Interview

Digitalstrom-CEO: „Ein Smarthome, bei dem wir alles per App steuern, kommt nie“

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Gerade bei den Deutschen kann ich mir gut vorstellen, dass viele sagen: Gut, den vernetzten Rauchmelder nehme ich – aber die Heizung muss ich jetzt nicht ans Internet bringen.

Da muss ich sagen: Da stehen 80 Millionen gegen Milliarden, die dies tun werden.

Ihr schaut als Digitalstrom eher auf den weltweiten Markt als auf Deutschland?

Ja, das tun wir. In China gibt es mit Wechat eine extrem spannende Entwicklung – und das in einem totalitären Staat. Trotzdem nutzen dort alle Wechat zum Bezahlen und akzeptieren eine gewisse Datenmonopolisierung. Die Chinesen machen fast alles über Wechat und Alibaba Pay, weil sie darin Vorteile sehen. Die ewigen Kritiker schauen oft aus einer Perspektive auf die Digitalisierung der Dinge, bei der sie in der analogen Situation eine in ihren Augen sehr gute Versorgung haben. Sie leben häufig nicht in einem Umfeld, in dem die elektronische Absicherung des Hauses sinnvoll ist, sie haben Zugriff auf gute Ärzte, weil sie in einer großen Stadt wohnen. Man muss nur nach Mecklenburg-Vorpommern gehen und schon ist die Diskussion um das Thema Videochat mit Ärzten eine ganz andere. Wer mit hohem Herzinfarktrisiko auf dem Land lebt und über eine Stunde bis zum nächsten Arzt fahren muss, erlebt es als extrem sinnvoll, wenn ein Herzinfarkt automatisch erkannt und gemeldet wird – oder noch besser durch Software erkannt wird, bevor er auftritt. Auch diese Perspektiven müssen in der Gesamtdiskussion berücksichtigt werden – nicht nur immer alle Stimmen der optimalen analogen Situation in einer Großstadt.

„China hat die Direktive ausgegeben, beim Thema künstliche Intelligenz führend werden zu wollen – und das wird jetzt auf allen Ebenen staatlich verordnet durchgezogen.“

Die Vorteile sind klar ersichtlich. Aber jetzt noch mal zurück zu der Heizung …

Ja, da geht es zum Beispiel um das Thema Energieoptimierung. Warm haben wir es schon heute. Aber schauen wir uns wieder Länder wie China an, die gar keine andere Wahl haben als Energie einzusparen. Was wir uns heute leisten, ist historischer Luxus. Wenn die ganze Welt den Anspruch hat, auf unseren westlichen Lebensstandard zu kommen, dann brauchen wir extrem intelligente, vernetzte Systeme, um dies zu ermöglichen – sonst steht die Welt vor dem Kollaps. Bis zu der Zeit, wenn wir komplett auf erneuerbare Energien setzen und das kein Thema ist, müssen wir auf Energieeinsparungen setzen. Das gilt auch für das Thema Elektromobilität. Natürlich kann sich Deutschland leisten, die kommenden 50 Jahre ganz normal weiter Auto zu fahren. Aber in China geht das nicht. Wenn man in Peking was anderes als Smog sieht, ist das ein guter Tag. Die Fragen, die wir uns in Deutschland stellen, die stellen sich diese Regierungen gar nicht. Es gibt dort keine Alternative.

Und in China seid ihr auch aktiv?

Ja.

Wie sieht die Umsatzverteilung aus? Wie viel ist Deutschland, wie viel macht das europäische Ausland aus und wie viel China?

Wir veröffentlichen keine Zahlen. Wir haben mit dem Geschäft in China gerade erst begonnen. China ist ein ganz anderer Markt. In Deutschland verkaufen wir Digitalstrom in Einfamilienhäuser und in bestehende Objekte, in China geht es um Mehrfamilienhäuser und Neubauten. Und wir reden von asiatischen Megacities wie Istanbul, Ankara, Shanghai, Kuala Lumpur, Dubai, Abu Dhabi. Wenn es um die Digitalisierung von Gebäuden geht, ist man dort viel weiter. In China gibt es dazu auch staatliche Vorgaben. Das Land hat die Direktive ausgegeben, beim Thema künstliche Intelligenz führend werden zu wollen – und das wird jetzt auf allen Ebenen staatlich verordnet durchgezogen. Und wie bekommt man das hin? Nur wenn alles vernetzt ist.

… und man damit an die Daten kommt.

Künstliche Intelligenz  muss trainiert werden. Die Nutzung der Vorteile von KI funktioniert nur in vernetzten Umgebungen. Natürlich kann man KI-Modelle auch im gewissen Rahmen lokal nutzen, um zum Beispiel die Privatsphäre zu schützen – oder auch aus Latenzgründen. Sturzerkennung für ältere Leute kann beispielsweise über eine Kamera erfolgen, bei der die Daten komplett lokal verarbeitet werden und nur das Ergebnis weitergegeben wird. Das ist viel besser als eine Überwachungskamera, weil nicht das komplette Bildmaterial, sondern wirklich nur der erkannte Sturz als Information heraus geht.

Was wird künstliche Intelligenz im Smarthome noch alles ermöglichen?

KI bedeutet in der Automatisierung, dass ich sehr viel mehr Kontext berücksichtigen kann. Ein Haus hat die Besonderheit, dass es extrem individuell ist. Ein Autohersteller weiß, wie viele Türen ein Auto hat – beim Haus wissen wir das erstmal nicht. Und wenn wir von Machine Learning reden – Kontext verstehen, Bilder erkennen, Logiken auf Trainingsbasis optimieren –, dann wissen wir, dass dies deutlichen Einfluss haben wird. Der Kunde wird das nicht so stark wahrnehmen, aber die Heizung braucht dann zum Beispiel weniger Energie, die Waschmaschine wäscht optimaler mit weniger Energieeinsatz und das Kochen gelingt besser, der Toaster findet die perfekte Bräunung, weil er über ein Foto zum Beispiel die Art des Toastbrots erkennt und so weiter. Das wird alles schleichend geschehen, so einen enormen Einfluss haben und über die Vernetzung der Geräte trotz der Langlebigkeit der Produkte Einzug finden. Auch das Zusammenspiel der Geräte wird sich verbessern. Ein ganz praktisches Beispiel: Wir nutzen Bilderkennung, um Wasserhähne zu steuern für Behinderte. Ich halte eine Tasse drunter, sie füllt sich; ich kann mir die Hände waschen. Bilderkennung für speziell diesen Fall wird niemand entwickeln – da geht es eher um medizinische Daten, autonomes Fahren und so weiter. Aber durch Cloud-Computing und die digitale Vernetzung stehen solche Bilderkennungsalgorithmen plötzlich für einen Wasserhahn zur Verfügung. Und das treibt die Funktionsexplosion im Smarthome.

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