News

Ex-Startup-Mitarbeiterin: „Man verteilte Titel wie Bonbons oder Karotten“

Mathilde Ramadier arbeitete in zwölf Berliner Startups. (Foto: Chloé Guilhem)

Mathilde Ramadier zog nach Berlin, arbeitete bei zwölf Startups – bis sie vor Langeweile kündigte. In einem Interview kritisiert die gelernte Autorin auch die schlechten Arbeitsbedingungen.

Glaubt man Mathilde Ramadier, ist die Arbeit bei vielen Berliner Startups weit weniger erfüllend, als oft behauptet. Im Gegenteil: „Ich merkte schon nach ein paar Tagen, dass die Leute unter Druck stehen und Angst herrscht“, sagte Ramadier der Wochenzeitung Der Freitag. „Ich hatte zwar schon in Paris als Praktikantin in der Werbebranche gearbeitet und wusste, wie sinnentleert Arbeit sein kann. Aber das war zumindest ehrlicher, da werden keine Lügen erzählt. Niemand sagt: ‚Wir verbessern die Welt.‘“

„Mich hat das kaputt gemacht, bis zum Bore-out“

Ramadier kam 2011 von Paris in die Bundeshauptstadt und suchte einen Job, denn von ihrer Arbeit als Autorin konnte sie allein nicht leben. Angefixt von den wohlklingenden Stellenanzeigen bewarb sie sich bei Startups vornehmlich aus dem Onlinehandel. Ramadier heuerte im Laufe der Jahre bei insgesamt zwölf Jungfirmen an. Ein Startup verkaufte Möbel, ein anderes bot Fernunterricht an.

Doch mit befreitem Arbeiten hatte der Alltag dort dann offenbar nichts gemein. „Ich musste monotone Dinge tun“, sagt die 31-Jährige. Als Content-Managerin habe sie jeden Tag Newsletter übersetzt oder Excel-Tabellen mit Schlüsselwörtern für Google-Roboter ausgefüllt, damit Suchmaschinen Artikel finden. „Dafür musste man ein Masterstudium vorweisen“, so Ramadier weiter. Verdient habe sie zehn Euro pro Stunde. „Es ist diese Art Arbeit, für die man überqualifiziert ist, die der Soziologe David Graeber Bullshit-Jobs nennt. Mich hat das kaputt gemacht, bis zum Bore-out.“

Kritik an Führungskultur

Neben Sexismus kritisiert Ramadier in dem Interview auch die fragwürdige Führungskultur in vielen Jungfirmen. „Es gab Startups, bei denen wir alle Manager von etwas waren: People-Manager, Country-Manager, der Herr am Empfang war Office-Manager. Das Wort hatte keinen Sinn“, sagt Ramadier, die ihre Erfahrungen auch in einem Buch aufgeschrieben hat. Titel seien verteilt worden, „wie Bonbons oder Karotten. Als wären wir alle eine große Familie, jeder gleich.“

Doch die Realität habe oft anders ausgehen: Alle CEO, die Ramadier getroffen hat, seien weiß und männlich gewesen. Meist zwischen 30 und 45 und aus wohlhabenden Familien. Frauen in Führungspositionen seien lediglich in der Personalabteilung oder in der Kommunikation tätig gewesen. „Die Männer hatten alle diese ‚Coolitude‘, diese Bro-Culture, spielen Ping-Pong, Videospiele, tragen Sneakers.“

Für ihre Verbalkeule musste Mathilde Ramadier zuletzt allerdings selbst Kritik einstecken. Nicht genannte Personen aus der Startup-Szene warfen ihr vor, mit einem Buch von einigen wenigen schlechten Erfahrungen profitieren zu wollen. Ein Verantwortlicher vom Bundesverband Deutscher Startups hat sie angeblich sogar der Lüge bezichtigt, nachdem sie die Namen ihrer früheren Arbeitgeber nicht preisgeben wollte. Ramadier ist nicht die erste, die sich öffentlich über die Arbeitsbedingungen in Startups beschwert. 2016 hatte der Amerikaner Dan Lyons in einem umstrittenen Buch über seine Erfahrungen bei der Marketingfirma Hubspot berichtet.

Mehr zum Thema: Employer-Branding – so wirst du zum Arbeitgeber, den man liebt

Zur Startseite
Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

9 Kommentare
Werner
Werner

=> Alle CEO, die Ramadier getroffen hat, seien weiß und männlich gewesen. Meist zwischen 30 und 45 und aus wohlhabenden Familien.

Niemand hält Frau Ramadier davon ab, selber ein Startup zu gründen. Wieder so ein rum-jammer Buch. Negative Erfahrungen im Buchform kann jeder.
Sicher ist es viel einfacher eine gut situierte Familie im Hintergrund zu haben. CEO im Start-up in Berlin ist ja auch chic.
Wenn Frau allerdings eine gute Idee hat, entschlossen ist, wird sie auch Ihren Weg zum Erfolg finden. Ich kenne ein paar Frauen die nicht rum jammern sondern einfach machen.

