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Kommentar

Fränzi Kühne: Die Tochter, die Schulen und der Digital Divide

Die Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017 – Fränzi Kühne. (Grafik: t3n.de)

Die Zukunft wird digital. Und sie wird automatisiert. Um Chancen auszuschöpfen und Risiken kleinzuhalten, müssen wir jetzt die Grundlagen schaffen. Unsere Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017.

Am Sonntag wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und alle sind mit der Tagespolitik beschäftigt: Steuersätze rauf oder runter, wie viel Zuwanderung, welche Sozialleistungen in welcher Höhe sind gerecht?

Wir wollen das zum Anlass nehmen politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich über die kommenden vier Jahre hinaus zu blicken und wieder die grundsätzliche politische Frage stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage haben wir bekannten digitalen Vordenkern im Rahmen der t3n-Themenwoche Utopien gestellt – und sie haben geantwortet. TLGG-Chefin und Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens Fränzi Kühne über ihr Deutschland 2030.

Digitalisierung heißt nicht „weniger Baustellen“

Was hat man für Anhaltspunkte, um weiterzudenken, wie Vernetzung und Digitalisierung die Gesellschaft in den nächsten drei, vier Legislaturperioden verändern werden? Wo setzt man an? Beim Launch des Arpanets vor 50 Jahren? Bei der Idee des World Wide Web von 1989? Oder beim Start des iPhones im Juni 2007? Wie sehr war die Digitalisierung der bestimmende Teil im perfect storm, der Industrien überrascht, Branchen neu definiert, spezialisierte Techfirmen zu globalen Konzernen gemacht, Berufe ersetzt und Bräuche und Begriffe eingeführt hat?

Allen Kalendereinträgen, Uhren, Trackern, Plänen und Routinen zum Trotz: Zeit ist etwas sehr abstraktes. Am Ende lebt man doch immer nur im Moment und nach vorn wie nach hinten hat man kaum einen wirklichen Begriff davon, was zehn, fünfzehn, zwanzig, vierunddreißig Jahre sind. Wenig jedoch gibt einem so deutlich ein Gefühl für Zeit wie das eigene Kind. Und vielleicht ist das der Schlüssel zur Zukunftsvision.

In vierzehn Jahren wird meine dann sicher tüchtig pubertierende Tochter in einer Welt leben, in der das Digitale auf noch selbstverständlichere Weise Teil des Alltags geworden ist. Ihr Schulweg, ihr Unterricht, ihre Freizeit, die Kommunikation mit „ihren Leuten“ wird von den Technologien und Anwendungsfällen geprägt sein, die wir heute teils am Anfang, teils schon in Vollendung, in Teilen nur als Idee sehen. Der öffentliche Nahverkehr wird überwiegend elektrisch und in großen Teilen autonom ablaufen. Berlin wird sich nach langem Zögern und Diskutieren wie jede deutsche Stadt durch einige Smart-City-Piloten geackert haben und die digitale wie physische Infrastruktur langsam weiter ausbauen. Digitalisierung heißt erstmal nicht „weniger Baustellen“.

Idealerweise werden die heutigen Initiativen zur digitalen Schule Früchte getragen haben. Es gibt die Lehrer, die Werkzeuge und die Unterrichtspläne, die nicht nur die traditionellen Grundlagen vermitteln, sondern auch auf das Leben in einer digitalisierten Welt vorbereiten. Programmieren hat es endlich auf die Lehrpläne geschafft – nicht oder doch nicht nur, um die Coder von übermorgen auszubilden, sondern als ideale Meta-Methode zur Kompetenzvermittlung: Verständnis, Planung, Fehlersuche, Optimierung, Kollaboration. Vor jeder Ruby-Prüfung wird „Das werde ich nie im Leben brauchen!“ gejammert, und aus jedem Schuljahr nimmt sie dann doch wichtige Kenntnisse und Fähigkeiten mit, die wie heute auch in dieser Form gar nicht unbedingt auf dem Zeugnis stehen. Unsere Welt wird auf Software basieren, also braucht es ein Verständnis dafür. Nicht nur Bedien-, sondern auch Entwicklungskompetenz. Das machen zu können, darauf müssen Kinder vorbereitet werden.

