Interview

Enfore-Gründer Marco Börries: „Wir haben Apple-Margen”

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„Die Händler sind ein Reagenzglas für Amazon.“

… ja, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich mich als Europäer sehe. Wir müssen sehr aufpassen, dass die Idee Europa in den kommenden drei bis fünf Jahren nicht komplett zugrunde geht. Das Risiko schätze ich auf etwa 50 Prozent. Es hängt unter anderem davon ab, was jetzt in Italien passiert und wie es mit dem Brexit weitergeht. Wenn wir als Europa im Wettbewerb mit den USA und China eine Chance haben wollen, müssen wir beginnen europäisch zu denken. Dann geht es nicht darum, was die Bundesregierung macht. Was macht Europa? Wie können wir sicherstellen, dass wir faire Bedingungen herstellen? China ist ein Extrembeispiel damit wie sie ihren Markt abschotten – das wollen wir nicht. Aber wir brauchen Regeln. Indien zum Beispiel hat gesagt, dass Amazon, JD.com und so weiter – die E-Commerce-Händler aus dem Ausland – in Indien keine Eigenmarken verkaufen dürfen. Warum haben sie das gemacht? Ganz einfach: Weil es Amazons Modell ist, die erfolgreichsten Waren auf der eigenen Plattform einfach zu kopieren und selbst anzubieten. Die Händler sind ein Reagenzglas für Amazon. Die erfolgreichen Waren kaufen sie selbst ein und streichen die ganze Marge ein und die richtig erfolgreichen Waren stellen sie sogar selbst her. Da funktioniert kein fairer Wettbewerb mehr, aber die Politik versteht diese Systeme nicht so gut. Und die Tech-Unternehmen bewegen sich schnell – bis die Politik es verstanden hat, sind sie schon weiter. Aber wir müssen das auf europäischer Ebene lösen. Kartellrecht muss europäisch werden. Die USA sind etwa genauso groß wie Europa und sie haben zum Beispiel vier Player auf dem Mobilfunkmarkt – bei uns muss jedes einzelne EU-Land drei bis vier Player haben, das ganze Mal 27. Das macht unsere Player so klein, dass sie bei der Marktkapitalisierung nicht mithalten können. Wir müssen politisch und kulturell für europäisches Denken sorgen. Wollen wir Europa? Oder, wenn wir das nicht wollen – wollen wir uns an den USA oder an China dranhängen? Eine andere Alternative gibt es nicht. Man muss sich nur mal die Wertentwicklung unserer Dax-30-Unternehmen im Vergleich zu den großen Tech-Plattformen aus den USA und China ansehen. Wenn wir das als Maßstab nehmen, ist unsere Relevanz in wenigen Jahren um den Faktor fünf zurückgegangen. Ich wünsche mir – vereinfacht gesagt – mehr Mut! Wir werden das als rein deutsche Initiative nicht hinbekommen. Nur als Europa.

t3n: Plädierst du dafür, dem indischen Modell zu folgen und Amazon in Europa zu verbieten Eigenmarken anzubieten?

Das ist eine sehr gute aber auch sehr tiefgreifende Frage, bei der ich sicher nicht der beste Experte bin. Es ist eine ähnliche Diskussion wie bei der Meinungsfreiheit aktuell in sozialen Netzwerken: Ist es in einer Welt, in der klar ist, dass Fake News mehr geklickt werden als reale Nachrichten, noch sinnvoll Meinungsfreiheit als oberstes Prinzip beizubehalten? Wir in Deutschland sagen: Du kannst nicht alles posten. Wir hatten vorher keine Plattform wie Amazon. Und daher bleibt die schwierige Frage: Wo machen wir welche Einschränkung, um das große Ganze zu schützen? Das ist auch das chinesische Prinzip, wobei sie sehr autokratisch vorgehen.

t3n: Und sehr protektionistisch.

Ja, und die USA sind auch auf diesem Weg. Ich bin persönlich der Meinung, dass wir gerade in einer Phase sind, in der bestimmte Dinge geschützt werden müssen. Sonst haben wir irreversible Veränderungen.

t3n: Ist es dafür nicht schon zu spät?

Nein!

t3n: Aber eine solche Machtkonzentration wie sie heute Google, Amazon, Microsoft, Apple und Facebook haben – das wird doch kein europäisches Unternehmen auf absehbare Zeit erreichen.

