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Interview

Ex-Astronaut Thomas Reiter: „Ich zweifle an den Plänen von Elon Musk“

Thomas Reiter war der erste deutsche Astronaut, der einen Weltraumspaziergang absolvierte. (Foto: dpa)

Thomas Reiter war der erste deutsche Astronaut, der einen Weltraumspaziergang unternahm. Im Interview äußert er Zweifel an den Marsplänen von Elon Musk und warnt vor Asteroiden.

t3n.de: Herr Reiter, der SpaceX-Gründer Elon Musk will bis 2024 den ersten Menschen zum Mars schicken. Ein realistisches Ziel?

Thomas Reiter: Da habe ich so meine Zweifel. Zwar hat Musk bisher gezeigt, dass er alles, was er einmal ankündigt, auch tatsächlich umsetzt. Mit seinen Zeitplänen hat das allerdings nicht immer funktioniert. Er wird die bemannte Marslandung schaffen, keine Frage. Es sind aber noch enorme technische Probleme zu lösen.

„Er wird die bemannte Marslandung schaffen, keine Frage. Es sind aber noch enorme technische Probleme zu lösen.“

t3n.de: Von welchen Problemen sprechen wir?

Da wäre zum einen die Strahlenbelastung. Man braucht allein für den Hinflug sieben Monate und auch auf der Marsoberfläche ist die Belastung im Vergleich zur Erde viel größer, da der Mars kein Magnetfeld und nur eine dünne Atmosphäre besitzt. Es besteht also ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko. Zum anderen brauchen sie Lebenserhaltungssysteme. Sie können ja nicht alle Ressourcen für mehr als zwei Jahre mitnehmen. Selbst eine Falcon-9-Heavy-Rakete hat nur eine begrenzte Kapazität.

t3n.de: Man könnte doch einfach mehrere Raketen auf den Weg bringen.

Das löst das Problem nicht. Das ist ja auch eine Kostenfrage. Wenn Sie Menschen für längere Zeit dort hochschicken wollen, brauchen Sie regenerative Systeme etwa für die Ernährung, Sauerstoff- und Trinkwasserversorgung. Diese Technologien sind aber noch in einem sehr frühen Stadium. Und: Wenn etwas passiert, können Sie nicht mal eben schnell umkehren. Von der internationalen Raumstation kann man innerhalb von drei Stunden zurück auf der Erde sein. Beim Mars reden wir von zweieinhalb Jahren.

Thomas Reiter flog 1995 und 2006 ins All. Unter anderem mit dem Spaceshuttle Discovery. Insgesamt verbrachte der heutige ESA-Manager 350 Tage auf der internationalen Raumstation. (Foto: ESA)

t3n.de: Experten wie Ulrich Walter, Professor für Raumfahrttechnik an der TU München, halten eine bemannte Marslandung deswegen sogar erst für 2043 denkbar. Müssen wir wirklich noch so lange warten?

Angesichts des aktuellen Entwicklungsstands und den Technologien, die wir bereits heute an Bord der internationalen Raumstation testen, ist eine solche Mission durchaus in der zweiten Hälfte der 2030er-Jahre vorstellbar. Aber wir alle wissen, dass es in jeder Branche manchmal technologische Sprünge gibt, die keiner vorhersehen kann. Sollte das passieren, kann es auch schon früher mit einer bemannten Marslandung klappen.

t3n.de: Sie erwähnten die hohen Kosten für bemannte Flüge zum Mars. Das Unternehmen Mars One will Menschen daher ohne Rückflugticket zum Roten Planeten schicken. Eine tollkühne oder hirnverbrannte Idee? 

Wer mit dem heutigen Stand der Technik behauptet, er könne Menschen zum Mars schicken und dafür sorgen, dass sie dort leben, ist unseriös. Auch ethisch ist die Idee wegen der fehlenden Aussicht auf Umkehr höchst bedenklich. Bei Leuten wie Elon Musk oder Jeff Bezos ist zumindest eine Rückkehr vorgesehen. Außerdem wissen diese Unternehmer, welche Technologien notwendig sind. Nicht umsonst hat Musk ja für 2018 erstmal eine bemannte Mondumrundung angekündigt.

„Auf dem Mond gibt es Rohstoffe, die genutzt werden können.“

t3n.de: Wie wichtig ist der Mond noch für die Zukunft der Raumfahrt?

Sehr wichtig. Aus der Sicht der europäischen Raumfahrtorganisation ESA führt der Weg zum Mars über den Mond.

t3n.de: Das müssen Sie erklären. 

Der Mond wurde vor dreieinhalb Milliarden Jahren aus der Erde herausgeschlagen und dieser Zustand ist gewissermaßen bis heute dort oben „eingefroren“. Das ist für Wissenschaftler hochinteressant. Außerdem gibt es auf dem Mond auch Rohstoffe, die genutzt werden können.

t3n.de: Welche sind das?

