Workshops heißt: „Ausreden lassen und zuhören“.

Jeff Bezos und Elon Musk

Für Digitalarbeiter wird Thieles Argumentation dann sehr handfest, wenn er auf die treibenden Kräfte in der aktuellen Raumfahrt zu sprechen kommt. Thiele hat eine klare Haltung zur Privatisierung der Raumfahrt: „Die Privatfirmen werden die Raumfahrt in Sphären heben, die die staatlichen Agenturen nie erreichen, denn die arbeiten mit Steuergeldern und die Privaten arbeiten auf eigene Verantwortung und können schnellere Entscheidungen treffen.“

Die vermutlich wichtigste Entscheidung der letzten Jahre ist die Suche nach Kosteneffizienz. Die Wiederverwendung der Trägerraketen beschreibt Thiele als entscheidenden Meilenstein, von dem auch die staatlich-wissenschaftliche Raumfahrt profitiert. Da sich die Kosten der Trägerrakete auf mehrere Flüge verteilen, sinkt der „Preis“ pro Flug dramatisch.

Und es ist eben ein gerüttelt Maß an Verrücktheit vonnöten (und Kleingeld), um in derart großen Kategorien zu denken, wie Jeff Bezos mit Blue Origin oder Elon Musk mit SpaceX. „Man muss die Prozeduren kennen und wissen, wie sie sind und warum sie so sind, um zu erkennen, wann man davon abweichen muss.“ Regelbrechen ist der Schlüssel zu Innovation, aber dafür ist Know-how wichtig.

Die menschliche Transformation

Gerhard Thiele würde sich heute sofort in den Flieger setzen, wenn Musk oder Bezos anrufen und ihn um seine Expertise bitten. Der Weltraum hat für ihn nichts von seiner Faszination eingebüßt und er hält Leben in Raumstationen oder auf anderen Planeten eher für eine Frage der Zeit als für eine Frage nach dem Machbaren.

Aber er weiß auch, dass Menschen vor dem Unbekannten Angst haben und fürchten, sie könnten mit Veränderungen nicht Schritt halten. Ganz so, wie man es heute in der öffentlichen Diskussion um künstliche Intelligenz und Automatisierung erlebt.

Der Astronaut Thiele hat hier seine ganz persönliche Erfahrung gemacht, aus der er Hoffnung schöpft: „Ich war 46 Jahre alt, als ich ins All geflogen bin. Mein Körper kannte nur Gravitation. Und innerhalb von drei Tagen wusste ich nur noch theoretisch, dass es Gravitation gibt. Es fühlte sich so an, als wäre der Mensch für Veränderung geschaffen.“

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