Interview

Digitalstrom-CEO: „Ein Smarthome, bei dem wir alles per App steuern, kommt nie“

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Aber ist es nicht schwierig heute zu entscheiden, welche Technologie ich einbaue, die auch in 30 Jahren noch aktuell ist?

Nein. Ein IP-Netz auf verkabelter Basis und das Stromnetz sind eine langlebige Basis: Damit macht man als Kunde erstmal nichts verkehrt. Wenn wir vom IP-Netz sprechen – also dem Internetprotokoll –, dann meinen wir das der 60er und 70er Jahre. Die Öffnung des Internets für die Allgemeinheit war 1984. Wie wir wissen, halten das manche in Deutschland immer noch für Neuland – aber das ist es nicht. Auf einen Zeitraum von 20 Jahren gesehen sage ich: Mit einer IP-vernetzten Heizung macht man nichts verkehrt. Eine per WLAN vernetzte Heizung ist da schon schwieriger. Bei einer Funkverbindung hat man immer das Thema Sicherheit und Verschlüsselung.

Wobei man das Thema IT-Sicherheit auch bei einer mit dem Internet verbundenen Heizung ohne Funkverbindung nicht ausklammern kann …

Da müsste erstmal jemand in die Leitung kommen. Die Verschlüsselung macht man dann auf der Ebene der Anwendung, nicht im Protokoll. Aber nehmen wir an, jemand hätte vor 20 Jahren Heizungen mit WLAN gebaut – die wären noch WEP-verschlüsselt, heute bräuchte man WPA.

Aber selbst bei einer per Ethernet verbundene Heizung ist ja die Idee, dass sie von außen erreichbar ist – also über das Internet. Das ist prinzipiell also von außen angreifbar.

Genau, es müssen eben Schutzmechanismen im Haus aufgebaut werden wie zum Beispiel ein Router mit Deep-Package-Inspection, der den Traffic beobachtet. Man kann über die Netzwerktechnik schon relativ gut Schutz aufbauen, der nicht im Gerät ist. Und wenn ich die Heizung updatefähig mache, komme ich auch relativ weit.

„Wenn wir über Digitalisierung dafür sorgen können, dass das Risiko minimiert wird, dann haben wir der Menschheit etwas Gutes getan.“

Wie realistisch ist denn das Horrorszenario: Ein Krimineller hackt sich in die Heizung, stellt sie auf Sauna-Temperatur und verlangt vom Besitzer, dass er einen Bitcoin überweist, um sie wieder freizugeben?

So wahrscheinlich wie allgemein Cyberkriminalität oder EC-Karten-Betrug. Aber das eigentliche Horrorszenario ist doch, dass 800 Menschen in der Wohnung verbrennen, weil sie keine vernetzten Rauchmelder haben. Wenn heute jemand die Herdplatte erfinden würde, würde diese Erfindung sicher nicht zugelassen. Wenn du heute zum Patentamt gehst und sagst „Ich habe eine ganz tolle Idee: so eine heiße offene Platte, mit der man super Essen warm machen kann, aber es können auch Kinder drauf fassen“, würde jeder sagen: „Vergiss es!“ Aber weil sie sozusagen die Alternative zum offenen Feuer war, ist die Herdplatte bis heute akzeptiert. Immer wieder passieren schlimmste Verletzungen und Unfälle – und trotzdem akzeptieren wir das. Wenn wir aber über Digitalisierung dafür sorgen können, dass das Risiko hier minimiert wird, dann haben wir der Menschheit etwas Gutes getan. Das sehe ich ähnlich wie bei Kreditkarten: Das eigentliche Horrorszenario ist das Beispiel vom Taxifahrer, der wegen Bargeld umgebracht wird. Kein Taxifahrer wurde je wegen eines Kartenlesegeräts umgebracht. Aber natürlich gibt es Kreditkartenbetrug. Das Risiko, das Kreditkarten mit sich bringen, ist vorhanden – aber es ist kleiner als die negativen Auswirkungen, die Bargeld mit sich bringt. Wenn mich jemand überfällt, kann er davon ausgehen, dass ich kaum Bargeld bei mir habe. Das senkt das Risiko, überfallen zu werden.

Gut, aber vernetzte Feuermelder kann man ja auch einbauen, ohne gleich das ganze Haus zu vernetzen. Sie sind ja inzwischen sogar Pflicht. Aber warum sollte ich das Risiko eingehen, meine Heizung zu vernetzen? Tausche ich da nicht ein bisschen Bequemlichkeit gegen ein höheres Risiko?

Du hast Zugriff auf Wetterinformationen, Vorhersagen, Hagelwarnungen – das geht alles nicht lokal, dann ist es zu spät.

Im Oktober 2016 gab es ja einen groß angelegten DDoS-Angriff auf alle möglichen Internet-Dienste – befeuert durch die Massen von mit dem Internet verbundenen IoT-Geräten: chinesische Webcams, Billigware oft mit Software, die nicht updatefähig war. Wird dieses Problem durch Smarthome nicht noch verschärft?

Ja, so wie Verkehrsprobleme durch mehr Autos vergrößert wurden. Aber wir bieten eben auch den Teil der Infrastruktur an, der für mehr Sicherheit sorgt. Die Bedrohung kommt von innen. Ich muss also schauen, ob sich Geräte anormal verhalten.

Es geht also um den Router und eine Firewall zwischen Smarthome-Geräten und dem Internet?

Ja, die Software kennt die Profile von Geräten und wenn eine Dusche auf einmal im Sekundentakt irgendeine Website aufruft, ist das nicht normal und dann wird die erstmal geblockt. Wir arbeiten an dem Prozess mit den Herstellern der Geräte, was dann weiter passieren soll – wie der Kunde dann zum Beispiel mit einem Update versorgt wird. Das wird der Weg sein, den wir gehen müssen, so wie wir beim Auto eben nach und nach ABS, Airbag und so weiter eingebaut haben. In den 70er Jahren hatten wir 22.000 Tote im Straßenverkehr – das war dann gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel. Deshalb gab es extreme Anstrengungen der Automobilbranche. Heute ist es gefährlicher, zu Hause zu sein als Auto zu fahren. Und heute diskutieren wir über Hackerangriffe und stehen dabei auf irgendeinem Drehstuhl in Schlappen und putzen das Fenster von außen. Das ist einfach keine realitätsbezogene Bedrohungswahrnehmung.

Aber es ist doch schon etwas merkwürdig: Für alles, was wir heute kaufen können, gibt es Sicherheitsstandards. Aber ein IT-Hersteller darf eine Webcam verkaufen, bei der sich das Passwort nicht ändern lässt …

Ja, weil das alles relativ neu ist. 1910 wurde auch noch kein Bremsenhersteller in Haftung genommen, weil irgendwo ein Auto die Böschung runtergefahren ist. Aber das wird sicher kommen. So wie man heute beim Haus verpflichtet ist, einen FI-Schutzschalter einzubauen.

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