Interview

Flightright-Chef: „Die Airlines haben versucht, uns am langen Arm verhungern zu lassen“

Marek Janetzke und Philipp Kadelbach von Flightright. (Foto: Flightright)

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Fällt ein Flug aus oder verspätet sich, treibt Flightright üppige Entschädigungen für Passagiere ein. Wie sich die Airlines dagegen wehren und warum nicht jeder Konkurrent des Startups überleben wird, erklärt Geschäftsführer Marek Janetzke im Interview.

t3n.deHerr Janetzke, wann haben Sie eigentlich das letzte Mal eine Entschädigung für einen gestrichenen oder verspäteten Flug eingeklagt? 

Marek Janetzke: Das war vor ein paar Monaten bei KLM. Ich hatte einen Hin- und Rückflug von Berlin nach Amsterdam gebucht, leider kam ich eine Minute zu spät zum Check-in. Selbst schuld, klar. Dann habe ich mir einen Ersatzflug über Easyjet besorgt. Als ich aber später von Amsterdam mit KLM zurückfliegen wollte, haben die mich wieder abgewiesen. Begründung: Da ich den Hinflug nicht angetreten habe, durfte ich auch nicht zurückfliegen. Gesagt hat mir davon keiner was. Auf eigene Kosten musste ich dann einen weiteren Ersatzflug buchen. Die Forderung liegt gerade bei KLM und ich werde sie nötigenfalls auch vor Gericht einklagen.

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Janetzke: Sehr gut. Rechtlich gesehen ist es ja klassischer Weise eine Nichtbeförderung und da muss die Fluggesellschaft 250 Euro zahlen.

t3n.deMit ihrem Startup „Flightright“, das die Rechte geschädigter Fluggäste gegenüber den Airlines vertritt, haben Sie daraus ein Geschäftsmodell gemacht. 

Janetzke: Ja. Hintergrund ist eine im Jahr 2004 von der EU-Kommission festgesetzte Verordnung, die Verbrauchern die Durchsetzung ihrer Fluggastrechte auf einfache Art und Weise ermöglicht. Die Zahl der gegen ihren Willen nicht beförderten Passagiere war und ist auch heute noch sehr hoch, ebenso wie nicht angekündigte Annullierungen und große Verspätungen. So kam uns die Idee, Fluggästen per Mausklick zu ihrem Recht zu verhelfen.

Das Berliner Startup Flightright verhilft geschädigten Fluggästen zu ihrem Recht. (Foto: Flightright)

Das Berliner Startup Flightright verhilft geschädigten Fluggästen zu ihrem Recht. (Foto: Flightright)

t3n.de: Flugtickets kosten oft nur 50 Euro. Sie hingegen versprechen Entschädigungen von bis zu 600 Euro. Ist das überhaupt noch verhältnismäßig?

„Widerstand der Fluggesellschaften ist für uns nix neues. Das ist quasi unsere DNA. “

Janetzke: Naja, die EU-Regelung wurde im Sinne der Verbraucher nunmal so festgelegt. Abhängig von der Flugstrecke gibt es Beträge zwischen 250, 400 und 600 Euro. Gäbe es diese Regelung nicht, müsste die Höhe der Entschädigung einzeln vor Gericht ermittelt werden. Ungerecht ist nur, dass die Fluggesellschaften diese Ansprüche oft nicht begleichen. Mit dem Ticketpreis hat der Schaden übrigens nichts zu tun. Wenn ich durch eine Verspätung oder Annullierung einen ganzen Urlaubstag oder einen wichtigen Termin verpasse, habe ich andere Probleme. Ich werde sitzen gelassen und muss vielleicht irgendwo in einem Hotel übernachten. Dafür steht Fluggästen eine Entschädigung zu. Wir helfen ihnen dabei.

t3n.deBei Fluggästen kommt Ihr Service gut an. Bei den Fluggesellschaften dagegen weniger.

Janetzke: Widerstand der Fluggesellschaften ist für uns nix neues. Das ist quasi unsere DNA. Was mir aber wichtig ist zu betonen: Wir arbeiten grundsätzlich nicht gegen Fluggesellschaften, sondern für den Verbraucher. Eigentlich müssten wegen Verspätungen oder Annullierungen jährlich knapp vier Milliarden Euro an Fluggäste ausgezahlt werden. Gezahlt wird davon aber nur ein Bruchteil.

t3n.deGeht es etwas genauer?

