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Beispiele erfolgreicher Digitalisierung: Dipat – die Patientenverfügung

(Foto: Andrei_R/ Shutterstock)

Es ist immer einfach, zu meckern. Über Unternehmen und Entscheider, die keinen Mut haben, über zögerliches Vorgehen. Schluss damit! Unser Gastautor stellt positive Beispiele der Digitalisierung vor. Dieses Mal: Dipat.

Genug mit der Jammerei! Unser Gastautor Alain Veuve hat genug von der Negativität, mit der der Fortschritt der Digitalisierung hierzulande betrachtet wird. Also rief er auf, ihm positive Beispiele vorzustellen, Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen, und zeigen, dass es sich auszahlt, das Thema mutig und kreativ anzugehen. Wichtig war ihm dabei, dass nicht nur Konzepte und Strategien vorliegen, sondern auch konkrete Dinge umgesetzt wurden. Die Ergebnisse stellen wir nun vor.

Einen nicht unwesentlichen Teil der Digitalisierung übernehmen Startups. Ganz oft – und ich denke, das wird verkannt – ist der Grund, warum es ein Startup gibt, schlicht der, dass ein etabliertes Unternehmen sich zu langsam an das veränderte Userverhalten anpassen kann.

Das schafft eine Nische, die dann von einem Startup-Produkt besetzt wird. Beim heute portraitierten Digitalisierungsprojekt ist das aber nicht der Fall. Es gibt keinen bestehenden, analogen Player, der sich nicht weiterentwickelt. Vielmehr ist es so, dass mithilfe von digitaler Technologie ein Service geschaffen werden kann, der für jeden Menschen nützlich ist.

Eine scheinbar simple Idee

Paul Brandenburg ist kein Unbekannter. Er hat sich als Mediziner in Deutschland mit verschiedenen Auftritten und Publikationen einen Namen gemacht. Als Notarzt erlebte er immer wieder: Für Kliniken zählt auch im Notfall das wirtschaftliche Eigeninteresse oft mehr als der Patient. Patientenverfügungen, die hiergegen eigentlich Schutz bieten sollten, bleiben dabei leider meist wirkungslos. Der Grund: Die Verfügungen sind medizinisch mehrheitlich wirkungslos aufgrund zu ungenauer Formulierungen. Den Patienten fehlte offenkundig das notwendige medizinische Fachwissen oder der entsprechende Expertenrat bei der Erstellung.

2011 hatte Paul Brandenburg eine scheinbar simple Idee: eine intelligente Software, die es für Laien einfach macht, sich selbstständig eine wirksame Patientenverfügung zu erstellen.

Unabhängiges Expertenwissen soll in diesem Programm in Form eines intelligenten Fragebogens bereits enthalten sein. Darüber hinaus soll die KI jedem Nutzer ganz individuell persönliche Entscheidungshilfen auf Basis aktueller Auswertungen wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Verfügung stellen, wie es bisher nur Fachleuten möglich war.

Nach zwei Jahren Arbeit stellt Paul Brandenburg den ersten intelligenten Fragebogen für wirksame Patientenverfügungen fertig. Eine Vorstufe des späteren Dienstes Dipat.

Was einfach schien, erweist sich jedoch nicht nur medizinisch als kompliziert. Es finden sich über viele Monate keine Geldgeber, um den Dienst zur Marktreife weiterzuentwickeln. 2014 ist Brandenburg gezwungen, das Projekt erstmal einzustellen.

Aufgegeben jedoch hat Brandenburg nicht. Im Gegenteil, mit einem Team aus Programmierern, Juristen und Psychologen nahm er einen neuen Anlauf und lanciert „Dipat – Die Patientenverfügung“ im Jahr 2016. Seither hat das Startup mehr als 6.000 Kunden gewinnen können und die Plattform wird laufend erweitert und ausgebaut.

Lösung eines realen Problems

Über 90 Prozent konventioneller Patientenverfügungen sind wirkungslos; sie sind entweder veraltet, unklar formuliert oder in vielen Fällen schlicht unauffindbar.

Dipat löst das Problem, indem es den (potenziellen) Patienten in einfacher und verständlicher Sprache durch einen umfangreichen Fragebogen führt. Die Plattform baut aus diesen strukturierten Antworten eine für Mediziner verständliche und genaue Patientenverfügung. Dadurch, dass die Patientenverfügung auch online sicher vorgehalten wird, ist sie auch dann auffindbar, wenn sie wirklich benötigt wird.

Eine simple Idee bedeutet nicht, dass das Produkt simpel ist

Um den Fragebogen und vor allem die rationale, automatisierte Erstellung der Patientenverfügung (ohne die Mitarbeit eines Arztes) zu erstellen, hat das Team von Dipat eine umfangreiche Technologie entwickelt. Ein entsprechender Algorithmus unterstützt die Plattform. Der Fragebogen selbst ist dann auch nicht linear, sondern passt sich den Antworten des Patienten an. Nur so kann sichergestellt werden, dass auch wirklich alle relevanten Details erfasst werden können.

Digitalisierung in der Gesundheitsbranche

Spricht Brandenburg über die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche, ist ein gewisser Frust nicht überhörbar:

„Unser Land fällt auch in der digitalen Medizin immer weiter hinter seine Möglichkeiten zurück. Mindestens zehn Jahre Entwicklung hat es verpasst – zum Schaden der Patienten. Kein anderer gesellschaftlicher Bereich in Deutschland ist von vergleichbarer Innovationsresistenz wie die Gesundheitsversorgung. Klar ist: Digitalisierung der Medizin darf kein Selbstzweck sein. Sie muss Innovation hervorbringen, die einen messbaren Qualitätsgewinn für den Patienten bedeutet. Dieser Gewinn wird bei Einführung einer Neuerung häufig noch nicht nachweisbar sein. Er muss aber ebenso plausibel wie absehbar sein und in nützlicher Frist belegt werden können. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, sollten gesetzlichen Krankenkassen eine Einführung und Nutzung vorfinanzieren müssen.“

Bemerkenswert

Ich finde die Arbeit von Dipat bemerkenswert, weil Digitalisierung im Gesundheitswesen wichtig ist. Denn schaffen ineffiziente Prozesse beispielsweise in den Steuerverwaltungen einfach hohe Kosten, sorgen ineffiziente Prozesse im Gesundheitswesen immer für eine Verschlechterung der Situation der Patienten. Spricht man mit Leuten aus dem Gesundheitswesen, so meine Erfahrung, hat die große Mehrheit diesen Umstand realisiert, bleibt aber in den vorgegebenen Bahnen.

Dipat respektive die Macher hinter dahinter, stellen hier eine löbliche Ausnahme dar, indem sie den Ball aufgenommen haben und jetzt eine konkrete Lösung für die Patienten zur Verfügung stellen. Einfach ist das beileibe nicht. Denn niemand wartet auf diese Art von Innovation, die das bestehende Business tendenziell reduzieren kann. Das gute Wachstum in einem heiklen Umfeld zeigt aber, das Dipat auf dem richtigen Weg ist.

Die anderen Best Practices findest du hier:

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