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Kommentar

Dirk von Gehlen: Keine Angst! Warum wir mehr Ratlosigkeit wagen müssen

(Foto: pathdoc / Shutterstock)

Unser Gastautor Dirk von Gehlen fordert in unserer Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017 einen aus der Mode gekommenen Standpunkt: auch mal Unsicherheit aushalten.

Am Sonntag wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und alle sind mit der Tagespolitik beschäftigt: Steuersätze rauf oder runter, wie viel Zuwanderung, welche Sozialleistungen in welcher Höhe sind gerecht?

Wir wollen das zum Anlass nehmen, politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich über die kommenden vier Jahre hinauszublicken und wieder die grundsätzliche politische Frage stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage haben wir bekannten digitalen Vordenkern im Rahmen der t3n-Themenwoche Utopien gestellt – und sie haben geantwortet. Dirk von Gehlen arbeitet als Journalist für die Süddeutsche Zeitung und ist Autor mehrerer Sachbücher.

Ein Spätsommertag in Houston, Texas. Im vollbesetzten Rice Stadium tritt ein charismatischer Redner ans Mikrofon: „Kein Mensch kann wohl vollständig begreifen“, sagt er, „wie weit und wie schnell wir vorangekommen sind.“ Er spricht vom Fortschritt und von Veränderungen, vom „Unbekannten, Unbeantworteten und Unvollendeten“. Dieser Mann spricht von der Zukunft als Gestaltungsraum, als Aufgabe.

Die Menschen applaudieren, als er seine Vision fürs kommende Jahrzehnt präsentiert. Wir nehmen uns das vor, sagt er, „nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist – weil die Herausforderung eine ist, der wir uns stellen wollen, die wir nicht verschieben wollen und die wir zu gewinnen beabsichtigen, genau wie die anderen auch.“

Dieser Spätsommertag liegt mehr als 50 Jahre zurück. Der Mann, der hier Menschen motiviert, die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen und zu gestalten, heißt John F. Kennedy. Der 35. Präsident der USA spricht im September 1962 jene Worte, die als „Moon Speech“ in die Geschichte eingehen werden. Kennedys Ziel lautet: Wir wollen „in diesem Jahrzehnt auf den Mond fliegen“.

Will man im Spätsommer 2017 eine Vision für das Jahr 2030 entwerfen, kann man diese Rede zur Hand nehmen. Wie 1962 scheint auch heute zu gelten: „Kein Mensch kann wohl vollständig begreifen, wie weit und wie schnell wir vorangekommen sind.“ Doch anders als damals erwächst daraus im Jahr 2017 kein Gestaltungswille, keine Motivation oder gar ein Ziel, auf das das Land hinarbeitet.

Keine Politikerin, kein Publizist oder Wirtschaftslenker würde heute wie Kennedy ans Mikrofon treten und den Menschen zurufen: „Binnen zehn Jahren wollen wir die Herausforderung von Big Data gelöst haben.“

Auf diese Weise nach vorne zu schauen, ist aus der Mode gekommen. Der dominierende Bezugsrahmen im öffentlichen Diskurs ist derzeit nicht eine gestaltbare Zukunft, sondern die glorifizierte Vergangenheit, die es zu verteidigen gilt. Die Überforderung, die das Neue und Unbekannte mit sich bringt (was übrigens ein vertrauter Aspekt des Neuen ist), führt dazu, dass auf allen Ebenen des politischen Spektrums Rückzug oder maximal Bewahrung gepredigt wird.

Am offensichtlichsten scheint dies bei den Konservativen, die die Zukunft in den Grenzen der Vergangenheit sehen. Aber nicht nur im Umgang mit geflüchteten Menschen oder neuen Lebensmodellen fehlt diesem Land der Geist von Freiheit und Pluralismus. Die Debatte über neue Technologien und Ideen ist ebenso geprägt vom ängstlichen Festhalten an der Vergangenheit. Das Neue, das Verstörende und auch das Überfordernde ist hierzulande nicht erwünscht, hier beruhigt man sich mit der Überhöhung des Gestern: Der dominierende Maßstab für den öffentlichen Diskurs ist die Vergangenheit derjenigen meist (mittel-)alten weißen Männer, die ihre Fähigkeiten und Energien darauf verwenden, zu verteidigen, was früher vermutlich mal richtig war.

