Kommentar

Warum wir einen europäischen Weg der Digitalisierung brauchen

(Foto: Shutterstock)

Wir müssen in Europa von passiven Anwendern der Digitalisierung zu aktiven Gestaltern werden. Dann bestimmen wir ihr Ergebnis selbst und sichern so unseren Wohlstand und Selbstständigkeit.

Digitalisierung basiert heute größtenteils auf zwei ethisch-moralischen Systemen, bei denen demokratisch nicht legitimierte Eliten das Ziel verfolgen, das Verhalten von Menschen automatisiert zu beeinflussen. Diese in China und den USA entstandenen Systeme nutzen die Digitalisierung und KI, um damit ein kaum erkennbares System der Beeinflussung aufzubauen. Dass dies auch in der westlichen Welt geschieht, ist weniger offensichtlich, aber in den Methoden dem chinesischen System sehr ähnlich.

Der chinesische Weg der Digitalisierung

In China und anderen totalitären Staaten dient die Digitalisierung nicht nur der Modernisierung des Landes, sondern auch dem Ziel, die Macht der Herrschenden dauerhaft zu sichern, indem das Verhalten der Menschen umfassend kontrolliert und gesteuert wird. Dazu werden Daten gesammelt, zusammengeführt und mit KI-Algorithmen nutzbar gemacht. Sie werden genutzt, um die Menschen über die gezielte Bereitstellung von Informationen zu steuern und durch ein Social-Credit-System für erwünschtes Verhalten zu belohnen und für unerwünschtes zu bestrafen.

Der amerikanische Weg der Digitalisierung

Das amerikanische Modell funktioniert ähnlich: Auch die großen Plattformbetreiber aus den USA sammeln so viele Informationen wie möglich über jede Person und führen diese in ihren Datensilos zusammen. Sie setzen KI und andere Technologien ein, um Menschen im Sinne der eigenen Interessen und denen ihrer Werbe- und Anzeigenkunden zu steuern.

Die Akteure belassen es nicht bei der Beeinflussung von Kaufentscheidungen, sondern ermöglichen die Manipulation politischer Meinungen und Entscheidungen. Auswüchse wie die Machenschaften von Cambridge Analytica zeigen, was auch in demokratischen Systemen möglich werden kann.

Die chinesischen Machthaber und die amerikanischen Plattformen behandeln die Menschen nicht als eigenständige, souveräne Subjekte mit freiem Willen. Sie sehen sie vielmehr als Objekte ihrer Algorithmen. Dahinter steht die mit der europäischen Ethik der Aufklärung unvereinbare Überzeugung, dass Computer die großen Herausforderungen besser lösen können und auch die Bedürfnisse der einzelnen Individuen besser kennen als diese selbst. Zu Ende gedacht bringt uns diese Überzeugung in eine Welt, in der der Mensch nur noch ein Objekt ist, das von der Technologie vermessen, vorhergesagt und optimiert wird. Und die hinter diesen Optimierungen stehenden Werte werden nicht in Europa, sondern in China und im Silicon Valley festgelegt.

Was Europa (anders) machen sollte

Die von der Politik immer wieder formulierte Idee, solche Systeme in Deutschland und der EU nach dem gleichen Muster oder als „KI-Airbus“ aufzubauen, ist absurd und gefährlich. Ein solcher Plan wäre in vielfacher Hinsicht zum Scheitern verurteilt. Man würde nur einer unheilvollen Entwicklung nachlaufen und hätte keine Antworten auf die drängenden Fragen:

Wie wäre sichergestellt, dass von Individuen und Organisationen erzeugte Daten nicht von einem solchen System genutzt werden können, um das Verhalten der Menschen intransparent und ohne ihr Einverständnis zu lenken? Wer schützte uns vor der Versuchung staatlicher Einflussnahme und Überwachung? Wie können Unternehmen die von ihnen erzeugten und in einem solchen System gespeicherten Daten frei nutzen, ohne auf die API eines neuen, europäischen Cloud-Silos eingeschränkt und somit in ihrer Innovationsfähigkeit behindert zu sein?

