Kolumne

Flickenteppich Europa: Das Dilemma des E-Ladenetzes

(Foto: Jan Faukner/Shutterstock)

Die Elektromobilität in ganz Europa voranzutreiben, ist das erklärte Ziel sämtlicher politischer und gesellschaftlicher Akteure. Doch noch immer ist die Ladeinfrastruktur ein wesentliches Hemmnis.


Der Aufstieg der Elektrofahrzeuge scheint unaufhaltsam. Bis zum Jahr 2021 werden laut einer Analyse der European Federation for Transport and Environment Automobilhersteller in Europa 214 verschiedene E-Fahrzeugmodelle anbieten – Ende 2018 waren es gerade einmal 60. Auch in Amerika schnellen die Zahlen an Varianten und Neuzulassungen in die Höhe. Der amerikanische Hersteller Tesla etwa meldete kürzlich einen Rekord von weltweit 97.000 ausgelieferten Fahrzeugen für das dritte Quartal 2019 und übertraf damit seinen bisherigen Rekord von 95.200 im Vorquartal des gleichen Jahres.

Mit diesem rasanten Wachstum des weltweiten Marktes kommt der Ausbau des E-Ladenetzes nicht mit: Wie eine aktuelle Untersuchung von Yougov belegt, waren es bisher hauptsächlich die hohen Anschaffungskosten und die mangelnde Reichweite, die Verbraucher von der Anschaffung eines Elektrofahrzeug abhielten. Da die Preise aktuell jedoch sinken und neue Technologien längere Fahrstrecken ermöglichen, dürfte die Ladeinfrastruktur bald die Spitzenposition der wichtigsten Hemmnisse für den Kauf übernehmen. Diese Problematik stellt sich speziell im europäischen Markt. So stellt eine aktuelle Erhebung der European Automobile Manufaturing Association (ECMA) fest, dass über ganz Europa hinweg bis zum Jahr 2030 rund drei Millionen Ladestationen gebaut werden müssten, damit sich Elektrofahrzeuge in großem Maßstab durchsetzen können. Dies bedeutet eine fast 20-fache Steigerung des Netzausbaus innerhalb von 12 Jahren. Ein Kraftakt für die europäische Politik und Wirtschaft.

Politischer Wille in Europa fehlt

Im Vergleich zu anderen Regionen gestaltet sich die Ausganslage für die Entwicklung von Ladestationen in Europa schwierig. Während beispielsweise in den USA oder China direkte Anreize für den Netzausbau durch eine starke Zentralregierung geschaffen werden, beschränkt sich Europa auf weiche, von der EU initiierte Richtlinien. Diese soften Regularien gewähren den Mitgliedstaaten große individuelle Spielräume in der Umsetzung

Das Fehlen einer starken, länderübergreifenden Politik und der Mangel an Anreizen sind aber elementare Gründe dafür, warum die europäische E-Ladestationsinfrastruktur einem Flickenteppich gleicht. Laut einer Studie der Organisation Transportation & Environment ist das Ladenetz in den letzten fünf Jahren zwar von 41.000 Stationen in 2014 auf 171.000 in 2019 gewachsen. Dieses Wachstum beschränkt sich jedoch zu drei Vierteln auf nur vier Länder: die Niederlande, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Es ist also noch ein weiter Weg bis zu einem durchgängigen, europaweiten Ladesystem.

Diese großen Versorgungslücken stellen nicht nur ein erhebliches Problem für jeden Privatnutzer dar, der mit einem Elektrofahrzeug durch Europa reisen will – egal ob von Ost nach West oder Nord nach Süd. Auch Unternehmen stehen deshalb vor großen Herausforderungen – etwa in der Logistikbranche. Sie sind auf einen reibungslosen Transport von Gütern angewiesen, der bereits durch die bevorstehenden Verbotsverordnungen für Benzin- und Dieselfahrzeuge durch Norwegen, Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich gefährdet wird und zusätzlich durch das löchrige Ladenetzwerk für alternative Elektro-Lkw und -Lieferwagen bedroht scheint. Die (zeit-) aufwendige Suche nach Lkw-Ladesäulen wird viele Logistiker an den Rand des Ruins treiben.

Bessere Rahmenbedingungen schaffen

Um die Ladeinfrastruktur massiv ausbauen zu können, ist es dringend notwendig, dass die EU-Gremien eindeutige und rechtsverbindliche Regelungen für alle Mitgliedsstaaten schaffen sowie ihre Förderprogramme deutlich optimieren. Nur so kann das Ladestationsnetzwerk nachhaltig verbessert werden.

Doch auch der Einfluss der EU hat seine Grenzen. Die einzelnen Mitglieder müssen eigene Strategien entwickeln, um ihr Ladenetz für Elektroautos sinnvoll auszubauen. Ein hervorragendes Beispiel für gelungene Planung ist die „Green Deal“-Initiative der Niederlande: Mit dem Programm fördert das Land explizit nachhaltige Innovationen. Private Unternehmen, Bildungseinrichtungen, lokale und regionale Regierungsinstitutionen sowie Interessengruppen werden dazu eingeladen, gemeinsam mit der nationalen Regierung ein umweltfreundliches Wachstum zu ermöglichen und wichtige soziale Herausforderungen wie die Mobilität der Zukunft oder eine nachhaltige Energieversorgung zu lösen. Die Initiative trägt bereits Früchte: Dank dieser Form der Zusammenarbeit konnte das Ladenetzwerk wesentlich schneller ausgebaut werden als in anderen europäischen Ländern. Der Absatz von Elektrofahrzeugen hat sich dadurch verdreifacht.

Auch vom Vereinigten Königreich können die kontinentaleuropäischen Länder lernen – dort sind die ersten legislativen Schritte eingeleitet, damit künftig alle neugebauten Häuser verbindlich mit Ladestationen bestückt werden, um den Ausbau der Elektromobilität nachhaltig zu fördern und das Laden der Fahrzeuge einfacher, billiger und bequemer zu machen. Einen ähnlichen Weg haben auch Frankreich und Spanien eingeschlagen: Beide Länder fördern bereits das „Right to Plug“ durch die Einrichtung von Ladestationen auf den Parkplätzen von Mehrfamilienhäusern.

Ohne ein ernsthafteres Bemühen von Unternehmen wie Autoherstellern oder Energieversorgern sowie Regierungsbehörden in ganz Europa wird das E-Ladenetz weiterhin ein Flickenteppich bleiben. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen dringend anfangen, voneinander zu lernen, Anreize zu schaffen und individuelle Pläne zu entwickeln, die ihren jeweiligen Marktgegebenheiten entsprechen. Nur dann werden wir mittelfristig eine flächendeckende E-Infrastruktur auf dem gesamten Kontinent sehen.

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Ein Kommentar
xordinary
xordinary

Also ich hatte in Italien keine Probleme: Alle Supercharger waren erstaunlicherweise sogar kostenlos! (Abseits der Tesla-Infrastruktur sieht es dort aber zugegebenermaßen wirklich düster aus. Aber nicht nur bei der Infrastruktur, ich habe dort auch während der gesamten Zeit EINE Zoe gesehen, und die war von einem Stromversorger. Kein EINZIGES sonstiges Elektrofahrzeug. Aber die Italiener sind ja auch eher arm …)

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