Janetzke: Wir schätzen, dass über 90 Prozent der dem Verbraucher zustehenden Entschädigungen nicht gezahlt werden. Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) hat vor zwei Jahren ausgerechnet, dass sie 132 Millionen Euro auszahlen mussten – und sich über die hohen Kosten beschwert. Kurios, oder?

t3n.deEinige Airlines versuchen die offenen Forderungen mit teils kreativen Tricks zu umgehen. Was sind denn die beliebtesten Ausreden?

Janetzke: Die klassische Ausrede der Fluggesellschaften ist der „außergewöhnliche Umstand“. Das ist quasi die einzige Lücke in der Verordnung und darum drehen sich letztlich alle Gerichtsverfahren. Da wird dann gerne mit schlechtem Wetter argumentiert oder die Frage geklärt, ob das Catering-Fahrzeug nun versehentlich gegen den Flieger gefahren ist oder nicht.

t3n.deVor Gericht haben Sie sich kürzlich auch einen Schlagabtausch mit der Billig-Fluglinie Ryanair geliefert. Warum?

„Ryanair war ein besonders dreister Fall.“

Janetzke: Ja, Ryanair ist ein besonders dreister Fall. Zuerst haben sie argumentiert, in deutschen Fällen vor deutschen Gerichten sei kein deutsches Recht anwendbar und wir sollten sie gefälligst in Irland verklagen. Das Gericht gab uns aber Recht. Dann hat Ryanair behauptet, die Abtretung der Entschädigungsforderung an uns sei unwirksam. Und auch hier gaben uns die Gerichte Recht. Doch der Gipfel der Dreistigkeit kam erst noch.

t3n.deWas ist passiert?

Janetzke: Ryanair hat daraufhin in seinen AGBs ein Abtretungsverbot eingeführt. Und zwar rückwirkend für zwei Jahre. Einfach so. Da diese Klausel aber im Widerspruch zur Fluggast-Verordnung steht, rechnen wir uns auch hier gute Chancen aus. Wir hatten noch nie ein Problem, Fälle gerichtlich gegen Ryanair durchzusetzen. Es ist mühsam, aber am Ende kriegen wir das Geld immer.

t3n.deAber lässt sich denn so wirklich ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufbauen?

Janetzke: Seit unserer Gründung ist es so, dass die Fluggesellschaften nicht freiwillig zahlen. Würden sie das tun, hätten sie ja sofort einen riesigen Kostenblock. Insofern ist das Abwimmeln von Kunden auch nachvollziehbar. In den ersten zwei Jahren haben wir zum Teil tausende parallele Gerichtsverfahren geführt, ohne überhaupt eine Zahlung zu sehen. Inzwischen zahlt sich das aber zu unseren Gunsten aus.

t3n.deInwiefern?

Janetzke: Wir müssen bei vielen Fluggesellschaften nicht mehr so oft vor Gericht ziehen. Sobald wir durch entsprechende Verfahren ein gewisses Schmerzlevel erzeugt haben, sehen sie ein, dass es gar nicht lohnt, sich von uns verklagen zu lassen. Unsere Erfolgsquote liegt bei 98 Prozent. Hinzu kommen die Anwalts- und Gerichtskosten, die allein der Verlierer tragen muss. So werden aus einer Forderung von 400 Euro schnell mal 1.500 Euro.

t3n.deDie Fluggesellschaften zahlen also lieber gleich?

„Mitarbeiter der Airlines haben uns schon Weihnachtskarten geschickt.“

Janetzke: Genau. Wir schicken uns gegenseitig Listen hin und her und meistens zahlen die Airlines dann auch relativ schnell. Das ist ja nicht nur im Sinne des Fluggastes, sondern auch im Sinne der Airline. Die spart sich nämlich richtig Arbeit, weil sie nicht mehr mit jedem einzelnen Kunden sprechen muss. Und man glaubt es kaum: Mitarbeiter aus dem Kundenservice der Airlines haben uns tatsächlich schon Weihnachtskarten geschickt.

t3n.deNochmal zurück zur Erfolgsquote: Wie sieht ihre Strategie für eine Gerichtsverhandlung eigentlich aus?

Janetzke: Das hat viel mit Daten zu tun. Verglichen mit einem Anwalt haben wir viel bessere Informationen, auf deren Basis wir lernen können. Aus unseren Datenbanken können wir sofort Flugstatistiken und Informationen zur Pünktlichkeit eines Fliegers ziehen. Wir sehen sofort: Was war an dem Airport los, von wo kam der Vorflug, war der auch verspätet und so weiter. Auch mit Wetterdaten arbeiten wir.

t3n.deSo lässt sich dann wohl auch leicht herausfinden, welche Fälle vor Gericht eine Chance haben und welche nicht.

