Kolumne

Fränzi Kühne: Warum Barbie eine Feministin ist

(Grafik: t3n)

In ihrer t3n-Kolumne „Auch das geht vorbei“ beschäftigt sich Fränzi Kühne, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Kreativagentur TLGG, mit Feminismus und der missverstandenen Farbe Pink.

Ich sage es ganz ohne Umschweife: Kein Tag verging ohne meine Malibu-Supergirl-Barbie. Ich habe sie stundenlang an- und ausgezogen. Ich habe zusammen mit meinen Freundinnen Klamotten für sie getauscht und ich habe sie geliebt. Denke ich an meine Kindheit, sehe ich Barbie.

Diese innige Beziehung hat nie dazu geführt, dass ich mich in Diätplänen verloren habe, auch nicht, dass ich mir die Lippen habe aufspritzen und die Haare blondieren lassen. Ich habe ein Unternehmen gegründet und führe es. Trotz oder vielleicht dank Barbie. Vor ein paar Wochen kam ich von einem Panel zurück nach Hause und brachte meiner dreijährigen Tochter Luzie ihre erste Barbie mit. Die Astronautin-Barbie. Die Cupcake-Barbie wäre aber auch okay gewesen.

Barbara Millicent Roberts, wie Barbie mit vollem Namen heißt, war eine der ersten feministischen Revoluzzerinnen des 20. Jahrhunderts. „Ich dachte, es könnte für die Selbstachtung junger Mädchen hilfreich sein, mit einer Puppe zu spielen, die Brüste hat“, erklärte ihre Erfinderin Ruth Handler in einem Interview Ende der 1950er Jahre. Als Handler nämlich eines Tages ihren beiden Kindern beim Spielen zusah, musste sie feststellen: Sohn Ken hatte in seiner Spielzeugkiste weit mehr Auswahl als Tochter Barbara. Sie hatte nur die Wahl zwischen zwei Sorten Puppen: den Babys und den Müttern. Ruth Handler wollte aber, dass ihre Tochter ein alternatives Frauenbild kennenlernte. Das einer selbstständigen, berufstätigen Frau. Die nicht auf einen Versorger angewiesen war und sich nicht nur durch ihre Mutterrolle definierte. So kreierte sie Barbie und die Barbie-Welt. Und zwei Jahre später Ken als ihren On/Off-Freund.

Trotz dieser progressiven Idee geriet Barbie in den letzten Jahrzehnten in Verruf. Frauenrechtlerinnen, Pädagoginnen und Ärztinnen rieten Müttern von ihrem Kauf kategorisch ab. Durch die Fokussierung auf Barbies Aussehen und ihr Styling würden kleine Mädchen in Rollenklischees gepresst werden; sie könnten dadurch andere Aspekte ihres Seins und ihrer Fähigkeiten nicht ausleben, lautete der Vorwurf. Noch dazu werde ein ungesundes Körpergefühl propagiert. Wäre Barbie schließlich ein echter Mensch, würden ihre Organe keinen Platz finden.

#YouCanBeAnything – Reaktion auf den Zeitgeist

Nachdem beim Spielzeughersteller Mattel die Zahlen einbrachen – allein in den Jahren 2012 bis 2014 verlor Barbie mehr als 20 Prozent – entschloss man sich, auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen und Vorwürfe zu reagieren. Zwar übte Barbie bereits seit den 1990ern ehrgeizige Berufe wie Ärztin, Präsidentin oder Astronautin aus. Doch sie blieb dabei immer groß und schlank. Mattel erweiterte daher im Jahr 2016 die Produktlinie um die Figurtypen „groß“, „klein“ und „kurvig“ und launchte mehrere Online-Kampagnen. Der Hersteller gab auch Erklärungen zu Barbies „Ursprungsgröße“ ab: Ruth Handler designte Barbie angeblich bewusst so, „dass Mädchen das An-und Ausziehen der Garderobe erleichtert wird“. Aus „forms follows function“ wurde bei Barbie also „body follows fashion“.

Die Adressaten von Kampagnen wie #YouCanBeAnything waren vor allem wir „Millennial-Parents“. Eltern, allen voran Mütter, die zwischen 1980 und 1995 geboren waren, selbst mit Barbie gespielt hatten und sich mit Stereotypen beschäftigten. Eltern, die sich vor der Kaufentscheidung online informierten und miteinander austauschten. Auch mich sprach #YouCanBeAnything an. Die Diversitätsoffensive wurde zum vollen Erfolg, die Verkaufszahlen stiegen.

Durchsuchte man allerdings Shopping-Portale nach den Barbie-„Top-Sellern“, erkannte man, dass diese trotzdem gleichgeblieben waren: die Meerjungfrau, die Prinzessin, die „Fashionista“.

Let them play pink

Die Frage ist nur: Ist das schlimm? Das Kinderzimmer ist ein Hort der Fantasie und wir Eltern sind seine Türsteher. Wir bestimmen, wer hineinkommt und wer nicht. Es ist zwar großartig, dass Barbie die bunte Vielfalt unserer Welt repräsentiert und sich in den unterschiedlichsten Berufen ausprobiert. Allerdings haben die wenigsten Kindergarten- oder Grundschulkinder eine Idee davon, wie man „Labor-Ingenieurin“ oder „Präsidentin“ spielt. Sechsjährige spielen nicht unbedingt „Rede zur Lage der Nation“, sondern eher „Freundinnen beim Nachmittagstee“. Auch mit der Astronauten-Barbie spielen sie „Vater-Mutter-Kind“, so wie meine Tochter. Sie hätte sich wahrscheinlich selbst die pfirsichfarbene Cupcake-Barbie ausgesucht. Das ist nicht schlimm.

Und dennoch ist es ist enorm wichtig, unseren Kindern zumindest die Wahl zu geben, wovon sie träumen wollen. Wenn sie mit der Astronautin zum Mond zu fliegen, mit der Ingenieurin ein Haus zu bauen und der Ärztin-Barbie den kranken Teddy zu heilen wollen, können sie das tun. Ob sie das dann tatsächlich so tun, bleibt noch immer ihre Entscheidung. Denn auch Mädchen dürfen genderkonforme Vorlieben haben und gleichzeitig Träume leben, die darüber hinaus gehen. Kleine Jungs spielen schließlich auch mit Waffen und Actionfiguren mit Waschbrettbauch, ihnen trauen wir anscheinend mehr Abstraktionsvermögen zu. Barbies werden unsere Töchter nicht zu Puppen machen, solange wir es nicht tun. Kinder machen schließlich nicht das, was wir ihnen sagen, sondern das, was wir tun.

Der Erziehungspsychologe Jasper Juul schrieb einmal, dass Eltern von ihren Kindern lernen sollten, gute Eltern zu sein. Doch stattdessen beobachteten sie andere Eltern, um eine Vorstellung zu entwickeln, wie sie als Eltern handeln müssten. Lasst uns Eltern doch wieder mehr unseren Kindern zuhören. Denn damit sie selbstbestimmte Erwachsene werden können, müssen wir sie zunächst mal selbstbestimmte Kinder sein lassen.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Ein Kommentar
Christian
Christian

Sehr guter Beitrag, vielen Dank!

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung