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Kolumne

Dringend gesucht: Die Elon Musks der Politik

Elon Musk. Politische Visionen kommen 2017 aus der Privatwirtschaft. (Foto: dpa)

Wenn Fortschritt einer Mehrheit der Menschen Angst macht, hat die Gesellschaft ein Problem. Deshalb brauchen die enormen technischen Fortschritte politischen Gestaltungswillen. Die Neuland-Kolumne.

Neue Technologien haben das Leben der Menschen in den vergangenen dreißig Jahren so stark verändert wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. 1987 spielte das Internet noch so gut wie keine Rolle; 1997 gab es kein Facebook, das iPhone und Google waren unbekannt; 2007 erschienen Experten autonom fahrende Elektroautos und andere Durchbrüche der künstlichen Intelligenz noch Äonen entfernt.

Die Veränderungen von 1987 bis 2017 verblassen allerdings im Vergleich zu jenen, die uns vermutlich bis 2047 bevorstehen werden – also in den kommenden 30 Jahren. Technologien wie künstliche Intelligenz, Virtual und Augmented Reality, die Gentechnik CRISPR, 3D-Drucker, Blockchain oder Quantencomputer befinden sich noch in der Frühphase ihrer Entwicklung – zeigen aber bereits ihr Potenzial.

Der Gesellschaftsvertrag für den Fortschritt lautete seit dem Ende des zweiten Weltkriegs in etwa so: Veränderungen und technologische Umbrüche produzieren Gewinner und Verlierer – doch am Ende werden fast alle etwas wohlhabender sein. Und für die, die wirklich auf der Verliererseite stehen, gibt es immer noch den Sozialstaat. Das ermöglichte eine gesellschaftliche Koalition, eine Mehrheit für den technischen Fortschritt.

„Die Weigerung der politischen Klasse, gestalterischen Willen für die Zukunft zu zeigen, muss fast schon als Arbeitsverweigerung bezeichnet werden“

Doch dieser Gesellschaftsvertrag gilt nicht mehr: Von der Automatisierung der Produktion in der westlichen Welt haben Wenige sehr stark profitiert – und viele verloren. Das Internet hat eine Reihe von Menschen sehr reich gemacht, doch dabei viel weniger Menschen mitgenommen als noch die Industriegiganten des 20. Jahrhunderts wie Siemens, General Motors oder Volkswagen.

Das hat Angst vor Veränderung und Fortschritt ausgelöst – und zwar bei Weitem nicht nur bei den für ihre Zukunftsangst bekannten Deutschen. In Zeiten, in denen das rasante Tempo der Veränderungen eher Angst als Lust auf die Zukunft auslöst, profitieren politische Kräfte, die das Bild einer idealisierten Vergangenheit in schillernden Farben malen – heißen sie nun Donald Trump oder Frauke Petry.

Und genau da besteht auch das Problem der Anwälte der Zukunft: Dem idealisierten Bild einer nostalgisch verklärten Vergangenheit wird derzeit keine positive politische und gesellschaftliche Vision der Zukunft entgegenstellt – zumindest nicht von der Politik. Sie hat kein Bild davon entwickelt, wie künstliche Intelligenz, autonom fahrende Elektroautos und andere disruptive Technologien politisch gestaltet werden, um der gesamten Gesellschaft Nutzen zu bringen.

Politische Visionen und Utopien sind längst privatisiert

In die Rolle politisch-gesellschaftlicher Visionäre sind längst andere geschlüpft. Tesla-Chef Elon Musk bleibt es überlassen, für das bedingungslose Grundeinkommen zu werben, in der die Automatisierung großer Teile der Produktionsprozesse dazu führt, dass alle etwas vom gesamtgesellschaftlichen Fortschritt haben. Facebook-Chef Mark Zuckerberg träumt von einer vernetzten Welt, die ihre Differenzen überwindet und Internet-Technologien globalisiert, um sie für die Weiterbildung der Welt einzusetzen. Und die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin glauben an eine Zukunft, in der sämtliches Wissen der Welt nicht nur konserviert, sondern auch allen zugänglich gemacht wird. Die politische Utopie ist längst privatisiert.

Wer will die Zukunft politisch gestalten? (Foto: Shutterstock.com)

Das deutsche Feuilleton geht daher davon aus, dass die Silicon-Valley-Konzerne die Welt beherrschen wollen. Kühle Kapitalisten, die ihre Unternehmen nur auf Rendite optimieren, sind ihnen unverdächtig, weil sie sich verhalten wie erwartet. Tech-Konzerne mit gesellschaftlichen Visionen können nur Böses im Schilde führen: Am Ende geht es ihnen um mehr Daten, mehr Macht – so zumindest die Überzeugung der Kritiker.

Und natürlich gibt es gute Argumente gegen die Privatisierung der politischen Visionen. Konzerne haben Partikularinteressen und werden kein Bild von der Zukunft zeichnen, in der ihnen die Politik ihre Geschäftstätigkeit stärker reguliert oder ihre Gewinne stärker besteuert. Doch auf welches Reservoir der Utopien sollen Zukunftsoptimisten zurückgreifen, wenn nicht auf das von Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Page und Brin?

Die Weigerung der politischen Klasse, gestalterischen Willen für die Zukunft zu zeigen, muss fast schon als Arbeitsverweigerung bezeichnet werden – und das gilt nicht einmal nur für Europa. Überall in der westlichen Welt treten „Weiter so“-Politiker wie Hillary Clinton gegen „Zurück zur glorreichen Vergangenheit“-Populisten wie Donald Trump an.

Politischer Gestaltungswille wäre mehr als das Warnen vor den Risiken neuer Technologien und der Versuch, Schaden durch Regulation einzuzäunen. Wo sind die politischen Parteien und Köpfe, die sich zumindest daran versuchen, ein kohärentes Bild einer erstrebenswerten Zukunft zu zeichnen, in der Automatisierung, künstliche Intelligenz und autonome Elektrofahrzeuge ein besseres Leben für alle ermöglichen?

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4 Reaktionen
Cassiopeia

" Wo sind die politischen Parteien und Köpfe, die sich zumindest daran versuchen, ein kohärentes Bild einer erstrebenswerten Zukunft zu zeichnen, in der Automatisierung, künstliche Intelligenz und autonome Elektrofahrzeuge ein besseres Leben für alle ermöglichen?"

... Die sind in der Transhumanen Partei (für weitere Infos siehe z. B. https://forum.fractalfuture.net/c/german/schaukasten oder http://transhumane-partei.de/) ... :-)

lrrm

Absolut @lola! Nur, weil ein paar durchgeknallte Nerds jede Moral vermissen lassen, braucht die Gesellschaft sich noch lange nicht zu reformieren. Im Gegenteil, gerade in Zeiten starken Wandels hilft es sich auf klassische Tugenden zu besinnen und nach einem anständigen Wertekorset Ausschau zu halten.

lola

Ich will kein Wertekorset (gar keins) und sehe keinen starken "Wandel". Nur weil ein Trump eine kurze Zeit Choas stiften "WILL" und ein Erdokan alle Wegsperrt entsteht kein Wandel.

Ein Wandel wäre es wenn Weltwirtschaft zur "Welt wirtschaftet" wandeln würde.

Den "Wandel" den du meist ist das selbe im neuen Kleid. KIm Jong hat dafür den Feind, wird haben Terrorgefahr. Beide sind nicht real, sondern nur dazu da das die Masse nicht aufmuckt.

Daher die Forderung nach Bildung

lola

Es gab auch gute Diktatoren. ?!?

Wir brauchen keinen Musks, wir brauchen mehr Bildung, dann haben wir viele Musks.

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