Antworten
Peters

Ich bin seit 25 Unternehmer in der Messtechnik Branche. Ich bin die Jahre über immer Geschäftsführer geblieben. Ich habe diese Titelinflation nicht mitgemacht. Meine Mitarbeiter heißen zum Buchhalterin und nicht Key Account is a Managerin bzw. CFO. Als Attribut gerne mit Senior und versehen. UNTERM STRICH ENTSCHEIDET DIE LEISTUNG.

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Wie wird und bleibt man mit der Rechtschreibleistung Geschäftsführer?

Antworten
Patrick Grützmann
Patrick Grützmann

Uuund wer hält noch mal die Frauen davon ab ein Startup zu gründen?
Wenn ich in ne Bank gucke seh ich da zumeist weibliche Mitarbeiterinnen…sollte man da als Frau nicht recht schnell einen Gründungskredit bekommen, so aus Solidarität?

Was ist denn ihr Lösungsweg?
Männer haben die Idee, gründen das Startup, machen es erfolgreich….Und geben es dann der nächstbesten unqualifizierten Masterabsolbette ab? :D

Antworten
Riri
Riri

Wenig erhellend

Der Stundenlohn bzw. Lohn dürfte bei der Bewerbung / bei Vertragsabschluss wohl eindeutig definiert sein.

Der europäische Arbeitsmarkt inklusive der Möglichkeit sich selbständig zu machen gibt ja nicht nur „Startups in Berlin“ her.

7 Jahre und „zwölf Berliner Startups.“ macht also im Schnitt 2 Startups pro Jahr also 6 Monate je Startup wenn man zwischen den Anstellungen nahezu keine Sucharbeitslosigkeit hat.

Was ist eigentlich eine „gelernte Autorin?“ und was sagt die Qualifikation „Paris als Praktikantin in der Werbebranche“ aus? (Siehe im Web dazu: https://mathilderamadier.com/about/)

Klingt für mich so als wenn weder eine Ausbildung gemacht worden ist noch was mit Marktrelevanz studiert worden ist. Frau dann als Ungelernte / Quereinsteiger ohne rechte Motivation in „hippen“ Branchen erst im mondänen Paris dann im trendy Berlin sich offensichtlich ohne besondere Begeisterung für die jeweilige Thematik versucht hat.
(Frau studierte zeitgenössische Philosophie in Paris auf Master – davor was mit Grafik, Ästhetik, Psychoanalyse)

Es liegt mir fern Frau Ramadier zu nahe treten zu wollen und ja es gibt anspruchslose Hilfstätigkeiten wie auch „Fliessbandtätigkeiten“ und kleine, junge Firmen zahlen tendenziell weniger, aber wie kann man nach ein paar wenigen Tagen in einer völlig neuen Umgebung unter Bore Out leiden?

Immerhin hat sie ihre 12 Nebentätigkeiten genutzt um ihr Buch zu schreiben – vielleicht hat sie danach auch die Jobs ausgesucht und eine zu ihrem Story Ziel passende Motivation mitgebracht. Wie auch immer „Startups“ sind grade in und „Gender Pseudowissenschaft (erinnert an Rassenlehre by the way)“ ebenso also ist ein dazu passender Titel vermutlich nicht so schlecht platziert. Eventuell ist das Buch sogar ein wenig unterhaltsam, vermutlich ist es gut befüllt mit Vorurteilen und Hetze – das verspricht uns jedenfalls der Artikel.

An alle die ernsthaft in einer Firma arbeiten wollen – es dauert in der Regel durchaus mindestens 1 bis 2 Jahre bis man sich wirklich freigeschwommen hat – in Deutschland ist es daher üblich grade als Berufseinsteiger erst nach 2 Jahren Firma zu wechseln – das Signal dass man sendet wenn man Firmen grundsätzlich nach paar Monaten wechselt, disqualifiziert einen für wichtige Arbeit in die man eingearbeitet werden muss und bei der Wechselkosten entstehen wenn man die Firma verlässt.

In diesem Sinne erläutert uns Frau Ramadier unter Umständen, welche Auswirkungen eine der Selbstverwirklichung dienende Bildungswahl ohne dazu existierender Praxisrelevanz und Berufsbild für die Möglichkeit bedeutet anspruchsvolle auf adäquate Vorbildung basierte Arbeit in Firmen vom ersten Arbeitstag an zu verrichten.

