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Interview

Digitalisierung des Alltags: „Unsere Eltern haben die Diskussion verpasst, wir müssen sie jetzt führen“

Luna Ali gehört zum Organisationsteam des Fuchsbau Festivals. (Foto: Privat)

Musik, Kunst und Diskurs im Zeichen der Digitalisierung – das verspricht das Fuchsbau-Festival in diesem Jahr. Wir haben mit Luna Ali vom Veranstalter-Team über das spannende Programm gesprochen.

Immer öfter gönnen sich Festivals auch einen Kulturbereich, in dem die Besucher sich abseits dröhnender Musik mit Kunst und Kultur vom Partymachen erholen. Nicht zuletzt aber auch, um dem eigenen Horizont etwas Auslauf zu ermöglichen. In diesem Jahr schickt sich das Fuchsbau-Festival bei Hannover an, sich in dem Zusammenhang mit dem Netz zu befassen. Die Macher des Festivals bieten vom 11. bis 13. August ein Potpourri an digitalen Themen an, die zunehmend unseren Alltag beeinflussen – angefangen bei der Überwachung unserer Geräte über die ökonomisierte Liebe bis hin zur Bundestagswahl.

Wir haben uns mit Luna Ali vom Fuchsbau-Festival genauer über den diesjährigen Schwerpunkt unterhalten und wollten wissen, warum gerade dieses Thema die Veranstalter umtrieben hat. Zudem bekommen wir einen Einblick in das Programm, in dem unter anderem die Frage geklärt wird, warum Facebook eher kontraproduktiv für Fernbeziehungen und warum elektronische Musik zutiefst politisch ist. Wer am kommenden Wochenende noch nichts vorhat, findet in Hannover sicherlich ein spannendes Event.

Auf dem Fuchsbau-Festival wird nicht nur getanzt, sondern auch intensiv und offen diskutiert. (Foto: Isabel Machado Rios)

t3n.de: Liebe Luna, in diesem Jahr widmet sich das Fuchsbau-Festival, quasi ein Musikevent mit angeschlossenem Panel-Bereich, dem Thema der Digitalisierung. Wie kommt es zu diesem aufregenden Themen-Mix?

Luna Ali: Das Ziel war eigentlich immer schon, eine Mischung zwischen Musik, Kultur und Politik zu finden. Abgesehen davon, dass das Fuchsbau-Festival ohne Internet nicht möglich wäre, da unsere halbe, wenn nicht ganze Kommunikation online stattfindet – tatsächlich leben, arbeiten und studieren wir Veranstalter nämlich in unterschiedlichen Städten –, haben wir unsere Smartphones auch so ständig in der Hand. Dass diese Geräte eine Datenbank unserer Erinnerungen, geheimen Notizen, Liebesbotschaften und politischen Einstellungen ist, ist nicht nur beunruhigend, sondern bietet uns Menschen auch großartige Möglichkeiten unser Leben auf die Reihe zu kriegen.

Warum kommt dieser Schwerpunkt gerade jetzt?

Zum einen speichern digitale Helfer unsere Identitäten inzwischen in einem enorm umfassenden Maße. Zum anderen glaube ich aber auch, dass das Thema eine Generationsfrage ist. Gefühlt war es für uns so: Unsere Eltern haben die Diskussion verpasst, wir müssen sie jetzt führen. Sich mit dieser komplexen Problematik sowohl künstlerisch als auch politisch auseinanderzusetzen und andere Menschen zu finden, die es bereits tun, hat uns sehr motiviert.

Personen wie die DJane Holly Herndon. Sie redet darüber, dass ihr Musikinstrument, ein Computer, wahrscheinlich komplett überwacht wird.

Bei Holly Herndon tritt diese Problematik sehr deutlich zutage, ja. Auf dem Festival wird sie darüber sprechen, was es bedeutet, dass ihr Musikinstrument gleichzeitig Speicher für ihre Urlaubsfotos aber auch privaten E-Mails ist. Aus diesen potentiell überwachten Daten baut sie Tracks zusammen. Aber auch andere Musiker und Musikerinnen wie Born In Flamez greifen mit elektronischer Musik politische Themen auf. Born In Flamez definiert sich beispielsweise als post-gender und verfremdet die eigene Stimme mit technischen Hilfsmitteln so, dass Klischees nicht mehr ansetzen.

Wird die Musik mit Elektro und Techno wieder politisch?