Man vermutet an den Polarregionen größere Wasservorkommen, die eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer permanenten Station sind. Wo Wasser in größeren Mengen existiert, kann Treib- und Sauerstoff hergestellt werden. Es gäbe Wasser zum Trinken und es ließen sich womöglich sogar Pflanzen anbauen. Sie sehen: Der Mond ist ein hervorragendes Sprungbrett für die weitere Erkundung des Weltraums.

t3n.de: Zum Beispiel für eine bemannte Marsreise.

Genau. Startups in den USA beschäftigen sich schon mit Szenarien zur Herstellung von Bauteilen für Satelliten und Raumschiffe auf dem Mond. Und zwar nicht, um die Bauteile danach zurück zur Erde zu bringen, sondern um sie beispielsweise direkt in den geostationären Orbit zu schießen. Das ist dort oben bei einem Sechstel der Erdanziehungskraft ja viel einfacher als von der Erdoberfläche. Der Mond hat aber noch einen anderen Vorteil, der immer ein bisschen in Vergessenheit gerät.

„Früher oder später wird so ein Ding auch wieder in Richtung der Erde fliegen.“

t3n.de: Was meinen Sie? 

Asteroidenabwehr. Vor zwei Jahren ist in Russland ein Asteroid in die Erdatmosphäre eingetreten und hat eine zerstörerische Druckwelle erzeugt. Früher oder später wird so ein Ding wieder in Richtung Erde fliegen. Da wäre es gut, wenn wir vorbereitet sind. Dazu müssen Asteroiden allerdings möglichst früh erkannt werden.

t3n.de: Und der Mond wäre dafür der ideale Ort?

Richtig. Genauer gesagt: die erdabgewandte Seite des Mondes. Man könnte viel leichter die Flugbahn von Asteroiden bestimmen. Flitzt das Ding 20.000 oder 100.000 Kilometer an der Erde vorbei oder gibt es eine Kollision? Ein Abwehrmanöver sollte dann in möglichst großer Entfernung geschehen.

t3n.de: Mit welchen Mitteln lassen sich Asteroiden denn überhaupt abwehren?

Die kleineren Asteroiden verglühen in der Erdatmoshpäre, oder zerbrechen in viele kleine Teile. Der drohende Einschlag eines großen Objekts kann letztendlich nur dadurch verhindert werden, indem man seine Flugbahn ändert.

t3n.de: In der Raumfahrt wird derzeit wieder viel über die USA gesprochen. Wo sehen Sie den deutschen Raumfahrtstandort im Vergleich?

Bei den technologischen Fähigkeiten sehe ich uns in vielen Bereichen durchaus auf Augenhöhe. Mit Ausgaben für die Raumfahrt von 1,6 Milliarden Euro pro Jahr stehen wir auch nicht so schlecht da. Trotzdem würde ich mir eine leichte Steigerung des Budgets wünschen, so wie beispielsweise in Frankreich, wo deutlich mehr Geld investiert wird. Bei der Startup-Förderung sind wir auf einem guten Weg, haben aber im internationalen Vergleich noch Nachholbedarf.

t3n.de: Wo sehen sie den genau?

Wenn jemand in Deutschland ein Startup gründet und scheitert, wird das von vielen Menschen immer noch als ein „Versagen“ betrachtet. Dabei gewinnen Gründer dadurch so viel Erfahrung hinzu, dass sie Dinge, die sie zuvor falsch gemacht haben, beim nächsten Mal richtig machen. Das ist ein wichtiger Aspekt, den wir uns auch in der Raumfahrt bei den Amerikanern abschauen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

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4 Reaktionen
Mikel

Wer das Buch Unternehmen Mars von Robert Zubrin gelesen hat weiss das die aussagen von Herr Reiter Unsinn sind

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Dankho

Was ist, wenn man Flugangst hat und die Milchration sich dem Ende nähert? Mal auf die Schnelle umkehren ist nicht möglich. Da kommt der psychologische Druck noch hinzu.

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Werner

=> Und: Wenn etwas passiert, können Sie nicht mal eben schnell umkehren.
Das Problem hatte die alten Seefahrer auch.. es hat sie nicht abgehalten..

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Benson

Nunja den Seefahrern standen auch hohe Reichtümer in Aussicht und nicht nur etwas "Ruhm und Ehre". Wenn aber wie bei den Seefahrern 80% der Leute drauf gehen (Skorbut, Schiffbruch, Hunger,...) die wir hoch schicken, wird das mit der besiedlung ein teurer Spaß.
Und diesmal kann man das Entdecker-Elend vllt sogar im Live-Stream verfolgen...

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