Diese Fehlqualifizierung ist ein sehr großes Problem in Frankreich und begründet dort mit die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Warum bei 1,5 Mio unbesetzten Stellen in Deutschland Angst bei qualifizierten jungen Menschen in Startups herrschen soll ist indes wenig schlüssig. Aber da geht es dann wohl eher um das linke narrativ vom bösen weisen Mann usw…

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

1,5 Mio gemeldete unbesetzte Stellen (von denen viele gar nicht existieren oder mehrfach ausgeschrieben werden) ist angesichts von 6 Mio Unterbeschäftigten bei 42 Mio Beschäftigten ein Problem.

Antworten
Riri
Riri

@Titus

Arbeitslose und Unter/- Überbeschäftigung sind natürlich ein Unterschied. Grundsätzlich sind Rationalitätenfallen die mehrfach durch unsere Systeme (Mitversicherung, Steuerprivileg bei 450 € …) verursacht werden der Hauptgrund für viele sich für eine Reduzierung ihrer Arbeitsnachfage zu entscheiden (Hinweis: Firmen bieten Arbeit an – Menschen fragen nach)

Nach der Statistik gibt es 2,6 Mio Arbeitslose aktuell in Deutschland. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei schwer vermittelbare Arbeitslose (keine Berufsausbildung, keine (hinreichenden) Deutschkenntnisse, Drogen, Krankheit und Kombination aus diesen Faktoren). Die Zahl 2,6 Mio ist indes politisch geschönt, da Menschen ab einem gewissen Alter einfach raus genommen werden und Menschen in Weiterbildungsprojekten der Agentur auch nicht aufgeführt werden. Realistischer ist daher wohl ein Wert zwischen 3 Mio und 3,5 Mio.

Laut Deutscher Statistik https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Unterbeschaeftigung-Schaubild.pdf

beträgt die Unterbschäftigung 3,2 Mio – Wie kommen Sie auf die Zahl von 6 Mio?

Bzgl. der unbesetzten Stellen ist zudem festzustellen,dass viele erst gar nicht bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet werden.
Die echte Nichtverfügbarkeit von geeigneten Mitarbeitern ist ein reales und ernst zunehmendes Problem. Ich kenne mehr als ein Unternehmen zwischen 30 und 5000 Mitarbeitern, die massive Probleme aufgrund der Unmöglichkeit der Besetzung von Stellen haben und wir sprechen hier von Stellen die im Bereich 50K+ Brutto im Jahr liegen. Die ganz großen Konzerne können in der Regel die Lücken schließen – hier bestehen allerdings auch bei hochqualifizierten Spezialisten Engpässe.

Das Phänomen dazu nennt man übrigens Mismatch Arbeitslosigkeit es beschreibt, dass die Ausbildungsentscheidungen und Qualifizierungen nicht zu den Anforderungen (Arbeitsangebot) passen. Dieses Thema wird aufgrund des Wandels in der Wirtschaftswelt tendenziell – sofern nicht adäquat von den Bildungssystemen aufgegriffen – weiter zunehmen.

Bzgl. Berliner (Technologie) Startups

Die Startup Szene hat einen Schwerpunkt bei jungen IT-affinen Mitarbeitern mit überwiegend akademischen Hintergrund.
Hier liegt in der Tendenz eine niedrigere Arbeitslosenquote als allgemein vor (ca. 3%) auch sind viele der Beschäftigten relativ jung und ohne Kinder so dass die Lebenshaltungskosten und Zahlungspflichten (Druck) im allgemeinen Vergleich niedriger sind.

Last but not least: Die Autorin selber hat 12 verschiedene Arbeitgeber innerhalb von 7 Jahren gefunden – offensichtlich gibt es also eine Menge Alternativen für Arbeitnehmer am Berliner Startup Markt – dies gilt umso mehr, als dass Frau Ramadier keine zu einer typischen Beschäftigung in einer Firma korrespondierende Qualifikation besitzt.

Die Angst Hypothese erschließt sich daher für mich nicht.

Emil
Emil

Ist natürlich unschön, wenn man es nach 12 Jobs nicht schafft, selbst aufzusteigen oder gar ein eigenes Start-up zu gründen. Wer 12 Jahre lang Excel-Tabellen bastelt, ist natürlich Boreout-gefährdet, aber trägt selbst die Schuld.

Die Mitarbeiter, die ihren Job langweilig finden, bilden sich weiter und übernehmen weitere Aufgabengebiete. So kenne ich das vor allem aus Start-ups.

Antworten
Nesrin
Nesrin

Ich schließe aus dem Artikel, dass die Autorin in ihrem Beruf einen guten Job gemacht hat (als Autorin!), denn sonst würden wir nicht von ihr und ihrer Geschichte hier lesen.

Und leider kann ich (weiblich und nicht nerdig) nur bestätigend nicken. Ist im Rheinland genauso. Am Ende bleibt nur die Antwort: „Mädels, macht Euch selbständig… achja, das heißt ja StartUp. Und bitte noch agil!“

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung