Analyse

Wie groß ist der Onlinehandel in Deutschland 2019 wirklich?

Der E-Commerce-Markt in Deutschland muss größer sein, als es aktuelle Erhebungen zeigen.(Foto: © YinYang - iStock.com)

Der Markt ist größer, als Erhebungen zum E-Commerce-Umsatz in Deutschland schätzen. Wieso?

Der Handelsverband Deutschland hat seine Prognose für den E-Commerce-Umsatz in Deutschland im Jahr 2019 veröffentlicht. 57,8 Milliarden Euro Umsatz erwartet der Onlinehandel demnach in diesem Jahr, das entspräche einer Umsatzsteigerung von 8,5 Prozent und gemäß dieser Prognose würde der Umsatzzuwachs zum vierten Mal in Folge stagnieren. 2018 betrug das Wachstum noch 9,1 Prozent von 48,9 Milliarden auf 53,3 Prozent. Das Problem an dieser Prognose und allen weiteren Zahlen, die den deutschen Markt beschreiben: Sie können nicht zutreffend sein.

E-Commerce-Umsatz 2019 in Deutschland

Während der stationäre Handel mit 1,3 Prozent, was preisbereinigt 0,5 Prozent entspricht, ein verschwindend geringes Wachstum aufweist, wächst der Onlinehandel immerhin spürbar. Wenn auch die Wachstumsrate nach dieser Prognose stagniert, die letzte Steigerung reicht zurück ins Jahr 2010.

E-Commerce-Umsatz in Deutschland 2019. (Grafik: HDE)

Wieso der E-Commerce-Umsatz deutlich höher sein müsste

Kürzlich schreckte Amazon die ganze Branche auf, als der Konzern seine Marktplatzumsätze veröffentlichte: 160 Milliarden haben die Händler auf dem Marktplatz weltweit erwirtschaftet. Die Zahlen für den deutschen Marktplatz hat Amazon nicht veröffentlicht, eine hypothetische t3n-Hochrechnung im Rahmen eines Szenarios schätzt den Marktplatzumsatz in Deutschland auf 18,263 Milliarden Euro. Die schweizer E-Commerce-Experten von Carpathia haben aus dem bekannten Deutschland-Umsatz den Handelsumsatz auf 13,225 Milliarden herausgerechnet. Gemäß dieser Spekulation würde Amazon in Deutschland einen E-Commerce-Umsatz von 31,488 Milliarden Euro erreichen. Noch mal zur Erinnerung: Der gesamte Markt-Umsatz 2018 soll sich laut HDE auf gerade einmal 53,3 Milliarden Euro ohne Umsatzsteuer belaufen.

Da wird schon deutlich, dass die Dimensionen nicht zueinander passen. Dass der Markt deutlich größer ist, als die HDE-Erhebung angibt, zeigt sich bei ein paar Rechenspielen.

Der Versuch einer Kontrollrechnung

Schauen wir zwei Jahre zurück, denn für dieses Jahr liegt noch ein anderer Vergleichswert vor: Da belief sich laut einer EHI-Studie der Umsatz der 1000 umsatzstärksten Onlineshops in Deutschland auf 42,8 Milliarden Euro – in diesen Umsätzen sind laut der Studie keine Marktplatzumsätze der Händler erfasst. Wohl aber der eigene Handelsumsatz von Amazon als Onlinehändler. Wird von den 42,8 Milliarden dieser Amazon-Umsatz für das Jahr 2017 (laut Carpathia-Hochrechnung betrug Amazons Handelsumsatz 2017 12,32 Milliarden) abgezogen, bleiben noch 30,48 Milliarden Euro Umsatz für den Rest der Händler übrig.

Der HDE beziffert den gesamten Deutschlandumsatz für 2017 auf 48,9 Milliarden Euro. Inklusive der Marktplatzumsätze aller Marktplätze in Deutschland, die ja, soweit sie nicht von ausländischen Händlern getätigt wurden, den jeweiligen deutschen Unternehmensumsätzen zugerechnet werden müssen. Bereinigt von den Amazon-Handelsumsätzen bleiben noch 36,58 Milliarden Euro.

Bei Anwendung der t3n-Hochrechnung auf das Jahr 2017 hätte Amazon damals einen Marktplatzumsatz von 15,68 Milliarden Euro erreicht und einen Gesamtumsatz von etwa 28 Milliarden. (Der HDE-Marktplatzmonitor hingegen gibt den Gesamtumsatz von Amazon für 2017 bei einem Marktanteil von 46 Prozent mit umgerechnet 24,656 Milliarden Euro an.)

Jetzt zur Kontrollrechnung:

Werden die 30,48 Milliarden Umsatz ohne Marktplatzumsätze, die das EHI errechnet hat, von den 36,58 Umsatz mit Marktplatzumsätzen des HDE abgezogen, dann verbleibt noch eine Differenz von 6,1 Milliarden für Marktplatzumsätze der Händler auf diversen Marktplätzen.

Das Problem: Laut unserer oben erwähnten Hochrechnung hat Amazon 2017 15,68 Milliarden Marktplatzumsatz in Deutschland gemacht. Und laut kursierender Branchenschätzungen dürfte Ebay in Deutschland mindestens einen Außenumsatz von etwa 10 Milliarden erreichen. Da fehlen grob überschlagen schon 20 Milliarden Euro. Und in Deutschland gibt es noch mehr Marktplätze.

Um es deutlich zu sagen: Alle oben durchgeführten Rechnungen sind Rechenspiele, die Zahlen hypothetisch. Studien mit unterschiedlichen Methodiken und voraussichtlich auch anderen Berechnungsgrundlagen durcheinander zu werfen, ergibt kein belastbares Ergebnis. Es geht aber hier nicht unbedingt um konkrete Zahlen, sondern um Marktverhältnisse: In dem Moment, indem die Marktplatzzahlen ins Spiel kommen, sprengen die Hochrechnungen der Marktplatzumsätze den Gesamtmarkt. Damit zeichnet sich beim Jonglieren mit den Erhebungen zum E-Commerce-Markt in Deutschland eines ab:

Der Markt scheint größer zu sein, als es die aktuellen Erhebungen abbilden. Die Auswirkungen des Handels auf allen Marktplätzen in Deutschland werden immer noch grob unterschätzt. 

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2 Kommentare
Patrick
Patrick

> würde der Umsatz zum vierten Mal in Folge stagnieren

Ich bin zwar weder Mathematiker, noch Wirtschaftswissenschaftler, aber der Umsatz stagniert nicht.
Außer er stagniert stetig nach oben. In dem Fall dürfe gerne der Umsatz meines Nebengewerbes ständig stagnieren.

Was stagniert ist der Umsatzzuwachs, wobei ich bei 8,5% Wachstum bei einer aktuellen Inflationsrate von 1,x% doch noch eine sehr nette Form der Stagnation finde.

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Jochen G. Fuchs

Hallo Patrick!

War auch so gemeint, danke für den Hinweis. Wird korrigiert.

Viele Grüße
Jochen

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