Kolumne

Die Antwort auf die Digitalisierung? Deutsches Handwerk!

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Die Folge ist eine tiefsitzende digitale Enttäuschung. Eine Befragung der Bertelsmann Stiftung ergab, dass Arbeit für uns Deutsche nach Familie und Partnerschaft der zweitwichtigste Aspekt eines glücklichen Lebens ist. Zugleich gaben 86 Prozent der Befragten an, dass sie am Arbeitsplatz unter Stress leiden. Und laut Gallup-Studie hat fast jeder Fünfte bereits gekündigt.

Vielen von uns reicht es einfach nicht mehr, ein produktives und erfolgreiches Leben zu führen; wir wollen vor allem auch ein schönes Leben führen, ein sinnerfülltes und auch sinnliches Leben – auch am Arbeitsplatz, nicht nur zu Hause. Gleichzeitig ahnen immer mehr Unternehmen, dass das, was sie in den letzten Jahrzehnt erfolgreich gemacht hat – Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung – in Zukunft nicht mehr genügen wird, um erfolgreich zu bleiben.

Genau da kommt jetzt die Romantik ins Spiel – und das Handwerk. Die Romantik – und ich meine damit die Ideen aus der Geistesbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, nicht das Candlelight-Dinner – betonte zwei Dimensionen unseres Menschseins, die uns einzigartig, das heißt, nicht automatisierbar machen: Einfühlungsvermögen und innerer Antrieb. Das Handwerk verkörpert beide Qualitäten und verbindet Leidenschaft mit Sinnhaftigkeit, sowie idealerweise mit dem Gefühl, die Berufung zum Beruf gemacht zu haben. Es besitzt Grundqualitäten, die auch für andere Berufe immer wichtiger werden, in denen Menschen noch eine Rolle spielen sollen: die Einzigartigkeit des Geschaffenen sowie eine intime, unmittelbare Beziehung zwischen Mensch und gefertigtem Objekt.

Wenn wir diese neue Romantik im Herzen der Wirtschaft platzieren, dann profitieren wir auch wirtschaftlich: Menschengerechte Arbeit macht glücklicher, und glückliche, von innen heraus motivierte Mitarbeiter sind produktiver und innovativer. Zudem zahlen sich auch emotional gebundene Kunden für ein Unternehmen aus: Menschen wollen den Kontakt mit anderen Menschen, und wenn andere nur maximieren und optimieren, dann ragen jene Marken heraus, die genau dies ermöglichen. Und schließlich geht es um Innovation: Die können Maschinen noch nicht, sondern nur Menschen. Und zwar nur Menschen, die die Welt nicht so sehen, wie sie ist, sondern, wie sie sein könnte: Menschen mit Einfühlungsvermögen, starkem inneren Antrieb und Fantasie. Mit anderen Worten: Romantiker.

Genau deswegen bietet uns das Handwerk wichtige Fingerzeige, was die Zukunft der Arbeit insgesamt betrifft. In einer Zeit, in der alles Prozessorientierte, Effizienzgetriebene von Maschinen noch effizienter erledigt werden kann, wird die wichtigste menschliche Arbeit die sein, die schön gemacht werden muss – mit Einfühlungsvermögen und aus innerem Antrieb, mit Herz und Hingabe und Werten.

Nicht-materielle Faktoren immer wichtiger

„Etwas selbst dann richtig zu tun, wenn man vielleicht gar nichts dafür bekommt, das ist wahrer Handwerksgeist. Und wie ich meine, vermag nur solch ein uneigennütziges Gefühl des Engagements und der Verpflichtung die Menschen emotional zu erheben“, so hat es der US-Soziologe Richard Sennett einmal formuliert.

Diese nicht-materiellen Faktoren werden gerade bei den Millennials und der nachfolgenden Generation Z immer wichtiger. In einer jüngsten Deloitte-Studie gaben 90 Prozent der befragten Millennials in Deutschland an, am stärksten von der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit motiviert zu sein. Übrigens bedeutet dies nicht nur Selbstverwirklichung. Der Psychologe Abraham Maslow hat seine berühmte Bedürfnispyramide 1970, kurz vor seinem Tod, nochmals erweitert und eine Ebene über die Selbstverwirklichung eingezogen: Transzendenz, das Gefühl zu etwas beizutragen, das größer ist als man selbst.

Auch sind Sinnhaftigkeit und Leidenschaft nicht immer dasselbe. Ein kurz vor dem Ruhestand stehender, hochrangiger Manager einer großen deutschen Bank hat mir einmal gebeichtet, dass er zwar immer leidenschaftlich gerne Banker war, aber dass er nun auf der Zielgeraden seiner Karriere bereue, nichts wirklich geschaffen zu haben, nichts wirklich zu hinterlassen, das ihn überlebe. Umgekehrt kann es aber auch sein, dass Menschen etwas gefühlt sehr Sinnhaftes tun, indem sie beispielsweise für Greenpeace oder Amnesty International arbeiten, aber ihr Büroalltag völlig leidenschaftslos verläuft. Das ist das Schöne am Handwerk – dass sich hier im Idealfall Sinnhaftigkeit und Leidenschaftlichkeit decken.

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