Kolumne

Wie einfach mal „keine Ahnung“ sagen gegen die Informationsflut hilft

(Grafik: t3n)

In ihrer t3n-Kolumne „Auch das geht vorbei“ macht sich Fränzi Kühne, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Kreativagentur TLGG, dieses Mal Gedanken um die Fokussierung und Priorisierung der Nachrichtenflut.

Die Informationsberge in meinem Arbeitsalltag sind seit meinem Jura-Studium nicht kleiner geworden. Früher waren es dicke Wälzer zu Unternehmensrecht, heute sind es 250 Nachrichten pro Tag. Ob E-Mail, Slack, iMessage, Instagram, Linkedin oder Whatsapp – alle wollen abgearbeitet werden. Newsletter, News-Alerts und Zeitungsabos gar nicht mitgezählt.

Das kennen wir alle zu gut: Instagram, Telegramm, Twitter und zugegebenermaßen auch Texte wie diese, sie alle buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Im Durchschnitt greifen wir alle 20 Minuten zu unserem Handy, egal wo wir sind. Im Meeting, auf dem Spielplatz, beim Sport. Wie sehr das unsere Konzentration beeinträchtigt, merken wir gar nicht mehr. Laut Studien brauchen wir weitere 15 Minuten, um uns voll und ganz auf das zurückzubesinnen, womit wir vor dem Handygriff beschäftigt waren. Das Handy zu ignorieren, fällt uns schwer. Zu groß ist die Angst, etwas zu verpassen.

Verständlich, mein Umfeld besteht schließlich aus Textern, Managern, Kreativen und Beratern. Es ist ihr Job, zu wissen, was in der Welt geschieht. Nur so können sie den Zeitgeist witzig und prägnant kommentieren, nur so können sie kreative neue Ideen am laufenden Band produzieren. Dazu brauchen sie im Grunde nur ihr Smartphone. Ihr Handy ist ihr Fernglas, mit dem sie jeden Winkel dieser Erde erkunden können. Das ist zwar praktisch, aber auch ein Knochenjob.

Vor mir die Informationsflut

Die Vielzahl an Information, mit der wir bombardiert werden, war noch nie so groß wie heute. Konnte man früher nur in einer Bibliothek etwas nachschlagen, was meistens nur Studenten, Wissenschaftler oder Journalisten taten, haben wir heute das gesamte Wissen der Menschheit in unserer Hosentasche. Alle müssen recherchieren können. Gleichzeitig steigt die Menge an Daten und relevantem Wissen sekündlich an. Auf Twitter werden pro Sekunde mehr als 8.000 Tweets versendet, auf Instagram 900 Fotos hochgeladen. Wie können wir lernen, dieses Wissen für uns zu priorisieren?

So leicht, wie wir an Information gelangen, so schwer fällt es uns, zuzugeben, etwas nicht zu wissen. „Fake it until you know it“ ist zu unserem Schlachtruf geworden. Ob auf Vernissagen, Panels zu Digitalisierung und Politik-Talks, Buzzwords sind unsere Währung. Die Philosophin Natalie Knapp beschreibt dieses Phänomen in ihrer Konservendosen-Metapher: Wir werfen einander Worthülsen wie Innovation, User-Centricity oder Experience-Economy wie Konservendosen zu, ohne ihren Inhalt zu prüfen. Wir benutzen sie einfach weiter und weiter und merken gar nicht, dass ihr Inhalt irgendwann verfault ist.

Keine Ahnung? Kein Problem

Deshalb plädiere ich zu mehr Mut zur Lücke, einer Renaissance des Nichtwissens. Ich finde, in der Aussage „Keine Ahnung“ steckt eine befreiende Kraft. „Keine Ahnung“ beweist Mut, Priorisierungskompetenz und Neugier. Das sind Schlüsselkompetenzen in unserer Informationsgesellschaft.

Wer „keine Ahnung“ sagt, fordert sein Gegenüber auf, die Worthülsen zu erklären und zu sagen, was er wirklich meint. „Keine Ahnung“ kann aber auch bedeuten: Dieses Themengebiet oder diese Information ist nicht relevant für mich. Ich entziehe mich bewusst dem Druck, über alles informiert sein zu müssen. Stattdessen priorisiere ich meine Zeit, meine Themen und meine Aufmerksamkeit. „Keine Ahnung“ ist aber auch ein Anfang, es kann auch bedeuten: Das hört sich spannend an, erzähl mir mehr. Nichtwissen ist der perfekte Ausgangspunkt für neugieriges Erkunden und inhaltliches Vertiefen. Wer keine Ahnung hat, hat dafür mehr Zeit. Mehr Zeit für gut recherchierte Hintergrundartikel, Bücher und Filme. Um am Puls der Zeit zu bleiben, sind sie schließlich genauso wichtig wie News-Alerts.

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