McKinsey: 20 Millionen Jobs werden bis 2055 automatisiert

Auf welchen Beruf sie all das vorbereitet? Na, auf alle! Zum einen sind von den 20 Millionen Jobs in Deutschland, die laut McKinsey bis 2055 automatisiert werden können, noch genug übrig. Viele davon sogar weiblich quotiert, auch und vor allem auf den mittleren und den Einstiegsebenen. Zum anderen entstehen neue, spannende, kreative Möglichkeiten in der Entwicklung der nächsten Schritte unserer Welt. Umwelttechnik, Medizin, Jura, Kunst, Journalismus – zu oft wird die Automatisierung als der große Jobkiller verschrien und nicht als der Eröffner von Möglichkeiten gefeiert. „Was ist der Mensch noch wert, wenn eine Maschine seine Arbeit besser erledigen kann?“, war eine Frage in der Vorbereitung dieses Beitrags. Aber ist der Mensch denn mehr wert, wenn er mit seinen eigenen Händen täglich acht Stunden lang kleine Kartons in größere Kartons packt? Den Wert eines Menschen an seiner Arbeit festzumachen, halte ich für mindestens schwierig, wenn nicht für total bescheuert.

Ich bin im Grunde Digitalisierungsoptimistin, aber das heißt nicht, dass ich für aktuelle Negativtrends blind bin. Das Netz, das uns die Welt öffnen und transparent machen sollte, das uns verbinden und eine ganz neue, offene Form von Demokratie ermöglichen würde, hat stattdessen eine profunde Gehässigkeit salonfähig gemacht, Fronten verhärtet, Verschwörungstheorien Plattformen geboten und vielen Formen von Kommunikation der Logik des Lauter! Schneller! Extremer! unterworfen.

Die neue Gründerzeit, die mit Plattform-Logik, Big Data, Vernetzung und niedrigen Einstiegshürden angebrochen schien, bietet neben spannenden Erfolgsgeschichten auch Geschichten von Ausbeutung und von reinen Wettgründungen. Neue Techhypes bringen neue Tech-Blasen, die uns jederzeit um die Ohren fliegen können.

Digitalisierung erzeugt neue Spaltungen

Ich sehe durchaus das Risiko vieler gesellschaftlicher Spaltungen, manche entlang ähnlicher Linien, manche kreuz und quer. Leute, die Digitalisierung samt Gefahren und Möglichkeiten verstehen, und Leute, die reine Anwender sind. Leute, die sich die komplette digitale Brandbreite leisten können und Leute, für die Shopping und Entertainment bleiben. Leute, die sich für ein gutes Geld vom autonomen Taxi chauffieren lassen, und Leute, die die Kotze aus dem autonomen Taxi wischen. Und Marc Andreessens „digital divide“: People who tell computers what to do, and people who are told by computers what to do.

Es muss jetzt ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden, der sich mit Digitalisierung auseinandersetzt und unsere Kinder auf eine andere Grundlage bringt. Die Leute, die sich die Zukunft ausdenken, müssen ausgebildet werden. Der Impuls muss aus unserer Generation kommen. Und das braucht mehr Fantasie und Dialog als „Problem Automatisierung? Lösung Grundeinkommen!“

Wir brauchen mehr und bessere Bildung und neue Formen der Wissensvermittlung. Betreute Anwendungen für Kinder und einen offenen, lernwilligen Verstand auf Seiten der Eltern. „Medienkompetenz“ ist ein überstrapazierter Begriff, mit dem so oft gemeint ist, dass man Menschen über all die Gefahren im bösen Internet aufklärt. Aber wie funktioniert denn eine Filterblase? Warum siehst du, was du siehst? Wie erkennst du Blödsinn von der Phishing-Mail bis zur Austeja-Emilija-Dominykas-Verschwörung? Und wie wehrst du dich gegen Arschgeigen?

Schule muss mehr sein als Beschäftigung und Tradition. Geschichte kann so viel mehr sein als eine Datumsparade, Mathematik so viel deutlicher auf das reale Leben angewandt werden. Programmieren ist, ich sag es noch einmal, mehr als ein neues Feature, das den Arbeitskräften von morgen zu installieren ist.

Es gibt so viel zu tun. Aber was das ideale 2030 heute vor allem braucht, das ist, was ihm heute vor allem fehlt: Eine ernstzunehmende, breite Diskussion auch außerhalb von Unternehmen und digitalen Schlaufüchsen wie t3n. Eine Digitalisierungskultur, in der Christian Lindner sich nicht allein deshalb schon abhebt, weil auf seinem Wahlplakat „Digitalisierung“ steht. Einen politischen Willen, Herausforderungen zu benennen und Lösungen zu entwickeln, statt sich dem Glauben hinzugeben, mit Digitalisierung bliebe alles wie immer, nur halt smart.

Übrigens, auf unserer Bundestagswahl-2017-Seite findet ihr nicht nur weitere Artikel zur Themenwoche Utopien. Wir haben auch tiefergehende Analysen, interessante Infografiken sowie hilfreiche Apps und Tools zum Wahlkampf und der Entscheidungsfindung gesammelt.

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