Es wird nicht mal gefragt, ob das auch für die Generation noch gilt, die heute Schulen besuchen muss, in denen es nicht mal anständiges Internet gibt. Sie und ihre Zukunft finden nicht statt. Und damit ist nicht nur der ressourcenzerstörende Umgang mit der Umwelt gemeint, sondern die grundsätzliche Ignoranz ihrer Zukunft gegenüber. Dabei sind sie es, die die Probleme lösen müssen, die so groß scheinen, dass sich kein Kennedy findet, der daraus eine Aufgabe macht.

Am sichtbarsten wird dieser ängstliche Umgang mit dem unsicheren Morgen übrigens an dem Mann, der Anfang des Jahres noch den Eindruck machte, für Aufbruch und Gestaltungswillen stehen zu wollen: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist in diesem sogenannten Wahlkampf 2017 zum Symbol des ängstlichen Deutschlands geworden. Und das liegt nicht an seinen Inhalten, sondern an der SPD-Haltung zur Zukunft.

Zwar sagt Schulz, dass er plane, Bundeskanzlerin Angela Merkel abzulösen. Er lässt allerdings offen, ob die SPD nicht am Ende doch wieder mithilft, Merkel in einer Großen Koalition zur Kanzlerin zu machen. Eine Absage an eine Fortsetzung der Großen Koalition hört man von Martin Schulz und der SPD derzeit nicht. Dabei wäre dies der beste Weg, um den Begriff Alternative zurückzuerobern.

Über die Gründe für diese Entscheidung kann man nur spekulieren. Sie könnten aber damit zusammenhängen, dass die SPD um jeden Preis die Unsicherheit vermeiden will, die so womöglich entstehen könnte. Doch wenn man die Zukunft gestalten will, setzt dies eben auch die Bereitschaft voraus, Unsicherheiten auszuhalten. Man muss sich angreifbar machen, statt stets ein Hintertürchen offenzuhalten. Dies gilt für die SPD wie fürs ganze Land: Wer mehr will als das Gestern zu konservieren, muss bereit sein, Ratlosigkeit auszuhalten. ¯\_(ツ)_/¯

Meine Vision für 2030 besteht deshalb zunächst mal nicht aus Breitbandausbau oder Elektroantrieb, sie benötigt zuvorderst eine andere, eine hoffnungsvolle Haltung zum Morgen: Wir müssen die Fähigkeit lernen und trainieren, Ratlosigkeit und Unsicherheit auszuhalten. Lassen wir uns nicht länger einschüchtern – nicht von denen, die in den Untergang verliebt zu sein scheinen, und auch nicht von jenen, die immer und überall eine neue Epoche ausrufen.

Wer eine Atmosphäre der Angst erzeugt, tut dies – egal aus welcher Ecke – stets aus dem gleichen kalten Kalkül: um einfache Antworten zu verbreiten. In einer komplexen Welt gibt es aber keine einfachen Antworten. Es gibt einen Wettstreit der Ideen, der nur dann zu Ergebnissen führt, wenn wir einen mutigen Pluralismus leben. Eben weil die Welt komplexer wird (und wir gar nicht alles wissen können), müssen wir aushalten, dass wir unrecht haben könnten. Toleranz, hat Kurt Tucholsky mal gesagt, „ist der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte“.

Wer auf diese Weise in die Zukunft schaut, ist immun gegen die einfachen Antworten der Banalisierer – und schenkt sich und seinem Umfeld einen im Sinne Rebecca Solnits hoffnungsvollen Blick nach vorn. Die große US-Autorin hat zum Thema Zukunft mal geschrieben: „Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken, alles werde sich zum Guten wenden, ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.“

In diesem Sinne hoffnungsvoll aktiv zu werden, heißt: neugierig zu bleiben. Es bedeutet: nicht aufzuhören zu lernen. Denn Bildung ist kein Projekt, das mit dem Schulabschluss endet. Bildung ist im Gegenteil eine tägliche Herausforderung – gerade für die, die sich für schlau und gebildet halten oder womöglich glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Ihnen möchte man das Zitat von Hans-Georg Gadamer zurufen, der mal sagte: „Bildung heißt, sich Dinge vom Standpunkt eines anderen ansehen.“

Wir könnten ja mal damit anfangen, die Perspektive John F. Kennedys einzunehmen: Weniger als sieben Jahre nach seiner Rede betrat der erste Mensch den Mond.

Übrigens, auf unserer Bundestagswahl-2017-Seite findet ihr nicht nur weitere Artikel zur Themenwoche Utopien. Wir haben auch tiefergehende Analysen, interessante Infografiken sowie hilfreiche Apps und Tools zum Wahlkampf und zur Entscheidungsfindung gesammelt.

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Eine Reaktion
Julia Nikolaeva

Genialer Artikel. Danke!

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