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Feature

Es ist noch nicht zu spät, Amazon zu schlagen

Internetkritiker und Buchautor Andrew Keen. (Foto: © Jens Panduro)

30 Jahre nach Erfindung des Internets lebt die Menschheit in einer von wenigen US-Konzernen dominierten Technokratie, glauben die Veranstalter der Digitalkonferenz Next in Hamburg. Vor allem an Amazon reibt sich die Szene auf – und sucht nach Auswegen.

Hätte sich Amazon-Chef Jeff Bezos am Donnerstag auf die Reeperbahn verirrt, er wäre ein ungebetener Gast gewesen. Die Besucher der Digitalkonferenz Next, die bis Freitag auf der berühmten Rotlichtmeile in Hamburg stattfindet, sind besorgter denn je angesichts der immer größer werdenden Abhängigkeit von den Technologien einiger weniger US-Konzerne. Gemeint sind Google, Apple, Facebook und natürlich Amazon. Erst vor wenigen Wochen hat der E-Commerce-Gigant den Börsenwert von einer Billion Dollar erreicht. In Fachkreisen spricht man schon lange vom Quasi-Monopol.

Die Suche nach Auswegen bestimmt deshalb auch das diesjährige Motto („Digital Fix – Fix Digital“) der Konferenz. Die digitale Realität ist kaputt, sie muss repariert werden. „Wir wollen humane Produkte und Services entwickeln, um der Technokratie der GAFA-Konzerne etwas entgegenzusetzen. Nicht allein das technisch Machbare ist der Maßstab, sondern ob eine digitale Innovation dem Menschen wirklich dient“, sagt Matthias Schrader, Next-Gründer und Chef der Digitalagentur Sinnerschrader.

Andrew Keen hat eine Antwort auf Amazon

Vor allem Amazon galt am Eröffnungstag als der Inbegriff des Bösen. Internetkritiker und Silicon-Valley-Unternehmer Andrew Keen beispielsweise sieht in dem weltweit größten Onlinehändler den Todbringer der modernen Arbeitswelt. Amazon, inzwischen führend auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, schaffe keine Jobs, sondern „zerstöre“ sie. Und: „Künstliche Intelligenz wird bald noch viel mehr von ihnen zerstören. Die meisten von uns werden große Schmerzen erleben, ähnlich wie die Schmerzen in der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert“, sagt Keen.

Andrew Keen auf der Digitalkonferenz Next in Hamburg. (Foto: © Next18)

Der 58-Jährige war während des Dotcom-Booms gegen Ende der 90er Jahre mit einem Startup gescheitert. Seitdem wettert er mit Kampfschriften gegen profitgierige Tech-Milliardäre, die sich um alles kümmerten, nur nicht um die Welt außerhalb ihrer Konzernmauern. Auch Keens neues Buch („How to fix the future“) beschäftigt sich mit diesem Thema. Anders als in der Vergangenheit ist Keen in Hamburg aber sichtlich bemüht, konstruktive Lösungsvorschläge zu machen. Auch wenn das keineswegs leicht sei: „Es gibt keine App oder Firma, die das repariert“, sagt der Amerikaner.

Andrew Keen fordert stattdessen zuerst eine stärkere Regulierung der Tech-Konzerne. Europa sieht er dabei als Vorreiter. „Heute leitet Europa eine Monopoluntersuchung gegen Amazon ein. Der Amerikaner hat nichts dergleichen“, sagt Keen. Barack Obama habe im Dienste des Silicon Valley gestanden, eine amerikanische Version der Datenschutzgrundverordnung gebe es nicht.

Erst diese Haltung habe die Googles und Amazons dieser Welt so mächtig werden lassen. Die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen in Europa sei deshalb wichtig, um neue Innovationen zu ermöglichen. Schon vor 200 Jahren habe das ausgezeichnet funktioniert, behauptet Keen. „Hätte es während der industriellen Revolution keine Regulierungen gegeben, würden wir noch heute bei jedem Spaziergang vergiftet werden. Elfjährige würden noch immer in Fabriken arbeiten.“

Damit die Innovationen entstehen können, müssten Unternehmen die Wünsche ihrer Nutzer aber auch in den Mittelpunkt stellen. Keen verweist auf das Beispiel der US-Automobilindustrie, die früher „Todesfallen auf Rädern“ herstellte, und später von japanischen und deutschen Herstellern überholt wurde. Das deutsche Reengineering-Knowhow kann sehr wertvoll sein, drückte es Keen aus. Außerdem rief der Autor zu mehr digitalen Widerstand auf. Aktionen wie #deletefacebook oder die öffentlichen Proteste gegen die Lohnpolitik von Uber dürften keine Randerscheinung bleiben.

Amazon hat noch lange nicht gewonnen

Einer, der sich als Unternehmer gegen Tech-Monopolisten stellt, ist Marco Börries. Der Erfinder von Open Office hat mit Enfore eine neue Firma gegründet, die lokale Einzelhändler über ein digitales Kassensystem wieder wettbewerbsfähig machen will.

Enfore-Gründer Marco Börries auf der Next-Konferenz in Hamburg. (Foto: © nextconf.eu)

Auch Börries ledert in seiner halbstündigen Keynote auf der Next-Konferenz mehrmals gegen Amazon. Er zitiert Zahlen, wonach der Konzern in den USA bereits knapp die Hälfte aller E-Commerce-Umsätze für sich beansprucht. „Amazon dominiert den E-Commerce, indem sie uns ausquetschen wie kleine Jungs“, sagt er. Zwar lasse der Konzern mit seinem Marktplatz auch kleine Händler am Onlinehandel teilhaben. „Aber zu einem Preis, der weitaus höher ist, als sie ihn sich leisten können“, so Börries.

Für den 50-Jährigen ist Amazon aber noch nicht unverwundbar. Im Gegenteil: Gerade einmal 20 Prozent der weltweiten Handelsumsätze werden laut Börries heute über das Internet erwirtschaftet. Die alles entscheidende Frage: Wer bringt die restlichen 80 Prozent des Handels ans Netz? Börries sieht hier große Chancen für neue Anbieter, weil ein Großteil der noch nicht vom E-Commerce erschlossenen Händler ein stationäres Ladengeschäft betreibt. „Ich wäre sehr traurig, wenn ich eine Amazon-Software nutzen müsste, um in der Stadt einzukaufen“, sagt er.

Darum arbeitet Börries mit Enfore bereits an einer Amazon-unabhängigen Lösung für den Einzelhandel. Die Rede ist von bis zu 200 Millionen Kunden, die der Unternehmer in den kommenden Jahren für sich gewinnen will. Was er allerdings nicht erwähnt: Auf Amazon sind gerade einmal fünf Millionen Händler registriert.  Börries könnte also selbst eine zentralisierte Plattform erschaffen, die im Erfolgsfall noch viel größer ist als die von Amazon. Und das würde auch Internetkritiker Andrew Keen nicht wollen.

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