Richtig ist, dass wir in Deutschland und Europa massiv in Technologie investieren müssen. Es wäre aber fatal, das Geld in einem „KI-Airbus“ oder in ähnlichen staatlich gelenkten Wirtschaftsprojekten zu versenken. Erfolgreich können wir nur werden, wenn wir uns auf unsere europäischen Werte und unsere föderalen Stärken besinnen. Beides hat unsere geregelte Marktwirtschaft schon in der Vergangenheit erfolgreich gemacht. Wir sollten also das Prinzip des dezentralen Handelns zum Grundpfeiler für die europäische Digitalisierung machen und auch die Regulierung entsprechend gestalten.

Die europäische Alternative: Das Internet der Daten

Dazu gehört das Grundprinzip der digitalen Souveränität auf allen Ebenen, also für Individuen und Unternehmen genauso wie für staatliche Organisationen. Das bedeutet, dass jeder Mensch und jede Organisation die Hoheit über selbst erzeugte Daten hat und frei entscheiden kann, wem sie oder er unter welchen Bedingungen Zugriff gibt.

Natürlich gibt es Einschränkungen für dieses Prinzip: Mit öffentlichem Geld erhobene Daten müssen öffentlich verfügbar sein – sofern es keine personenbezogenen Daten sind. Grundsätzlich muss der primäre Speicherort von Daten, die etwa bei der Nutzung einer Cloud-Anwendung entstehen, von dieser selbst getrennt werden und unter Kontrolle des Daten-Verursachers stehen.

Zudem brauchen wir einheitliche, offene Programmierschnittstellen, mit denen auf diese verteilt in einer Art „Internet der Daten“ lagernden Informationen zugegriffen werden kann – wenn es deren Besitzer erlauben. Wenn solche Schnittstellen von jedermann frei genutzt werden können, erreichen wir neben mehr Kontrolle über Daten auch eine ganz neue Datenverfügbarkeit: Daten können mit dem Einverständnis ihrer Verursacher kostenlos oder kostenpflichtig von einer großen Zahl von Unternehmen und Forschungseinrichtungen genutzt werden. So sichern wir die Grundlage für unser Erfolgsrezept: dezentrale, im Wettbewerb stehende Innovation.

Sehr wahrscheinlich würden durch ein solches System sogar mehr Daten verfügbar werden und eine darauf aufbauende, verteilte KI wäre noch besser als die zentralistische „China-KI“ oder die KI-Silos der Plattformbetreiber. Denn wenn Menschen sicher sein können, dass ihre Daten nicht zu ihrem Nachteil verwendet werden und dass sie nicht nur einzelnen Unternehmen, sondern allen Menschen dienen, stellen sie diese häufiger zur Verfügung.

Schließlich würden wir Wahlfreiheit schaffen: Wenn Kartendienste die Informationen über besuchte Orte oder abgegebene Bewertungen an einem unabhängigen Ort speichern müssten und Anwender auch anderen Kartendiensten darauf Zugriff geben könnten, wären Auswahl und Wechsel viel einfacher.

Natürlich werden dadurch bestehende Geschäftsmodelle infrage gestellt. Davon sollten wir uns nicht abschrecken lassen, denn auf der anderen Seite entstehen neue Innovationspotenziale und neuer Wettbewerb. Und dadurch wird eine dezentrale Wertschöpfung unabhängig von den großen Cloud-Plattformen möglich. Die Folge davon sind nicht nur schnellere Innovationszyklen bei der Digitalisierung der Bildung, in der Medizin oder auch bei der Automatisierung von Verkehr und Transportwesen, sondern bessere Möglichkeiten zur Gestaltung der Ergebnisse durch die Gesellschaft insgesamt.

Konkrete Schritte

Ich denke, wir benötigen einen Dreiklang aus Anreizen, Regulierung und Investitionen der öffentlichen Hand. Zu den Anreizen zähle ich die Förderung von Datensouveränität. Zur Regulierung die Bevorzugung von Open-Source-Software und den Zwang zur vollständigen Nachvollziehbarkeit der Funktionsweise von kritischen Infrastrukturen, etwa in öffentlichen Ausschreibungen.

