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Kommentar

Gunter Dueck: Was ich mir bis 2030 wünsche? Einen Ruck!

Gab es nicht schon für 2020 Visionen? Warum redet davon keiner mehr? Weshalb endlich ein Ruck durch Deutschland gehen muss, erklärt Gunter Dueck in unserer Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017.

Am Sonntag wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und alle sind mit der Tagespolitik beschäftigt: Steuersätze rauf oder runter, wie viel Zuwanderung, welche Sozialleistungen in welcher Höhe sind gerecht?

Wir wollen das zum Anlass nehmen politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich über die kommenden vier Jahre hinauszublicken und wieder die grundsätzliche politische Frage stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage haben wir bekannten digitalen Vordenkern im Rahmen der t3n-Themenwoche Utopien gestellt – und sie haben geantwortet. Gunter Dueck ist Philosoph, Schriftsteller, ehemaliger Mathe-Professor und Ex-IBM-CTO.

In einem Moment der seelischen Wärme, hervorgerufen etwa durch Böller und Schampus zu Silvester, sind wir Menschen fähig, uns Vorsätze für das neue Jahr auszudenken. Bekanntlich verfliegen solche Gedanken schon am nächsten Morgen, wenn wir die Raketenreste von der Straße fegen. Ja, natürlich, auch vor „wichtigen“ Wahlen – die sind für die Politiker immer wichtig – scheint es angebracht, uns etwas für die Zukunft zu wünschen. Es könnte ja sein, dass eine Partei etwas plötzlich ernsthaft umsetzen will, was uns gerade in den Kopf kam.

Seien Sie bitte nicht böse über meinen schwach melancholischen Ton, aber heute können wir wählen zwischen dem Hinterherhinken hinter Südkorea, Estland oder Singapur zu einem so späten Zeitpunkt, zu dem das Hinterherhinken in diesem Moment vollkommen alternativlos ist – oder wir fühlen uns so ein bisschen wie bei der Lotterie, wenn die Opposition jeden Tag ein neues Thema besetzt, so wie ein Fliegenfischer immer wieder seinen Wurfköder weit hinaus ins Trübe schleudert.

Die einen werden das Notwendige zu spät anpacken, die anderen wissen noch nicht, was sie wollen sollten. Ja, und der Rest empört sich sowieso, weil Destruktives besser von den Medien aufgenommen wird. „Wir streben 99,99 Prozent 5G-Abdeckung an!“ Das könnte die Politik anordnen wollen, aber die Medien zerren sogleich einen Höhleneinsiedler vor die Kamera, der sich da unten drin ganz unabgedeckt von einer digitalen Spaltung bedroht sieht.

Was ist eigentlich aus den selbstfahrenden Autos geworden?

Vision 2020? Gab es die nicht auch? Wollten wir zu diesem Zeitpunkt nicht schon viele Elektroautos auf der Straße sehen? Warum werden die da absehbar nicht sein? Ist es eine gute Lösung, alles mit schlichtem Gemüt auf 2030 umzudatieren, so wie bei größeren Bauvorhaben sowieso? Im Ernst: Wir alle wissen, dass etwa die Umwelt, die Digitalisierung und die Roboterisierung ganz neue Infrastrukturen verlangen. Und es ist ohnehin klar, dass alle (alten) Infrastrukturen immer gut in Schuss gehalten werden sollten. Faktisch aber optimieren alle Betreiber ihre Strukturen so hart an der Dysfunktionsgrenze, dass sie einen Millimeter weiter schon gefängnisgefährdet sind.

Frustriert zähle ich deshalb Notwendiges auf:

  • Schnelles Internet überall für jeden, Deutschland soll ganz vorne dabei sein, alles gleich per 5G vorzuhalten, weil nur 5G alles in Realzeit kommunizieren lässt, was im Verkehr, in der Produktion und bei vielen medizinischen Lebensrettungsmaßnahmen Voraussetzung ist.
  • Umstellung des Verkehrs auf elektrisch betriebene Selbstfahrautos.
  • Mit voller Energie dafür arbeiten, dass die Photovoltaik-Techniken noch preiswerter werden und dann auch betriebswirtschaftlich gesehen den alten Schadkraftwerken überlegen sind – dann ist für die Umwelt viel getan.
  • Modernhalten aller Infrastrukturen (Straßen, Brücken, Universitäten, Schulen, Pflegeheime etc.) mit einem gewissen Ehrgeiz, in einer gepflegten l(i)ebenwerten „Musterheimat“ zu wohnen.
  • Entwickeln eines Neuverständnisses, was Bildung in 2030 sein sollte. Die gut bezahlten Jobs der Zukunft verlangen ein ganzheitliches Verständnis, eine professionelle Persönlichkeit und weltoffene Wandlungsneugier.

