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Kolumne

Warum Europas Facebook ein Fintech wird

Im Frühjahr 2018 jagt für europäische Fintechs eine Finanzierungsrunde die nächste. (Bild: Panchenko Vladimir / Shutterstock)

Von wegen Europa kann keine Plattformen bauen: Im Fintech-Bereich kommen die großen Hoffnungen auf Disruption gerade aus London und Berlin.

Wenn es um Digitalwirtschaft geht, ist Lamentieren der Normalmodus: Schlechte Netzabdeckung, kein Breitband auf dem Land, die bestimmenden Software- und Internetkonzerne sitzen in den USA, die Hardware kommt aus China. Das ist zwar alles richtig, übersehen wird aber dabei aber immer, dass Disruption die unterschiedlichsten Branchen betreffen kann und die Karten ständig neu gemischt werden. Das nächste Facebook wird wahrscheinlich nicht aus Europa kommen – zu groß sind die Netzwerkeffekte. Aber was, wenn das nächste Facebook gar kein Facebook ist, sondern ein Fintech?

Einiges spricht dafür, dass genau das eintreten könnte. Gerade in den letzten Monaten kam es in diesem Bereich zu immer neuen, spektakulären Finanzierungsrunden. Die Berliner N26-Bank zieht umgerechnet 130 Millionen Euro an Land und wird derzeit angeblich mit einer halben Milliarde Euro bewertet. Fast zeitgleich nimmt die ebenfalls in Berlin ansässige Solarisbank 56 Millionen Euro ein. Das Frankfurter Insurtech-Startup Clark ist mit 24 Millionen Euro dabei und versucht, die Idee des app-basierten Bankings auf Versicherungen zu übertragen. Allerdings sitzt der momentane Spitzenreiter in London: Der direkte N26-Konkurrent Revolut stieg mit einer Finanzierungsrunde über 250 Millionen US-Dollar zum wertvollsten Fintech Europas auf.

Warum das nächste Einhorn ein europäisches Fintech sein könnte

Folgt man Anlegern und Venture-Kapital-Gebern, wäre also das nächste potenzielle Einhorn ein Fintech aus Europa. Da ist es interessant, einen genaueren Blick auf die Geldgeber zu werfen. Es sind längst nicht nur klassische Finanzierer und internationale Investoren, die sich in diesem Bereich engagieren, weil sie sich eine entsprechende Rendite versprechen. Unter den Anlegern sind auch überraschend viele Banken und Versicherungsunternehmen aus Deutschland und der EU. Sie wollen sich nicht durch drohende Disruption unter Druck setzen lassen, sondern sich selbst an die Spitze setzen. Einige verfolgen die Strategie, selber entsprechende Apps und Online-Services anzubieten, andere investieren und lassen die Startups mal machen.

Natürlich ist der Vergleich von Fintechs mit Facebook etwas schräg. Plattformen wie Facebook profitieren von Netzwerkeffekten. Ihre Nutzer sind dort, weil alle anderen Nutzer auch dort sind. Endkunden-Banking ist ein weitaus schwieriges Geschäft, schließlich funktionieren Finanztransaktionen ähnlich wie E-Mails und nicht wie ein Messenger oder ein soziales Netzwerk: Eine Überweisung muss von jedem Konto an jedes andere Konto möglich sein und niemand möchte sich bei 27 verschiedenen Diensten anmelden, weil jeder Shop andere Payment-Methoden einsetzt. Deshalb sind Dienste wie Apple Pay, die nur von knapp 20 Prozent der Smartphone-Nutzer verwendet werden können, tendenziell im Nachteil. Dieses Prinzip macht es aber auch schwerer, Kunden zu halten, die mit wenigen Klicks woanders eine bessere Banking-App mit günstigeren Konditionen entdecken. Das Beharrungsvermögen der Kunden ergibt sich beispielsweise daraus, dass es sehr aufwändig und lästig ist, die eigene Bankverbindung zu wechseln und bekannt zu machen. Die Fintechs, die Endkunden ansprechen, treten also in einen sehr harten Konkurrenzkampf untereinander.

It’s B2B, stupid!

Gerade hier könnte sich eine traditionelle Stärke der deutschen Wirtschaft bezahlt machen. Das Rückgrat des Mittelstandes ist weniger das Angebot an Endkunden als der B2B-Bereich. Es zeichnet sich ab, dass die neuen Fintechs nicht bloß um die beste App zum Banking oder Versicherungsvergleich konkurrieren, sondern die Maschinenbauer, Zuliefererbetriebe und SAPs der Finanzbranche werden wollen. Beispielsweise bieten sie Whitelabel-Lösungen an, die von unterschiedlichsten Playern in Onlinedienste eingefügt werden können und Payment, Preisvergleiche, Kreditangebote, Versicherungen bis hin zu blockchain-basierten Lösungen und Kryptowährungen gleich mit abdecken können. Wer hier die meisten Transaktionen auf seiner Plattform vereinen kann, ist in der Lage, Business- und Endkunden die günstigsten Konditionen zu bieten. Paypal ist hier längst nicht das Ende der Fahnenstange.

Last not least ist Europa wegen kultureller Unterschiede für Fintechs aus Übersee ein schwieriges Pflaster. Beispielsweise dominieren in den USA immer noch Kreditkarten und Papierschecks die Transaktionen, während hierzulande Überweisungen und Lastschriften üblich sind. Derlei Unterschiede wirken sich stark auf das Design von Apps, Diensten und Plattformen aus. Heimische Anbieter sind also klar im Vorteil. Es spricht also einiges dafür, dass der europäische Fintech-Boom alles andere als ein Hype ist.

Zum Weiterlesen: Das sind die 10 größten Fintech-Deals in Deutschland

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