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MIT Technology Review Analyse

Europas Gegenentwurf zu Starlink: Was Iris2 können soll und wo es noch Ungereimtheiten gibt

Von Alexander Stirn
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Zu viel Müll, zu wenig Raketen

Die europäische Raumfahrt hat andere Probleme. „Zum Schutz der Sicherheitsinteressen der Union“, heißt es in der Verordnung zu IRIS2, dürfen die staatlichen Satelliten ausschließlich mit Raketen der EU-Staaten gestartet werden. Das allerdings ist einfacher verordnet als getan: Die kleine europäische Vega-C-Rakete ist nach einem Fehlstart noch nicht wieder einsatzfähig. Die große Ariane 5 hatte im Juli 2023 ihren allerletzten Flug. Und die Nachfolgerin, die Ariane 6, verzögert sich von Jahr zu Jahr (siehe TR 5/2021, S. 34). Sie soll nun im Sommer erstmals starten. Selbst wenn dieser Termin eingehalten werden könnte und der Flug erfolgreich verliefe, wäre die Ariane 6 auf Jahre hinaus ausgebucht. Unter anderem soll die neue Rakete 18-mal für das „Project Kuiper“ abheben, eine geplante Internet-Konstellation, mit der der US-Konzern Amazon den Starlink-Satelliten Konkurrenz machen will. Und letztlich auch IRIS2.

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Bleiben einige Microlauncher – kleine Raketen, die von Start-ups in verschiedenen europäischen Ländern entwickelt werden, vor allem in Deutschland (siehe TR 1/2021, S. 38). Geflogen ist allerdings noch keine davon, und auch ihre Nutzlast ist begrenzt. Die Spectrum-Rakete des bayerischen Start-ups Isar Aerospace, die nach vielen Verzögerungen dieses Jahr erstmals abheben soll, kann zum Beispiel 1000 Kilogramm in einen niedrigen Erdorbit wuchten. Zum Vergleich: Ein Starlink-Satellit der neuesten Generation wiegt etwa 800 Kilogramm. Zum Aufbau einer Konstellation wären somit sehr viele Microlauncher nötig.

Wirklich realistisch scheint das nicht. Zuletzt hat die EU-Kommission – nachdem es an europäischen Raketen mangelt – sogar zwei SpaceX-Flüge für vermutlich mehr als 100 Millionen Euro zum Start ihrer Galileo-Navigationssatelliten ordern müssen. Künftig auch beim Aufbau eines europäischen Satelliten-Datendienstes, der nicht zuletzt mit Starlink konkurrieren soll, auf SpaceX zurückgreifen zu müssen, wäre für Europas Raumfahrt die ultimative Demütigung.

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Raketenproduktion bei Isar Aerospace.
Foto: Support Forces of Ukraine Command

Dafür will die EU auf einem anderen Gebiet punkten: Nachhaltigkeit. Von den mehr als 6000 Satelliten, die Starlink bislang gestartet hat, sind etwa 500 nicht mehr funktionsfähig. Die meisten konnten kontrolliert zum Absturz gebracht werden; mehrere Dutzend kreisen allerdings führerlos um die Erde, ohne Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Sie werden erst in einigen Jahren in der Atmosphäre verglühen. Wenn Starlink eines Tages wie geplant 42 000 Satelliten betreiben wird und auch Amazon, das britische Unternehmen Eutelsat Oneweb oder der chinesische Autobauer Geely ihre angekündigten Mega-Konstellationen aufgebaut haben, droht immer mehr Schrott im niedrigen Erdorbit.

IRIS2 soll dazu nicht beitragen. Die „Vermeidung von Weltraummüll durch Satelliten der Konstellation“ ist der EU-Verordnung einen eigenen Artikel wert. Wie das konkret aussehen soll, wird derzeit allerdings noch verhandelt. Im Gespräch sind Anforderungen an die Lebenszeit der Satelliten und eine garantierte Manövrierbarkeit durch Triebwerke oder Steuerdüsen. Dadurch können die Satelliten, bevor sie den Dienst quittieren, gezielt zum Absturz gebracht werden. Zudem sollen sie nach dem Start zunächst in wenigen Hundert Kilometern Höhe eingeschaltet und getestet werden. Kommt es dort zu Problemen oder reagieren sie nicht, erzeugen die Reste der Erdatmosphäre genügend Reibung, um die Satelliten innerhalb weniger Wochen in der Atmosphäre verglühen zu lassen. Erst wenn alles funktioniert, dürfen die Satelliten auf ihre endgültige Bahnhöhe manövrieren.

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Das Problem mit dem Weltraumschrott dürfte bald so groß werden, dass auch andere Staaten Vorgaben zur Müllvermeidung machen werden.

Einige Nachtsitzungen seien nötig gewesen, um das Thema Nachhaltigkeit in der IRIS2-Verordnung zu verankern, berichtet Niklas Nienaß. Viele Parlamentarier befürchteten, die europäischen Raumfahrtunternehmen, die bei der Konstellation ohnehin an ihre Grenzen kommen könnten, durch Umweltauflagen zusätzlich zu belasten. Ausschlaggebend war am Ende aber ausgerechnet ein wirtschaftliches Argument: Das Problem mit dem Weltraumschrott dürfte bald so groß werden, dass auch andere Staaten ihren Raumfahrtunternehmen Vorgaben zur Müllvermeidung machen werden. Kann sich die europäische Industrie bei IRIS2 darauf einstellen, hat sie – so die Hoffnung – künftig einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Anbietern rund um den Globus. „Wir werden das Thema Nachhaltigkeit im All nur lösen, wenn die ganze Welt auf einem gemeinsamen Nenner ist“, sagt Niklas Nienaß. „Denn letztlich ist das Müllproblem so groß, dass es nicht allein Europa bedroht, sondern die ganze globalisierte Gesellschaft.“

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