Wir müssen in Grundlagenforschung investieren, um die technischen Herausforderungen eines „Internet der Daten“ umfassend zu lösen und die so geschaffenen Werte selbst anwenden. Das Silicon Valley selbst ist bekanntlich das Resultat solch massiver Investition des Staates durch Institutionen wie Nasa und Darpa, die viele ihre entwickelten Technologien frei zur Verfügung stellen.

Fazit

Was mich zuversichtlich stimmt: Nach meinem Eindruck wird auf Landes- und Bundesebene der Politik sehr ernsthaft über digitale Souveränität als große wirtschaftliche Chance für Deutschland und Europa nachgedacht. Wir sollten diese Diskussion umfassend, sachlich und zielstrebig führen. Dann haben wir eine Chance, dass sich der Vorsprung, den sich die anderen erarbeitet haben, nicht zu einem dauerhaften Wohlstandsgefälle entwickelt, sondern – das Bild möge man mir verzeihen – in Europa neue blühenden Landschaften entstehen.

Zur Startseite
Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

6 Kommentare
KI-Versteher

Was genau soll es heißen? Unsere europäische KI wird die gleiche Mathematik verwenden, wie die chinesischen oder US KI-Lösung.

Das man in EU so eine Art DSGVO für KI shafft, bin ich mir ziemlich sicher. Man wird in EU weniger Daten für KI verwenden dürfen. Weniger Entscheidungen und Anwendungsgebieten werden für den KI-Einsatz zugelassen etc.

Also, KI-Lösung „made in EU“ wird nicht funktionieren, sondern bestätigt unsere KI-Rückständigkeit.

Antworten
Ingrid Weber
Ingrid Weber

Ich finde den momentan verlaufenden Prozess der Digitalisierung in unserem Land nicht sehr beglückend! Es geht zu schnell und radikal und lässt zu viele Bürger auf der Strecke! Das betrifft besonders die älteren Menschen; selbst wenn es sich dabei um nach wie vor intelligente und kluge Bürger handelt, sie brauchen länger, um sich an diese fremde Welt zu gewöhnen! Die überzogene Zuwanderung von Europa-fremder Kultur bringt genug an Belastung; zumal sich die Bevölkerung daran gewöhnen muss, dass sie nicht mehr gefragt wird, sondern dass ihr diese teilweise chaotischen Entscheidungen aufoktroyiert werden und es schwer fällt, sich hier noch zu Hause zu fühlen!

Antworten
Heiko
Heiko

„Wir müssen in Europa von passiven Anwendern der Digitalisierung zu aktiven Gestaltern werden.“
Nachdem Artikel 17 (ehemals bekannt als Artikel 13) durchgekommen ist, wird sowas wohl nicht passieren. Ehrer verwandeln wir uns in ein digitales dritte-Welt-Land.

Antworten
Fevzi

Natürlich ist auch die digitalisierung sehr wichtig.

freundliche grüße

Antworten
Ida

Hallo t3n,
den Artikel hier find ich richtig schlau verfasst von euch..
Natürlich ist das alles sehr wichtig und Europa sollte digitalisiert werden.
Das wäre richtig Super für die Zukunft..

LG Ida

Antworten
Sabine

Also da wir uns momentan auf einer Auslandsreise halten, haben wir auch unsere ersten Erfahrungen hier im Ausland gemacht.
Die Rede war natürlich von der Digitalisierung in Deutschland. Wobei wir nur zugehört haben.
Sie behaupteten: „Das geht einfach nicht, wie in Europa oder in Deutschland. Die wollen jetzt alles digitalisieren.
Ich war erstaunt, was behauptet wurde, immerhin gehören wir zu Deutschland.
Die Bürger hier betreiben hier im Ausland auch Online Banking und kommen damit nicht klar.
Ich fragte mich: Ja warum können wir das in Deutschland und ihr könnt das hier nicht?
Ich bin definitiv dafür dass die ganze Welt mit der Zeit digitalisiert werden sollte.
Mit der Zeit wird das schon..

LG Sabine

Antworten
Abbrechen

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung