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Digitalisierung ja – aber doch nicht mit der Brechstange

(Foto: Shutterstock)

Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto klarer wird: Sie kann und darf nicht um jeden Preis stattfinden. Für viele Unternehmen ist das ein Dilemma. Wie können sie es auflösen?

Nur der verantwortungsvolle Umgang mit Digitaltechnologien und Daten garantiert den Erfolg der Digitalisierung. Das stellt Unternehmen vor ein grundlegendes Dilemma: Das technologisch Machbare muss mit dem verantwortlich und ethisch Vertretbaren ausbalanciert werden. Die Frage lautet zunehmend „Wie weit sollen wir gehen?“ oder „Sollten wir überhaupt?“. Denn Technologie per se setzt dem Machbaren kaum noch Grenzen. Während die digitale und reale Welt immer weiter zusammenwachsen, entstehen Spannungsfelder, die es auszubalancieren gilt.

4 Kräfte im Spannungsfeld

Vier Kräfte wirken im Spannungsfeld zwischen digitaler und realer Welt: Erkenntnisse, Trägheit, Ungleichheit und Ideale. Diese Kräfte interagieren miteinander und spielen eine wichtige Rolle für die Entstehung digitaler Dilemmata.

Erkenntnisse

Daten zu sammeln, sie auszuwerten und daraus Erkenntnisse zu ziehen, ist heute Grundlage und Herzstück des Geschäftserfolgs. Das verbessert zum Beispiel das Kundenerlebnis und ermöglicht gezielte Werbung. In der Medizintechnik können durch den Erkenntnisgewinn aus Massendaten sogar Leben gerettet werden. Das sind nur zwei Beispiele. Mit der zunehmenden Vernetzung im Internet der Dinge scheinen die Möglichkeiten, wie man von Daten profitieren kann, fast grenzenlos.

Trägheit

Die Trägheit der bestehenden Geschäftsmodelle und Strukturen steht häufig der Veränderung und Transformation im Wege. Die reale Welt kann oder will oft nicht Schritt halten mit der enormen Geschwindigkeit der Veränderung in der digitalen Welt. Ein Beispiel: Wer IoT-Datenströme auswerten will, muss auch Fragen nach Datenbesitz und Privatsphäre berücksichtigen und wird dadurch häufig im Erkenntnisgewinn ausgebremst. Trägheit in diesem Kontext ist also durch Regularien und die gesellschaftliche Meinung bedingt. Sie kann aber auch durch technische oder strukturelle Gegebenheiten entstehen, wie etwa durch die wachsende Herausforderung bei ständiger technologischer Anpassung. Bei allen Digitalisierungsentscheidungen müssen Unternehmen abwägen: Was ist ein angemessener Grad an Trägheit? Kann ich sie überwinden oder sollte ich ihr lieber nachgeben?

Ungleichheit

Theoretisch und praktisch sorgt die Digitalisierung für mehr Gleichheit und Transparenz: Schließlich ermöglicht das Internet allen Benutzern gleichermaßen Zugang zu einem globalen Schatz an Wissen und Information. Startups mit knappen Ressourcen können heute mit den größten Konzernen in Konkurrenz treten, indem sie disruptive Geschäftsideen entwickeln und über das Internet etablieren.

Statt vermeintlich gleicher Chancen gilt jedoch immer mehr: Wer Kontrolle über Daten hat, hat auch die Macht. Dadurch entstehen Monopole, die neben der Geschäftswelt auch Regierungen und Gesellschaften beeinflussen. Auch im Hinblick auf die Zukunft der Arbeit schafft die Digitalisierung Ungleichheit. Auf der einen Seite verlieren Menschen ihre Jobs aufgrund der zunehmenden Automatisierung. Auf der anderen Seite werden IT- und Datenspezialisten gesucht. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie viel Ungleichheit wollen wir durch die Digitalisierung in Kauf nehmen, und wie lässt sie sich vermeiden?

Ideale

Ideale bilden Grenzen für das, was akzeptabel ist. Mit ihrer Hilfe können die Spannungsfelder Erkenntnisse, Trägheit und Ungleichheit ausbalanciert werden. Wird die Grenze in einem Spannungsfeld überschritten, geraten auch die anderen Spannungsfelder aus dem Gleichgewicht, denn sie sind eng miteinander verbunden. Zum Beispiel kann eine unverhältnismäßige Ausbeutung von Daten vom Erkenntnisgewinn zum Gefühl der Ohnmacht führen und damit zu Trägheit oder Widerstand gegen bestimmte Geschäftsmodelle, die auf Daten basieren. So sind wir heute nicht mehr immer bereit, mit unseren Daten für kostenlose Services im Internet zu zahlen, und auch werbefinanzierte Geschäftsmodelle stoßen mittlerweile an ihre Grenzen.

Tipps zum Umgang mit digitalen Dilemmata

Unternehmen sollten digitale Dilemmata nicht als etwas Negatives betrachten, sondern als Chance, überzeugende Werte zu entwickeln. Die folgenden Empfehlungen können dabei helfen.

