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Elektrokleinstfahrzeuge: „Das Ende der entspannten Verhältnisse“

Demo gegen Elektrokleinstfahrzeuge in Berlin. (Foto: dpa)

Die Bundesregierung will neben E-Tretrollern jetzt auch E-Skateboards für den Straßenverkehr zulassen. In Berlin träumen Gründer schon vom großen Geld – doch es gibt auch Proteste.

Der Widerstand gegen technischen Fortschritt kann manchmal sehr ulkig aussehen. Als im Dezember knapp 200 Anhänger des E-Fahrzeug-Bündnisses Electric Empire mit Tretrollern, Monowheels und Skateboards für die Legalisierung der Elektroflitzer durch Berlin zogen, brachten sich Demonstranten mit Schwimmnudeln und Blindenstöcken am Straßenrand in Stellung. Einziges Ziel: Symbolisch den Gehweg versperren.

Gegner wie Roland Stimpel fürchten sich vor rücksichtslosen Fahrern und hoher Unfallgefahr: „Auf dem Gehweg sind Alte, Kinder, Seh- und Hörbehinderte unterwegs“, sagte der Sprecher des Lobbyverbands Fuss e. V in der neuen t3n-Ausgabe. „Jetzt sollen E-Fahrzeuge bis zwölf Stundenkilometer dazukommen, das ist dreimal so schnell wie viele Fußgänger. Das wäre das Ende der entspannten Verhältnisse“, sagt Stimpel, dessen Verein öffentlich auch schon von „Knochenbrechern“ sprach.

Berliner Gründer träumen vom großen Geld

Die Kritik richtet sich unter anderem gegen Unternehmer wie Laurens Laudowicz. Der Gründer des Startups Stark Mobility hat ein batteriebetriebenes Skateboard entwickelt, das schon äußerlich an eine Erfindung aus einem Superheldenfilm erinnert: schwarzes Deck, faustdicke Rollen mit tiefem Profil, rot leuchtende LED, dazu ein leise surrender Elektromotor, 30 Stundenkilometer schnell.

Stark-Mobility-Gründer Laurens Laudowicz mit seinem E-Skateboard. (Foto: © Michael Hübner)

Stark-Mobility-Gründer Laurens Laudowicz mit seinem E-Skateboard. (Foto: © Michael Hübner)

Es zählt zu den sogenannten Elektrokleinstfahrzeugen, für die es in Deutschland offiziell noch keine Zulassung gibt. Darunter fallen beispielsweise auch motorisierte Tretroller und sogenannte Monowheels, ein Trittbrett mit einem großen Antriebsrad in der Mitte. Wer die Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen nutzt, riskiert ein Bußgeld von 70 Euro und einen Punkt in Flensburg. Allein im vergangenen Jahr hat die Berliner Polizei insgesamt 71 dieser nicht erlaubten Elektroflitzer beschlagnahmt.

Nach Berlin ist Laudowicz trotzdem gekommen. Der langjährige Wahlamerikaner will in der Hauptstadt eine globale Sharing-Plattform für E-Fahrzeuge aufbauen. „Die Mieten sind hier noch günstig, die Stadt hat früh auf Car- und Bikesharing gesetzt, und es gibt ein großes Netzwerk von Mobilitätsanbietern. Man ist schnell bei der Deutschen Bahn oder Daimler“, sagt der Gründer. Sein Skateboard? „Erst der Anfang.“

Bund will E-Fahrzeuge legalisieren

Mit diesen Ambitionen ist der Gründer in Berlin nicht allein. In der Hauptstadt warten derzeit mindestens acht weitere Startups darauf, mit Elektrokleinstfahrzeugen durchstarten zu können. Vor allem E-Tretroller liegen im Trend: Die Fahrzeuge verfügen über eine Lenkerstange, zwei Räder, dazwischen das Brett zum Draufstellen. Mit einem Fuß stößt man sich vom Boden ab und braust mit Stromunterstützung los.

Im Oktober sicherte sich beispielsweise Tier Mobility von Investoren eine erste Finanzierung über 25 Millionen Euro. Einen Monat später zog Wind.co mit 19 Millionen Euro nach und die von Szene-Urgestein Lukasz Gadowski gegründete Firma Flash erhielt im Januar sogar 55 Millionen Euro.

Alle Anbieter verfolgen das Ziel, ein stadtweites Verleihsystem für E-Tretroller zu etablieren. Die Fahrzeuge können per App für einen Euro ausgeliehen werden, die Nutzung selbst kostet dann 15 Cent pro Minute. Abends werden die Roller von Mitarbeitern eingesammelt, aufgeladen und am Morgen an ausgewiesenen Plätzen wieder abgestellt. In Städten wie San Francisco oder Moskau gehören die Elektroflitzer schon zum Straßenbild, in Deutschland dagegen sind sie noch illegal.

