Kolumne

Die Antwort auf die Digitalisierung? Deutsches Handwerk!

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Das Handwerk versucht mit dieser Werthaftigkeit der Arbeit auch die wachsende Lohnschere zur Industrie zu kompensieren. Brand Eins hat jüngst die Geschichte von Bürsten Nickles erzählt, einem kleinen Familienunternehmen in Bamberg. Inhaber Kilian Schumm hat seinen IT-Job an den Nagel gehängt, um das sterbende Geschäft seiner Großeltern wieder aufleben zu lassen.

Ähnlich getrieben von einem besonderen Ethos sind Kumpel & Keule, die unter anderem in der hippen Berliner Markthalle Neun mit der Mission am Start sind, „dem Fleisch und dem Handwerk die Würde zurückzugeben“ oder auch Stitch by Stitch, eine Organisation, die aus Syrien geflüchteten Schneiderinnen eine neue Aufgabe gibt und damit zuletzt den Frankfurter Gründerpreis gewann.

Oder eben Mittelständler wie der Feinstpapierhersteller Gmund, der an der Schwelle zwischen Handwerksbetrieb und Industrie angesiedelt ist, sich aber die Romantik des Handwerks bewahrt hat: Vorstellungsgespräche finden in der Papierfabrik am Tegernsee statt. Die Möglichkeit, das Papier anzufassen und die Geschichte des Unternehmens hautnah zu erleben, so ein Mitarbeiter, locke immer wieder Bewerber zu Gmund, auch wenn andere Arbeitgeber eventuell mehr zahlen. Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit kommen hier im Bestreben zusammen, dieser Welt etwas mehr Schönheit zu stiften.

Mit Herz und Hand etwas Einzigartiges zu schaffen, leistet so schnell keine Maschine

Handwerksbetriebe haben den Vorteil, dass die Entscheidungswege kürzer sind als bei großen Konzernen. Das kommt ihnen beim rasanten Tempo der Digitalisierung entgegen. Auf der anderen Seite steht die Tradition in familiengeführten Firmen oft schnellen Entscheidungen und Experimenten entgegen.

Wenn man sich die vier Ebenen des digitalen Zeitalters – Digitalisierung, Dezentralisierung, Demonetarisierung, Disruption – anschaut, so steht das Handwerk stellvertretend für andere Berufsgruppen in Deutschland. Viele Unternehmen sind noch mittendrin in Phase eins und lediglich dabei, ihre Herstellungs- und Abrechnungsprozesse zu automatisieren. 58 Prozent der Handwerksbetriebe setzen laut einer gemeinschaftlichen Studie des Zentralverbands des deutschen Handwerks und des IT-Verbandes Bitkom Software-Lösungen für die Steuerung ihrer betrieblichen Abläufe ein. Ein Viertel nutzt digitale Technologien zur Herstellung von Ersatzteilen oder als Tracking-Systeme für Maschinen und Werkstoffe.

Die große Chance liegt nun darin, digitale Technologien auch im Frontend, also beispielsweise in der Kundenerfahrung, einzusetzen. Techniken wie Design Thinking können helfen, die sogenannte Customer-Experience-Journey zu verstehen und jene Momente zu identifzieren, die für den Kunden wirklich wichtig sind. Beim Handel lautet das Zauberwort hier „Omnichannel“, die kanalübergreifende Ansprache und Begleitung des Kunden. Für das Handwerk sollte Bequemlichkeit alleine jedoch nicht das höchste Gut darstellen, sondern Charakter. Trotz immer smarterer Datenprofile muss die Customer-Experience persönlich sein, nicht personalisiert.

Darüber hinaus sind natürlich neue Geschäftsmodelle ein Thema, insbesondere Plattform-Modelle, sprich E-Commerce oder eventuell auch Partnerschaften mit anderen Industriezweigen oder großen Handelsketten. Bislang hat aber erst jeder fünfte Handwerksbetrieb eine Partnerschaft mit Unternehmen aus der Digitalwirtschaft geschlossen.

Eine neue Generation an Handwerkern geht voran. Die Berliner Handwerkervermittlungsplattform Homebell schloss gerade eine elf Millionen Euro starke Finanzierungsrunde ab. Der Dortmunder Mirco Grübel baut mit Myster.de eine Firma auf, die sich auf Böden und Wände fokussiert und sich als Plattform für Kunden, Handwerker und Produzenten positioniert. Stegimondo hat sich sich als Online-Dachdecker etabliert und bietet seinen Nutzern vom Angebot bis hin zur Baubetreuung einen umfassenden Service.

Das Handwerk ist gut beraten, diese Plattformstrategien mit voller Kraft weiterzuverfolgen, um somit Amazon und anderen lauernden Plattformgiganten zuvorzukommen. Gerade für Handwerker, die so stolz auf ihr Tun sind, gilt: Digitalisierung ist eine radikal neue Form des Denkens. Allerdings werden Convenience und Effizienz dabei alleine nicht ausreichen. Die Digitalisierung des Handwerks kann Vorbildcharakter haben, weil sie auf extreme Art und Weise den Spagat der gesamten deutschen Wirtschaft illustriert: zwischen Tradition und Disruption, zwischen Werten und Wandel. Handwerk bleibt Herzensache und es ist genau diese Qualität, mit der es uns hinsichtlich einer humanen Zukunft der Arbeit inspieren kann. Mit Herz und Hand etwas Einzigartiges schaffen – ein Unikat –, das leistet so schnell keine Maschine.

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