  • Eine adaptive Geschäftsstrategie entwickeln
    Wie Individuen oder die Gesellschaft neue Technologien aufnehmen, ist nicht immer vorhersehbar und manchmal auch irrational. Unternehmen brauchen deshalb eine adaptive Geschäftsstrategie, mit der sie auf Ungewissheit reagieren oder diese beeinflussen können. Der Kundennutzen und Mehrwert sollten mehr denn je in den Mittelpunkt aller Betrachtungen und Veränderungen gestellt werden. Jede Quelle für direktes oder indirektes Kunden-Feedback sollte genutzt oder ausgeschöpft werden.
  • Einen Digital-Business-Continuum-Ansatz verfolgen
    Die technischen Möglichkeiten werden sich schneller entwickeln, als Unternehmen mit ihren Transformationsprogrammen mithalten können. Das erfordert einen neuen Ansatz: Digital Business Continuum. Das heißt, Unternehmen sollten ihre digitale Transformation als dauerhaftes Mittel für Veränderungen und Innovationen betrachten.
  • Lebenslanges Lernen und neue Arbeitsweisen unterstützen
    Die digitale Transformation fordert von Mitarbeitern, dass sie kontinuierlich dazulernen und sich den Umgang mit neuen Tools, Prozessen und organisatorischen Strukturen aneignen. Unternehmen sind in der Pflicht, ihre Mitarbeiter beim technologischen Wandel in die neue Arbeitswelt mitzunehmen und zu fördern.
  • Robotik, Automatisierung und KI mit Rücksicht auf den Menschen nutzen
    Unternehmen müssen die Möglichkeiten der neuen Technologien ausschöpfen. Dabei dürfen sie aber die Kultur, Erfahrung und Expertise der Belegschaft nicht außer Acht lassen, sondern müssen diese respektieren. Trotz Robotik, Automatisierung und künstlicher Intelligenz: Der Faktor Mensch und die menschliche Perspektive bleiben äußerst wichtig. Sonst kommt es zur Spaltung und Ungleichheit, wodurch letztlich Ideale, Werte und Geschäftsmöglichkeiten gleichermaßen auf dem Spiel stehen.
  • Ökosysteme auf kollaborativen Business-Plattformen etablieren
    Durch die Verwendung des Digital-Twin-Konzepts und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Simulation und Analyse gewinnen wir immer reichere Erkenntnisse über die reale Welt. Unternehmen sollten sich bemühen, gemeinsam Werte in Ökosystemen auf kollaborativen Business-Plattformen zu schaffen.
  • Ein Konzept für die digitale Verantwortung
    Dort legen Unternehmen die Ideale, Werte und Grenzen fest, nach denen sie neue digitale Technologien adaptieren und einsetzen möchten. Dabei gilt es, die Fragen „könnten wir?“ und „sollten wir?“ immer Hand in Hand zu beantworten.

Fazit

Unternehmen müssen verstehen, welche Spannungsfelder zwischen der realen und der digitalen Welt herrschen und wie sich diese ausbalancieren lassen. Dafür sollten sie ein Konzept der digitalen Verantwortung etablieren, in dem sie ihre Werte definieren und Grenzen festlegen. Ziel ist es, neue Technologien so einzusetzen, dass sie ein ethisch vertretbares, faires und transparentes Geschäft ermöglichen – ohne Grenzen zu überschreiten.

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Dein t3n-Team

2 Kommentare
Thorsten Eidenmüller

Hallo zusammen,

ich möchte noch hinzufügen, dass Trägheit im Internet auch ein Indikator für Glaubwürdigkeit sein kann. Denn eine gewisse Trägheit spricht dafür, dass ein Auftrag von einem echten Menschen bearbeitet wird und nicht nur einen Rechner durchläuft. Das wiederum zeigt den Kunden, dass man noch Zeit und Arbeit in diesen investiert und die Dienstleistung o.ä. durch diese auch einen echten Wert hat und nicht einfach so unendlich oft kopiert werden kann.

Grüße,
Thorsten

Antworten
Rud Me
Rud Me

Es ist nur eine Frage der Zeit wann die dümmsten Glieder des Populus, Politiker und allgemeine Bürokraten aus der Wirtschaft endlich bemerken was für ein endloses Fass ohne Boden der ganze Techno (IT) Wahn wirklich ist!
Ab dann wird eh Schluss sein mit Mega-Einnahmen für IT Konzerne mit all ihren Versprechungen.
Die Anschaffungskosten für den ganzen Techno Schrott mögen noch günstiger sein als die 100 Arbeitsplätze welche damit ersetzt werden – aber, die laufenden Kosten für Strom, ewig neue Updates von software un hardware und backups und die ganze Verkabelung resp. Vernetzung hört nie auf und wird nie billiger – dagegen ist menschliche Arbeitskraft (nicht zu vergessen Intelligenz) einfacher kalkulierbar und vermutlich eben langfristig guenstiger.
Wie sagte doch ein weiser Philosophe kürzlich online „Kick a robo butt today“!!

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