Doch das könnte sich schon im März ändern. Dann nämlich könnte die vom Verkehrsministerium geplante Elektrokleinstfahrzeugeverordnung in Kraft treten, wonach E-Tretroller mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde auf Radwegen und meist auch auf der Straße fahren dürfen. Per Ausnahmeregelung sollen von Kommunen auch die umstrittenen Gehwege freigegeben werden dürfen. Dort sollen dann angeblich auch E-Fahrzeuge wie Skate- und Hoverboards erlaubt sein.

Wie reagieren Entwickler und Gegner der Elektrokleinstfahrzeuge auf die geplante Verordnung? Sind die Fahrzeuge ein Gewinn für den Mobilitätsmix in Berlin oder drohen Szenarien wie 2018, als tausende Schrott-Leihräder deutsche Städte vermüllten? In der neuen t3n-Ausgabe Nr. 55 liefern wir Antworten zu den wichtigsten Fragen des neuen Mobilitätstrends.

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4 Kommentare
Thomas
Thomas

Ich glaube das Leihmodell wird ein Rohrkrepierer. Eine Modeerscheinung die genau so schnell wieder verschwindet wie sie erscheint.

Davon abgesehen bin ich trotzdem für eine Legalisierung. Als Boosted Board Besitzer und Radfahrer, würde ich mir wünschen an manchen Tagen auf das Boosted Board umsteigen zu können. Derzeit muss ich leider auf das Auto umsteigen und die Innenstadt weiter mit verpesten und vollstopfen.

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Titus von Unhold
Titus von Unhold

Fahr doch einfach… Gesetze einfach mal Gesetze sein lassen und machen!

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ICU
ICU

Alternativen zum Auto in der Stadt sind grundsätzlich nicht schlecht.
Nur: das muss als Ganzes passen und nicht wieder nur eine Art der Fortbewegegung (Fahrrad, e-Tretroller oder was auch immer stark gepusht werden). Da kann ich nämlich die Fußgänger verstehen, die Angst haben, täglich mehrfach umgenietet zu werden.

Frage: Wer war schon mal als Fußgänger in Amsterdam unterwegs? Da ist die Rushhour in Berlin Mitte gefühlt sicherer.

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FingO
FingO

Eben! Irgendwie ignorieren Radfahrer und Besitzer von Boosted Boards und Whatnot, dass sie nicht die einzigen, nicht mal die umweltfreundlichsten oder unsichersten Verkehrsteilnehmer sind. Das sind die Fußgänger. Ich bin passionierter Nicht-Autofahrer, laufe, wann immer es geht, zu Fuß zum Ziel. Als Fußgänger bekomme ich in bestimmten Berliner Gegenden das Strahlkotzen, wenn präpotente Radfahrer auf einem schmalen Bürgersteig einen Umnieten oder zwingen, auf die Straße auszuweichen. FUCK OFF! Wozu habt ihr jahrzehntelang für einen Platz auf der Straße gekämpft, wofür sich für Radwege eingesetzt – dafür, dass man meint, jede Person müsse nun einem Fahrrad weichen?

Wenn nun noch Elektrokleinfahrzeuge – die sich mal wieder nicht jede Person leisten kann – auf Bürgersteige dazu kommen, ist das EXTREM GEIL für normale Fußgänger, für Kinder, für alte Leute oder für Leute, die mit einem Hund unterwegs sein. Aber hey, der Birkenstock-Biedermeyer aus Mitte, der Hipster in Kreuzkölln oder der Zuzu Prenzlberg scheißt zugunsten ihres Lebensstiles bekanntermaßen auf andere Leute. Stattdessen wird mal wieder, wie so häufig, präpotent, gegen die ältere Generation gemoped.

Und auch auf der Straße sieht man diese ganze Heuchelei: Da fahren Radfahrer wie gesengte Säue, gefährden sich und andere Teilnehmer im Straßenverkehr (ja, auch indirekt nicht beteiligte Autofahrer, wenn für einen Radfahrer scharf gebremst werden muss…) und es ist natürlich immer der böse Autofahrer schuld. Nichts für ungut, man erkennt an vielen Radfahrern, dass sie keinen Führerschein haben. Nur so kann man erklären, dass sie auf Vorfahrt, auf Verkehrsschilder, auf sinnvolle Regeln bzgl Überholen etc. scheißen.

Na ja, sobald man entdeckt, was für ein Einnahmepotenzial es gibt, wenn man von Radfahrer und Nutzer von Elektrokleindienstfahrzeugen Führerscheine, eine Steuer zur Nutzung der Straßen oder den Abschluß eines Pendants zur Kfz-Versicherung verlangt, wird sich die Situation ändern. Wobei das auch scheiße ist.

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