Janetzke: Genau. Typischerweise beauftragt uns auch nicht nur ein Kunde, sondern fünf bis 15 verschiedene Kunden unabhängig voneinander auf dem gleichen Flug. Daraus ergeben sich dann sehr detaillierte Daten zu den Flugzeiten oder Durchsagen am Airport. Zusammen mit den Wetter- und Ereignisdaten können wir dann ein weitestgehend automatisiertes Erfolgsscoring für jeden Fall vornehmen.

t3n.deÜber was für einen Umsatz sprechen wir heute?

Janetzke: Bislang haben wir mehr als 90 Millionen Euro für unsere Kunden durchgesetzt. Tendenz stark steigend.

t3n.deBei einer Erfolgsprovision von 25 Prozent macht das also etwa 22,5 Millionen Euro Umsatz.

Janetzke: Kommt hin.

t3n.deWie sieht die Umsatzplanung für dieses Jahr aus?

Janetzke: Im vergangenen Jahr sind wir um über 100 Prozent gewachsen. Damit rechnen wir auch in 2017.

t3n.deNun sind Sie mit Ihrer Idee nicht alleine. Neben Flightright wollen auch wirkaufendeinenflug.de, Fairplane, euclaim.de, Airhelp oder Compensation2go an den Forderungen der Fluggäste mitverdienen. Gibt es überhaupt Platz für alle Anbieter?

Janetzke: Nein. Ich denke, dass es irgendwann eine Konsolidierung auf dem Markt geben wird. Das Geschäft sieht ja auf den ersten Blick einfach aus. Mal eben eine Website aufsetzen, ein paar Fälle einsammeln, fertig. Neulich habe ich mich auch mal mit jemandem unterhalten, der dachte, er könnte ein paar Briefe für Kunden schreiben und dann kommt schon das Geld. Aber Pustekuchen. Die Schwierigkeit ist, die Fälle am Ende auch erfolgreich vor Gericht durchzusetzen. Die Airlines haben versucht, uns am langen Arm verhungern zu lassen. Nur mit Risiko und der entsprechenden Vorfinanzierung konnten wir gewinnen.

t3n.deDie Konkurrenz schauen Sie sich aber schon an, oder? Zwischenzeitlich haben Sie mit „Flightcash“ analog zu wirkaufendeinflug.de oder EUFlight ein Portal zur Sofortentschädigung innerhalb von 24 Stunden gestartet. 

Janetzke: Also nach dem Vorbild von wirkaufendeinenflug.de war das sowieso nicht. Wir haben uns das bereits 2013 angeschaut, damals hieß das bei uns Cashsofort. Sofortentschädigungen sind aber auch nicht unproblematisch.

t3n.deWarum?

„Wir wollen die führende Plattform für alle Verbraucher werden, die sich unfair behandelt fühlen“

Janetzke: Damit ich einem Kunden eine Sofortauszahlung anbieten kann, brauche ich sehr verlässliche Erfahrungswerte, sonst kann ich als Unternehmen keinen Sicherheitsgrad garantieren. Vor allem am Anfang ist das schwierig. Geht ein neuer Anbieter mit einem reinen Sofort-Modell in den Markt, kann er nur einem Bruchteil der Kunden überhaupt eine Sofortauszahlung anbieten, den Rest muss er ablehnen. Das treibt die Kosten für die Neukundengewinnung extrem in die Höhe. Dass wirkaufendeinenflug.de inzwischen auf unser erfolgsbasiertes Modell setzt, verwundert mich deshalb nicht. Nach unserer Einschätzung ist es für den Kunden aber eh nicht so wichtig, ob er das Geld in 24 Stunden oder in drei Wochen auf dem Konto hat. Er will nur, dass sich jemand drum kümmert.

t3n.deFlightright geht in das siebte Jahr seiner Gründung. Gibt es eigentlich auch so eine Art Exit-Strategie?

Janetzke: Nein. Unser Plan ist, die führende Plattform für alle Verbraucher aufzubauen, die sich unfair behandelt fühlen. Und da sehe ich noch enormes Potenzial. 90 Prozent der Fluggäste wissen zum Beispiel noch gar nichts von Angeboten wie Flightright. Die zu bekommen, ist die nächste Herausforderung.

t3n.deSollte trotzdem ein Käufer anklopfen. Eine Airline ist es wohl nicht?

Janetzke: Wahrscheinlich nicht, nein. Ich kann mir aber vorstellen, dass unsere Plattform für große Versicherungen oder Reiseportale interessant ist, die ihre Services ergänzen möchten. Oder eben eine große Anwaltskanzlei.

Mehr zum Thema: Sicherheitslücke – So einfach ist es, fremde Flüge umzubuchen

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