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Ratgeber

Wie dir Toiletten gutes UX-Design beibringen

Sollte das UX-Design einer Toilette verlässlich oder witzig sein? (Illustration: Pixabay)

Der Gang zur Toilette ist zielorientiert, aufgabenfokussiert und bisweilen zeitkritisch. Damit sollte das Klo an sich ein Musterbeispiel guter UX sein.

Das Prinzip guten UX-Designs lässt sich mit Einstein definieren: „Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher.” Generell sollten wir davon ausgehen können, dass Objekte alltäglicher Nutzung nach eben diesem Prinzip konstruiert wurden. In manchen Fällen wird das stimmen, sogar ganz ohne dabei den Gesichtspunkt der UX auch nur im Sinn gehabt zu haben.

Nachdem wir euch vor ein paar Wochen UX am Beispiel der Banane gezeigt haben, schauen wir heute gemeinsam mit dem UX-Designer Chris How auf die Learnings, die wir durch den Besuch einer Toilette erzielen können.

Klare Ansagen in den Niederlanden. (Foto: Pixabay)

Chris How befasst sich schon seit Jahren mit UX und Toiletten. Letzteres dürften wir alle auf der einen oder anderen Ebene mit ihm gemeinsam haben. Der Unterschied wird darin bestehen, dass How nicht einfach nur das Klo zweckgemäß besucht, sondern dabei stets mit einem professionellen Auge das Gesamterlebnis erfasst und evaluiert.

Schon im Jahr 2013 hielt How eine Session beim UX-Barcamp Brighton, die sich sehr ausführlich damit befasste, wie gutes, aber auch schlechtes Lokus-UX-Design aussehen kann und welche Auswirkungen das jeweils hat. Einige Jahre später hat sich an der Ist-Situation nicht viel verändert. In der unten in den Quellen verlinkten Slideshare-Präsentation zeigt How einige wirklich haarsträubende Beispiele schlechten Toilettendesigns.

Um es aber positiv zu betrachten, extrahiert How fünf Lektionen, die wir uns für das UX-Design auf die Klorolle schreiben sollten:

Löse Probleme und erschaffe keine neuen

Gutes UX-Design befasst sich naturgemäß mit der Lösung von Problemen. Dabei geht es nicht bloß darum, irgendeine, sondern die bestmögliche, einfachste Lösung zu erschaffen. Schwer vorstellbar, dass die Toilette in diesem Zusammenhang ein schlechtes Beispiel sein soll. Tatsächlich aber gibt es sie, die Waschbecken, die aussehen wie Urinale oder die Urinale, die über keinen Auslösungsmechanismus verfügen, aber auch nicht von selber auslösen oder die Toiletten, die so nah hinter der nach außen öffnenden Klotür stehen, dass man sich nicht drauf setzen kann.

Lektionen: Beachte den erwarteten Nutzungskontext. Sei nicht innovativ, sondern bleibe bei Bewährtem. Gib dem Umfeld Raum. Achte darauf, dass deine Problemlösung keine neuen Probleme schafft.

Arbeite mit dem Faktor Mensch

Am Flughafen Schiphol in Amsterdam wurde die Idee geboren, Bilder von Fliegen ins Urinal zu kleben. Heute würde man das wahrscheinlich als Gamification verkaufen, schon damals half die Maßnahme, die Fehlbefüllungsquote um 80 Prozent zu reduzieren. Die Menschen waren anscheinend durch die Fliegenbilder motivierter, ins Klo statt daneben zu pinkeln. Die Fortentwicklung des Konzeptes ist mir letztens untergekommen. Es handelte sich um ein kleines Tor mit einem davor hängenden Ball, den man durch gezielte Bestrahlung ein ums andere Mal ins Tor schießen musste oder konnte. Da wird einem doch warm ums Stürmerherz.

Olé, olé, olé, olé. (Foto: D. Petereit)

Lektion: Arbeite mit dem Faktor Mensch, auch wenn du dafür fragwürdige Vorannahmen treffen musst. Spielerische Ansätze funktionieren immer.

Achte auf einfache Interaktionsmöglichkeiten

Wenn die Klotür zu verriegeln eine Aufgabe ist, die einem Intelligenztest gleicht, dann ist was faul im Staate UX-Design. Ältere Toiletten stellen uns recht häufig auf die Probe, wenn es darum geht, zu erkennen, wie man denn nun den alten Bekannten zum Verschwinden bringen kann, sprich: wo der Abspülmechanismus sitzt und wie er funktioniert.

Gerade bei Objekten, bei denen eine multinationale Benutzung zu erwarten ist, muss jede erforderliche Interaktion möglichst ohne zusätzliche Erläuterungen oder Hinweise auskommen. Wenn ein Schild erforderlich wird, um zu erklären, was der Toilettenbenutzer nun zu tun hat, dann ist das UX-Design schief gelaufen.

Lektionen: Je einfacher das Nutzungsobjekt ist, desto einfacher muss die Interaktion damit sein. Dabei ist intuitive Bedienung das Ziel.

Kommuniziere ohne zu verwirren

Ganz ohne Hinweise kommt das Klo nicht aus, denn vor die Benutzung haben die Götter das Betreten des richtigen Raumes gesetzt. Gerade bei der Beschilderung der Türen erlebt man bisweilen die tollsten Dinger. Da unterscheiden sich Männer- und Frauenklo schon mal dadurch, dass der Mann bei ansonsten völlig gleicher Optik einen Hut auf hat oder muskulöser wirkt.

Hättest du dieses Symbol als Hinweis auf das Behinderten-WC erkannt? (Foto: Pixabay)

Bedenken wir, dass das Aufsuchen der Toilette in manchen Situation äußerst zeitkritisch ist, kann eine eindeutige Beschilderung durchaus den Unterschied zwischen nasser und trockener Hose bedeuten.

Lektion: Sei bloß nicht kreativ, wenn es um die Symbolisierung etablierter Unterschiede geht. Auch wenn dein Restaurant „Zum Bären” heißt, ist es keine gute Idee, diesen Namen piktografisch an der Klotür zu reflektieren. Oder genereller: Verwende eine etablierte Symbolsprache, wie du sie etwa beim Noun Project findest.

Übertreibe es nicht mit der Technik

Unsere japanischen Mitmenschen lieben offenbar Technik, und das auch auf dem Klo. Beheizbare Brillen, Duschvorrichtungen für den Anus, Apps für das Quantified Self in Sachen Fäkalausstoß und vieles mehr sind im Land der aufgehenden Sonne beliebte Features beim Toilettengang. Damit einher geht natürlich ein erhöhter Erklärungsbedarf, denn so ein Örtchen braucht eine Menge Knöpfchen.

Unisex-Toilette im australischen Outback. (Foto: Pixabay)

Kann sich der potenzielle Toilettenbesucher nun frei dafür entscheiden, mit solcher Featuritis konfrontiert zu werden, ist alles in Ordnung. Dann wird er sich das Klo in seinem Badezimmer einbauen lassen und bereit sein, eine mehrwöchige Einarbeitungszeit zu akzeptieren. Ist das Klo aber für die Allgemeinnutzung konzipiert, braucht es ein weitaus einfacheres Design.

Die Faustregel kann sein, dass das minimal mögliche Featureset auch das maximal anzustrebende sein sollte, solange es ausreicht, das zu lösende Problem tatsächlich zu lösen. Im UI-Design sieht man schlechte Beispiel zuhauf. Buttons, die sich nach dem Klick auflösen und unnötig Zeit verbrauchen. Fortschrittsanzeigen, die neben dem Fortschritt auch noch das aktuelle Wetter und die politische Lage anzeigen – alles unnötig. Das mag zwar des Entwicklers Selbstbild stärken, der Nutzer wird es aber nicht danken.

Lektion: Technik ist ein Mittel zum Zweck. Nutze sie nur im Rahmen des Erforderlichen.

Fazit: UX-Design steckt noch in den Kinderschuhen

Auch wenn man es kaum glauben mag, steckt das UX-Design offenbar noch in seinen Kinderschuhen. Was soll man von modernen Produkten erwarten, wenn nicht mal jahrhundertealte Produkte wie das stille Örtchen eine UX bieten, die sich als zeitgerecht bezeichnen ließe?

Dabei sind die Prinzipien leicht verständlich. Leider widerspricht es dem menschlichen Geltungsdrang, Dinge einfach zu gestalten. Das wird dann als langweilig und ideenlos, als unkreativ bezeichnet. Und welcher Kreative will sich schon so bezeichnen lassen?

Quellen zum Weiterlesen

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2 Reaktionen
Marcel

Leider ist das ja so oft der Fall, das man einfach etwas cooles haben will, es dann aber zu kompliziert wird.
Anhand dieses Beispieles wird aber deutlich das es die einfachen Dinge in der Ux sind um den Nutzer nicht zu verwirren.

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Sebastian

Viele Dank Herr Petereit für das eingängige Gleichniss. So versteht auch der UX Design unerfahrene Kunde die Thematik.

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