Lass mich das mit einem weiteren Panel-Tipp beantworten: Wir haben die Performance „On Confluence“ organisiert. Dort wird die kulturelle Praxis des House Dance gemeinsam mit dem Publikum untersucht. House Dance entstand in den 80er-Jahren innerhalb der lateinamerikanischen und schwarzen Gay-Community in den Clubs von New York und Chicago. Auf der Tanzfläche entstand so ein Kollektiv der Vielen und die Idee, dass die gegenseitige Unterstützung wichtiger sei als die Abgrenzung untereinander. Man müsste also eher fragen, wann war elektronische Musik nicht politisch und warum?

Ihr wollt sowohl positive als auch negative Aspekte der digitalisierten Gesellschaft ablichten. Wie gut ist euch das gelungen?

Ob uns das gelungen ist, kann nur das Publikum sagen. Ich glaube allerdings, dass dem Ganzen nicht nur mit positiv oder negativ beizukommen ist. Daher kann ich auch nicht sagen, ob wir beispielsweise neutral bei der Recherche der Gäste waren. Wir sind bestimmt das Gegenteil von Kulturpessimistinnen. Wir sind in der digitalisierten Welt groß geworden. Sie ist uns nicht fremd. Und daher wirkt sie auf uns auch nicht so angsteinflößend wie auf unsere Eltern. Unsere Auseinandersetzung mit dem Digitalen wird aus einer ganz anderen Perspektive geführt. Wir können nicht mehr so tun, als hätten wir nichts mit dieser Entwicklung zu tun oder dass sie unser Leben nicht beeinflussen würde.

Diese Entwicklung geht ja bis ins Liebesleben hinein. Die Soziologin Eva Illouz, die von der Zeit unter die weltweit zwölf wegweisendsten Intellektuellen gewählt wurde, spricht genau darüber. Wie schonungslos wird es da zugehen?

Eine ihrer Thesen ist zum Beispiel, dass die Prinzipien der Ökonomisierung, die unser Finanzsystem regieren, auch Einzug in unsere Beziehungen eingehalten hätten. Beziehungen würden zu Konsumvergnügen. Durch die Digitalisierung unseres Privatlebens schleiche sich eine weitere komplexe Dimension in unser Liebes- und Sexleben ein. Die Erzählungen von uns, die wir online fabrizieren, würden bei der Partnersuche auf die Realität treffen und zwar nicht nur unsere eigene Erzählungen, sondern auch die der Partner. Auch ihre These zu modernen Fernbeziehungen ist spannend. Facebook mache die keineswegs einfacher, sagt sie, sondern das genaue Gegenteil trete ein: Die scheinbare Erreichbarkeit verkehre sich in eine Unverbindlichkeit.

Musiker und Künstler aus aller Welt kommen im August zum Fuchsbau Festival nach Lehrte. (Foto: Marcel Wogram)

Wie wichtig war es euch, derartige Alltagsprobleme in eurem Programm abzubilden? Während Holy Herndons Thema ja vergleichsweise abstrakt ist, piekt Eva Illouz mitten rein die klaffende Wunde vieler Menschen.

Das war uns sehr wichtig, ein Beispiel ist auch das Kunst-Lab. Der größte Widerspruch mit dem wir umgehen mussten, war, ein Festival über Digitalisierung ohne Internet zu organisieren. Diesen Punkt verhandeln wir in der Kunst, wobei wir unsere Verhaltensweisen im Internet ins analoge Leben übersetzen. Das Lab wurde von Anhängern der abstrakten Internet-Wesenheit „CellY∞“ entworfen, die die Hauptfigur des diesjährigen Kunstprogramms ist. Vorträge, interaktive Workshops zur Regeneration des quantifizierten Ichs, Chatsessions, in denen es um die Rettung der Welt geht, und weitere Programmpunkte beschäftigen sich mit den alltäglichen, auch psychologischen Problemen, die das Internet bereithält.

Während das Smartphone draußen bleibt.

Genau, das alles während sich das Handy im eigens eingerichteten Wellness-Bereich erholen kann. Ich glaube, das Abstrakte ist vom Konkreten kaum zu trennen und manchmal hilft uns die Vermischung dieser Ebenen, die Situation und die Strukturen, in denen wir leben, erst richtig zu verstehen.

Danke für den kleinen Einblick in euer Programm.

Sehr gerne.

Vom 11. bis 13. August 2017 findet bereits das sechste Fuchsbau-Festival statt. In diesem Jahr steht die Digitalisierung im Fokus von Musik, Performances, Lesungen, Filmen, Workshops und Diskussionen. Hier gibt es mehr Informationen zum Programm und zum Ticketverkauf.

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