Das Modernhalten der bisherigen Infrastrukturen ist kein Hexenwerk – das müsste doch umsetzbar sein? Mit ein bisschen Drängeln geht doch 5G? Und Photovoltaik auch? Selbstfahrende Elektroautos könnten gerade jetzt gut auf die Umsetzungsschiene kommen, weil die Autokonzerne nur so 2030 wieder als Aushängeschild unseres Landes gelten könnten. Sie könnten eine echte Vision gut gebrauchen, um sich von den gefängnisnahen Grenzoptimierungen abzusetzen.

Das muss doch gehen?!

Das dringlichste, betonharte und heikelste Thema ist das der Bildung. Die Digitalisierung wird die Menschheit vielleicht stärker verändern als die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Erinnern Sie sich? Im Jahre 1592 führte Pfalz-Zweibrücken weltweit zuerst die Schulpflicht ein, im Kurfürstentum Bayern wurde schließlich 1802 die damals sechsjährige Unterrichtspflicht gesetzlich geregelt, und in der Eifel gab es noch im Jahre 1815 Proteste der bäuerlichen Landbevölkerung gegen die Schulpflicht, die von Preußen her verordnet wurde.

Es ist doch aber klar, dass wir jetzt nicht wieder 200 Jahre Zeit haben, um von ersten Modellschulen zu einer landesweiten Regelung in Bayern zu kommen. Oder? Mir zieht es Zähne, wenn ganz groß im Fernsehen eine Bertelsmann-Studie zitiert wird, nach der in einigen Jahren viel mehr Grundschüler eingeschult werden, als man es sich bisher so dachte.

Oh, in der Zeit von Big Data hat es ein ganzes Forscherteam offenbar geschafft, die Anzahl der heutigen Geburten zu erfassen und dann zu allem die Zahl Sechs zu addieren? Und die Forscher haben echt gemerkt, dass die Zahl der Lehrer nicht ausreicht? Das heutige Bildungssystem scheint also bis auf das Zahnfleisch totgespart zu sein – und das gerade in der Dekade, in der sich die Welt revolutionär verändert und in der Bildung und Persönlichkeit neu definiert werden müssen?

Wir brauchen 4.0-Ausgebildete 2020, und nicht erst 2065!

Die guten und auskömmlichen Arbeitsplätze der digitalisierten Welt 4.0 werden schon in einigen Jahren geschaffen. Wollen wir also noch viele Jahre rumdiskutieren („Internet macht dumm“ versus „Gaming schützt Senioren vor dem Vergreisen“), dann ein Jahrzehnt lang reformieren, 2040 beginnen und schließlich 2065 die ersten voll 4.0-Ausgebildeten einsatzbereit zu haben? Ich weiß, was Sie bei dieser Frage denken: „Was, so schnell soll das klappen?“ Dabei müssten wir schon 2020 so weit sein, oder? Meinetwegen hat dann Bayern wieder eine Obergrenze oder Ähnliches, aber wir müssen die Dringlichkeit erkennen!

Ja, und zum Schluss ein Meta-Wunsch, dessen Erfüllung schon eigentlich alles ins Lot bringen könnte: Uns ist der einstige Stolz auf „Made in Germany“ abhandengekommen. Wir fühlen uns nicht mehr herausgefordert, wenn andere Länder vorangehen und „besser sind als wir“. Noch in den 90er Jahren trugen wir Kummer, weil die japanischen Autobauer hervordrangen – heute muss eben geschummelt werden, damit es weitergehen kann. Der Stolz ist ab. Wir konnten damals mit einigem Recht unser Bildungssystem loben, erinnern Sie sich? Der Lack ist ab.

Der einstige Einserschüler Deutschland ist mit immer schlechteren Noten zufrieden, im Augenblick ist es schon okay, durchschnittlich in der EU zu sein ... Und die weitere Tendenz? Die macht mir am meisten Sorgen. Wir brauchen ihn wirklich: einen Ruck.

Übrigens, auf unserer Bundestagswahl-2017-Seite findet ihr nicht nur weitere Artikel zur Themenwoche Utopien. Wir haben auch tiefergehende Analysen, interessante Infografiken sowie hilfreiche Apps und Tools zum Wahlkampf und zur Entscheidungsfindung gesammelt.

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