Nicht in diesem Bereich. Aber was wollen wir erreichen? Wollen wir ein genauso wertvolles Unternehmen oder wollen wir eine Plattform für kleine und mittlere Unternehmen schaffen und damit faire Bedingungen für alle? Und wir stehen erst am Anfang der Veränderung. Pharmazie wird sich verändern, das gesamte Gesundheitssystem. Wir werden individuelle Medizin bekommen. Energietechnik, Transportation as a Service. Nein, wir sollten in Europa kein eigenes Facebook bauen – der Zug ist abgefahren. Wir sollten nach vorne schauen. Für mich ist das Glas halbvoll.

„Der Glaube daran, dass sich Märkte selbst regulieren, der ist in einer komplett globalen Welt ein Irrglaube.“

t3n: Glaubst du, es wird ein Android der Industrie geben oder ein Amazon für den B2B-Handel? Ist am Ende vielleicht sogar Amazon das Amazon für den B2B-Handel?

Amazon will das natürlich werden mit Amazon Business. Und da ist dann wieder die Frage: Welche Regeln herrschen da? Eins ist für mich bewiesen: Der Glaube daran, dass sich Märkte selbst regulieren, ist in einer komplett globalen Welt ein Irrglaube. Unternehmen werden darauf optimiert, so lange Profit zu machen, wie es geht. Es fehlt an Leadership – und deshalb muss es einen Ausgleich geben. Die Politik kann natürlich nicht die Probleme der nicht wettbewerbsfähigen Unternehmen lösen, kämpfen muss jeder selbst. Manche Leute wollen, dass sich nichts verändert: „Die Politik muss dafür sorgen, dass der Autostandort der Autostandort bleibt“ – nein, das ist der falsche Ansatz. Das kann die Politik gar nicht – und wenn sie es versucht, wird sie scheitern. Aber die Politik kann dafür sorgen, dass wir auf europäischer Ebene fairen Wettbewerb haben.

t3n: Ist dein geheimer oder vielleicht auch nicht so geheimer Wunsch mit Enfore einmal auf Augenhöhe mit Amazon zu sein?

Der Markt, den wir adressieren, hat sicher das Potential, eine ganz große Plattform zu werden. Ich werde alles dafür tun, dass es so kommt – aber das ist von so vielen Dingen abhängig. Aber dieser Markt ist bisher komplett unerschlossen.

t3n: In Europa. Aber nicht in den USA oder China, oder?

China würde ich außen vor lassen, da gelten andere Regeln. In den USA gibt es Firmen wie Square, die haben jetzt einen Marktwert von rund 30 Milliarden Dollar. Aber sie haben heute nicht mal 20 Prozent des Marktes.

t3n: Und in China gibt es Wechat.

Ja, mit denen integrieren wir uns auch gerade. Ich glaube aber nicht, dass es China jemals erlauben wird, dass eine westliche Firma in ihrem Land eine dominante Markstellung mit einer Plattform erreicht. Daher versuchen wir das auch nicht, sondern suchen uns Firmen für die Zusammenarbeit.

„Du musst nicht im Silicon Valley sein, um erfolgreiche Firmen zu bauen.“

t3n: Du hast länger im Silicon Valley gelebt, aber dich entschieden, Enfore in Deutschland zu gründen. Warum?

Im Silicon Valley hätte das nicht mehr funktioniert. Ich liebe die Gegend. Im Moment weniger, weil es extrem voll geworden ist, weil es die sozialen Probleme in San Francisco gibt – das ist alles sehr schlimm geworden. Das Silicon Valley war mal ein Land der Missionare, heute ist es ein Land der Mercenaries, von Söldnern. Und es war von Anfang an klar: Das, was ich da baue, das wird lange dauern. Die Leute da lange zu halten, wäre ungleich schwieriger geworden. Und du musst nicht im Silicon Valley sein, um erfolgreiche Firmen zu bauen.

t3n: Wer amerikanische Kunden will, braucht mindestens eine amerikanische Filiale, höre ich immer.

Ja, logisch. Das werden wir immer haben. Wir werden auch in fünf Jahren mehr amerikanische Kunden haben als deutsche. Aber unser Headquarter ist in Deutschland.

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3 Kommentare
Johannes
Johannes

Danke, interessanter Artikel, für mich umso mehr, desto weiter er sich von den Produkten Enfores wegbewegt.

Antworten
Dieter
Dieter

Schon witzig was für Märchen, Träume und Wunschdenken des großen Börries sich in diesem Artikel befinden und mit welch Arroganz er diese vorträgt.

Antworten
Jonas
Jonas

Da kennt wohl jemand den Unterschied zwischen Verlust und Marge nicht.

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