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Dorothee Bär: „Die Corona-Warn-App ist ein Paradebeispiel für zukünftige IT-Projekte“

Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär. (Foto: dpa)

Mit dem Video- und Podcastformat Changerider wollen Etventure-Gründer Philipp Depiereux und t3n den Menschen die Angst vor der Digitalisierung und dem Wandel nehmen. In der aktuellen Folge ist eine alte Bekannte zu Gast: unsere Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär.

Einerseits deckte die Coronakrise digitale Versäumnisse schonungslos auf. Vor allem die Startschwierigkeiten bei Themen wie Homeschooling, Homeoffice oder Online-Verwaltungsdienstleistungen machen sichtbar, wie weit Deutschland doch noch zurückliegt. Auf der anderen Seite haben viele deutsche Unternehmen reagiert und in den Wochen und Monaten seit Ausbruch der Krise digitalisiert, was sie in den Jahren zuvor versäumt haben. Auch die neue Corona-Warn-App ist ein Hoffnungsschimmer und eine schnelle Unterstützung, um mitten in der Krise wieder ein öffentliches Leben zu ermöglichen. Wie steht es mit der Digitalisierung in Deutschland? Und welche ersten Learnings hat die Staatsministerin aus der Coronakrise gezogen? Über aktuelle digitale Maßnahmen und die Entwicklungen der Corona-App berichtet die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär im virtuellen Changerider-Gespräch mit Philipp Depiereux.

„Wir haben die Hoffnung, dass die Infektionsketten durch die App 4 Tage früher durchbrochen werden können“

Seit Mitte Juni kann sie heruntergeladen werden – die offizielle Corona-Warn-App. Lange wurde gerätselt, ob Deutschland sie, wie von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) versprochen, Mitte Juni einführt. Dann ging alles sehr schnell und Staatsministerin Dorothee Bär zeigt sich zufrieden: Bereits 12,2 Millionen Downloads konnte die App bis zum 23. Juni nachweisen. Mittlerweile ist die Zahl sogar auf 14,3 Millionen angestiegen. Das seien mehr Downloads als von allen anderen Corona-Warn-Apps in ganz Europa zusammen. „Wir haben die Hoffnung, das sagen uns unsere Experten*innen, dass Infektionsketten durch die App noch mal vier Tage früher durchbrochen werden können als im rein analogen Bereich“, so die Staatsministerin.

Auch Kritiker*innen sagen, es sei vorbildlich gelaufen, denn die Entwickler hätten zumindest in der Schlussphase ihre Arbeit sehr transparent gemacht. Das sei mit Verbesserungsvorschlägen aus der Community honoriert worden. „Die Art und Weise, wie es gemacht wurde, ist neu – also Open Source. Die ganze Community wurde miteinbezogen, am Tag der Veröffentlichung gab es keine Kritik vom Chaos Computer Club, ganz im Gegenteil, ein Lob und sogar Transparency International hat gelobt“, bestätigt Bär. Die Rückmeldung vom sonst so kritischen Chaos Computer Club war vermutlich der größte Ritterschlag. „Es ist schon ein Paradebeispiel, was man auch für zukünftige IT-Projekte des Bundes so anlegen kann. Transparent, Open Source, alle wurden miteinbezogen, wir haben 7.000 Eingaben bekommen. Wenn wir alle IT-Projekte so behandeln würden, wäre wahrscheinlich das Vertrauen in die Politik, den Staat, wesentlich größer!“ Geplant sei die App ebenfalls in den Sprachen Türkisch, Französisch, Arabisch, Rumänisch und Russisch. Und was ist mit der Kritik, dass die App ein Zweiklassensystem schaffen würde, da sie sich nicht auf älteren Mobilgeräten aufspielen lässt und teilweise noch Fehlermeldungen ausspielt? Die Ministerin betont gelassen: „Wenn eine App kein Update bekommt, wurde sie entweder nie runtergeladen oder war von Anfang an zu schlecht. Es ist einfach schwierig, unseren Bürgern*innen zu vermitteln, dass so eine Software nie fertig ist und wenn sie mal fertig ist, dann ist sie irgendwann veraltet.“

„Digitale Bildung ist lebensnotwendig und kein Nice-to-have“

Auch die diversen Homeschooling-Erfahrungen haben in den vergangenen Wochen gezeigt, wie weit die Schulen noch von der Digitalisierung entfernt sind. Dabei sieht die Staatsministerin auf jeden Fall die Notwendigkeit, das Thema Digitalbildung weiter voranzutreiben: „Manchmal spreche ich mit Eltern, die sich darüber freuen, dass ihre Kinder genau die gleichen Arbeitsblätter erhalten wie sie früher. Da denke ich mir: Entschuldigung, aber die Welt hat sich weitergedreht. Das sind doch dann gar nicht mehr die Antworten auf die Fragen, die wir heute beantworten müssen.“ Im Gespräch betont sie, dass digitale Bildung auf keinen Fall ein Nice-to-have sein darf und Skeptiker in den vergangenen Monaten bereits eines Bessern belehrt wurden. „Diejenigen, die immer sagen, was alles nicht notwendig ist, wurden meines Erachtens Lügen gestraft, weil man gemerkt hat: Wenn die Kinder mal in digitalen Meetings sind und Homeschooling über Videokonferenzen haben, werden sie davon weder verdummen, verblöden, verfetten oder zum Amokläufer – was so die gängigen Vorurteile sind.“

„Unsere Wirtschaft hat sehr stark geblutet“

Die Ministerin versucht auch neben dem Thema digitaler Bildung viel zu bewegen – egal, ob Corona-Hackathon oder große Barcamps. Sie wisse, dass der Staat sich auch an die eigene Nase fassen müsse und nicht nur immer Unternehmen und Schulen Druck machen könne, sagt sie. „Digitale Verwaltung hat nun endlich einen Schub bekommen – wir haben mit dem Bundesinnenministerium und dem Land NRW im Rahmen eines Express-Digitalisierungslabors innerhalb eines Monates nochmal ein Onlineverfahren entwickelt, für Corona-bedingte Entschädigungsleistungen und Verdienstausfälle.“ Denn was sich in der Krise klar abzeichne, so Bär, sei, dass plötzlich viele Dinge viel schneller möglich seien. „Manche Entscheidungen wurden in vier Tagen getroffen, die wir normalerweise nicht mal in vier Wochen oder Jahren treffen.“

Doch die Ministerin betont auch, dass wir noch mitten in der Krise stecken und noch einige Herausforderungen auf uns warten. Deutschland hält ab nun die EU-Ratspräsidentschaft inne und hat damit eine neue Verantwortung, die Krise zu meistern. Unsere Wirtschaft habe sehr stark geblutet und wir könnten noch nicht absehen, was das in den nächsten Jahren für Deutschland bedeuten werde. Die Ministerin plädiert dafür, eine neue Souveränität zu erarbeiten: „Wo sind wir abhängig, wo importieren wir ausschließlich Arzneimittel, Impfstoffe, Schutzkleidung, Masken und so weiter. Wir haben als Kontinent gemerkt, dass wir diese Souveränität bei Lebensmitteln, bei medizinischen Geräten und Hilfsmitteln brauchen, aber auch bei digitalen Elementen.“

Ihr Appell am Ende dieser virtuellen Changerider-Fahrt richtet sich an die Bürger*innen, in dieser Krise weiterhin durchzuhalten; auch wenn die aktuellen Beschränkungen ungewohnt sind, sei es wichtig, durchzuhalten: „Es geht nicht darum, irgendjemandem etwas wegzunehmen, sondern es geht darum, jemandem etwas zu geben: nämlich mehr Gesundheit – für alle. Und ich hoffe, dass wir da gut durchkommen.“

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen sind als Video und ausführliche Gespräche im Podcast bei Apple Podcast, Soundcloud und Spotify verfügbar oder nachzulesen im Changerider-Buch: „Changerider: Pioniergeister statt Bedenkenträger: Wie mutige Macher aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unsere Zukunft gestalten“ – überall, wo es Bücher gibt, und auf changerider.com.

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